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Das kleine Zimmer war nicht sehr erwärmt. Schlurck musste niesen.
Helf Gott! rief Hackert nebenan von dem Ofen aus, wo er sich wärmte.
Schlurck blieb das Danke! schuldig, stand aber nach einer Weile auf und kam in Hackert's Wartezimmer.
Wie geht es Ihnen denn, Hackert? begann er jetzt mit einer Güte, die ihm eigentlich angeboren war, die er aber meist hinter äussrer Kälte und negativen philosophischen Maximen versteckte.
Danke, Herr Justizrat. Sie sehen, ich stehe auf Wartegeld.
Sie sind ja bei der Polizei eingetreten, fuhr Schlurck in künstlich barschem Tone fort.
Steht Das im Amtsblatt? fragte Hackert.
Ich hab' es von Pax. Der Oberkommissär ist unser bester Polizist. Es macht ihm Ehre, dass er sich fähige Menschen aussucht und jungen anschlägigen Köpfen den Vorzug gibt.
Danke! sagte Hackert mit einer kalten trocknen Malice.
Sie hören nicht gern, Hackert, dass Sie bei der Polizei sind. Es geht Jedem so. Anfangs hat man Gewissensskrupel. Später treten die Erfolge ein, die sich belohnen und der Wetteifer mit den Kollegen tut das Übrige. Man gewinnt in solchen Fällen selbst sein Elend lieb.
Gelecktes Blut macht wilder ...
Pax benutzt Sie zu geheimen Aufträgen. Auf solchem Wege kann man jetzt Carriere machen, aber stellen Sie Ihre Bedingungen ja immer vor den Coups, die Sie ausführen, nie nachher! hören Sie! Auch muss man Grundsätze haben –
Den Grundsatz, keine zu haben.
Das ist Dasselbe, Hackert! Ich prophezeie Ihnen eine glänzende Laufbahn, wenn Sie sich an Pax anschmiegen, nie mehr anerkannt wissen wollen, als was Sie zu seiner Zufriedenheit ausführen und überhaupt sich mit Verstand unterordnen. Bei diesen Menschen, die selbst wieder einem Höheren dienen, muss man nur nicht verraten, dass man sie in Händen hat oder dass sie mit Dingen prahlen, die eigentlich den Subalternen gelungen sind. Sie haben sich lange von Bartusch kein Geld geholt. bekommen Sie einen bestimmten Gehalt, Hackert?
Hackert nickte.
Kann man fragen, wieviel?
Zweihundert Taler fix und für's Übrige Gratificationen.
Prisengelder so zu sagen! fiel Schlurck lachend ein und fuhr dann mit der Behaglichkeit, die er immer fühlte, wenn er sah, dass es jedem Menschen in der Welt leidlich gut und flott ging, fort:
Hackert, da gratulir' ich! Ihre Anschlägigkeit wird Ihnen den Weg bahnen. Sie haben bei mir etwas gelernt und wenn Sie auch nichts mit auf die Welt bekamen, als ein paar Windeln in dem Korb, mit dem Sie vor's Waisenhaus gestellt wurden, Witz und Raffinement hat Ihnen die gütigere Mutter natur geschenkt.
Wenigstens hab' ich ihr auch schon manches Lehrgeld dafür zahlen müssen! antwortete Hackert bitter.
Sind Sie immer wohl? Gesund, Hackert?
Hackert schlug bei dieser Ablenkung die Augen nieder.
Kein Rückfall mehr in das alte Übel?
Hackert schwieg. Jedem Andern würde er mit einer Insolenz geantwortet haben. Schlurck's im grund weichliches Gemüt aber kannte er und fühlte die Teilnahme aus der barschen und äusserlich feindseligen strengen Art, mit der der Justizrat ihn examinirte, hinlänglich heraus. So antwortete er ihm denn auch nach einigem Besinnen:
Manchmal find' ich meinen Stubenschlüssel anderwärts, als wo ich ihn des Abends hingelegt habe. Das ist Alles, was ich von dem Zustand jetzt grade weiss.
Sie wohnen bei einem Barbier, Namens Zipfel?
Sollt' ich einmal Unglück haben, so ist Verband in der Nähe ...
Schlurck fing von seinen Unterstützungen, von Hakkert's Stolz, von Bartusch an ...
Gestern besuchte er die Frau Gerichtsdienerin Spiess im rataus. Er geht recht klapperbeinig. Was ist ihm nur?
Schlurck meinte geheimnissvoll lächelnd, das käme davon, dass er Geister gesehen hätte ...
Hat Bartusch Geister gesehen? fragte Hackert.
Ich erlebe, dass er noch fromm wird! fuhr Schlurck kopfschüttelnd und frivol fort. Zur Spiess geht er vielleicht, um zu beten ...
Hackert lachte und stellte die Vermutung auf, dass Bartusch sich manchmal der Gefahr aussetze, von Treppen zu fallen, mit Wassergeschirren begossen zu werden und ähnliches Unglück zu erleben. Auch Schlurck lachte nun herzlicher. Beide aneinandergewöhnte Menschen fanden sich durch Frivolität wieder. Sinnenmenschen geht's nicht anders. Sie finden sich nicht, wenn sie die Feierkleider der Seele anziehen, immer aber, wenn sie sich im Negligée belauschen.
Hackert, sagte Schlurck und kam ihm zutraulicher entgegen; ich habe Sie manchmal recht nötig –
Warum dutzen Sie mich denn nicht mehr, Herr Justizrat? Sie wissen doch –
Ich weiss, dass ich dich immer gern gehabt habe, Junge, und ein solches Ende unsrer Freundschaft nicht voraussah. Seit du aus dem haus bist –
Herr Justizrat, Sie sehen recht traurig aus ...
In der Tat zitterte Schlurck's stimme und seine Brillengläser liefen vom umflorten Auge an. Er musste die Gläser abnehmen. Hackert'chen, ich bin der Alte nicht mehr, sagte er, die Gläser mit seinem ostindischen Taschentuche putzend, ich habe zuviel auf Einmal erfahren müssen. Es ist doch wohl, dass ich mich in diese Zeit nicht recht schicken kann ...
Alle Geschäfte gehen schlecht ...
Das wollte weniger sagen, Kind, obgleich auch – der Trieb, Neues zu beginnen, gehört nur der Jugend. Unser Fleiss im Alter ist an die einmal gezogenen Gleise gebunden. Ach, und die Welt