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ist so verkehrt, die Menschen rennen so toll an Einem vorüber, es ist kein Frieden, keine Gemütlichkeit mehr in den Auffassungen! Drommeldei ist der einzige Philosoph, der noch übrig geblieben ist von der alten Zeit und auch Der fängt an, von Systemen und einem fertigen Glauben zu reden ...

Sie wollten ja immer nach Kissingen, Herr Justizrat

Unterleib meinst du? Hypochondrie? Kissingen-ja, ja! Bist doch ein guter Junge!

Die Verdauung ...

Nicht die Verdauung! Ich bin nicht krank, ich verdaue! Nur and're Freude hab' ich nicht mehr viel. Die Menschen sind so verteufelt ernst geworden, so albernklug, so dummgescheut, so vielseitigeinseitig und die Frauen, wo ist noch eine Frau, die lachen, scherzen kann, die Humor hat, die über dumme Dinge wegsieht und alle klugen versteht?

Melanie!

Meinst du? Ich glaube fast, meine Melanie ist die letzte, die das Leben zu verschönern weiss. Ach Hakkert, wenn wir früher zusammensassen, die Rittergutsbesitzer kamen, brachten Capitalien, die Bauern hatten Prozesse, da gab's Mündel mit grossen vormundschaftlichen Depositen, es war eine andre Zeit. Man arbeitete mit Lust, man spritzte die Feder aus und ging dann zu einem Freunde, um zu diniren, Anekdoten zu hören, etwas Musik, etwas Frauenanmut zu geniessen. Man lachte, man sprach von einem alten boshaften Schriftsteller. Man küsste den Damen die hände, flüsterte ihnen eine Huldigung in's Ohr, hörte dafür wieder die beichte der schönen Sünderinnen ... freilich, Hackert, man war jünger ...

Ich denke aber, Herr Justizrat, Sie wollten nie alt werden?

Wollt' ich Das? Das war Prahlerei, den Ärzten gegenüber. Drommeldei vergriff sich manchmal in seiner Apoteke. Er kam eben von einer hysterischen Dame und hatte mit der über den Nervenäter gesprochen, und zerstreut wie er ist, kam er dann bei mir auch mit dem Nervenäter. Da hab' ich so manchmal eine kräft'ge Renommage dazwischen geworfen und von noch feineren Dingen als den Nerven geprahlt, vom freien menschlichen Willen, stolz sich hebend in der Atmosphäre von Sauerkraut und Pökelfleisch ...

Es werden wieder bessre zeiten kommen, die Sie aufheitern, Herr Justizrat

Meinst du, Junge? Leichte, fröhliche Menschen, gesunde zeiten? glaube's nicht, Kinddu denkst, Pax und seine Genossen könnten die Unruhe ausfegen wie alten Sauerteig? Unserm Jahrhundert ist gar nicht mehr beizukommen und wenn Ihr noch so viel Demokraten einsteckt! Die Freude, die Lust ist gewichen, die Poesie des Lebens ist hin! Eine schöne Phrase! Himmel, was hab' ich früher an einer schönen Phrase geschlürft! Wie Melonensaft floss mir Das um den Mund, wenn ich so ein Kapitel von Rochefoucauld oder Chesterfield las ... Du kennst die kleinen Bücher, die ich zuweilen zwischen der Mehlspeise und dem fisch von dir aus meiner Bibliotek holen liess, um meinen Gästen einen Satz aus der ...

Philosophie der Bagatelle, wie Sie's nannten

Philosophie der Bagatelle! Nannt' ich's so? Sieh, ich bin selbst Schuld daran, dass du uns Allen über den Kopf gewachsen bist. Wenn ich ernst sein wollte und fragte mich:

Wer hat die Verantwortung für Alles, was den Frieden unsres Hauses, unsre Freundschaft störte

Lassen Sie Das doch, Herr Justizrat!

Wie liebt' ich dich, Fritz! Wie schmiegsam, gewandt warst du! Welche Handschrift! Welche Auffassung, wenn ich dir einen Brief zu schreiben überliess!

Ich nahm alle Menschen für schlecht. Da hatte' ich's kurz.

Ja, ich, ich lehrte dich auch diesen Cynismus. Bist ein Cyniker, Junge! Eine respektable Philosophie des Altertums! Suchst nichts im Äusseren! Du hattest, was Du begehrtest. Wie fröhlich ging es bei uns her! Wir haben noch Champagner, Fritz. Er schmeckt uns aber nicht mehr. Bartusch grämelt, meine Frau grämelt, Melanie grämelt, Alle möchten gern des Teufels und fromm werden und können's doch nichtder Durchbruch fehlt! Du mein Himmel, wenn der Unsinn des Jahrhunderts und die langweilige Ernstaftigkeit unsrer Epoche sich auch in meine alte Komturei einschliche

Oder Sie gar die Komturei verlassen müssten?

Meinst du? Auch dieser Prozess ist mit an meiner Verstimmung Schuld. Mit dem Schrein in Hohenberg fing das Trauerspiel an. Nicht, dass ich fürchtete, den Prozess zu verlieren. Nein, auch die zweite Instanz spricht für die Kommune und das Recht des Besitzes. Aber es sind dabei Dinge vorgekommen, die mich aufgeregt, erschüttert haben, Dinge, wo ich mit mir selbst in Widerspruch geriet und zuweilen nasse Augen hatte. Es ist nicht gut, weich zu werden.

Sie weinen doch sonst manchmal recht gern, Herr Justizrat!

Das ist's eben! sagte Schlurck lächelnd, fast wehmütig. Es kommt jetzt zu oft. Du weisst, wie ich mich gegen Rührungen sträube. Diese Rührungen sind die eigentlichen heimlichen Kalendermacher; Rührungen, mein Sohn, sind die Leichentücher, an denen man so ganz sanft und ruhig allmälig unsern Sarg in die Grube lässt! Rührungen weichen den ganzen Menschen auf, als wär' er von Lehm gebacken und der Frühling käme so über Einen und versetzte uns sanft und lind in einen auseinandergehenden dünnen Brei, den man das himmlische Leben nennt. Sonst wurde bei uns gelacht