1850_Gutzkow_030_711.txt

ein silberner Löffel gestohlen worden und die herrschaft hier will, dass ich mit Klugheit entdecke, welcher von den Bedienten der Täter ist. Der impertinente Schlingel, der mir hier nichts als ein Wachslicht vorsetzte, ahnt vielleicht sein Schicksal nicht.

In diesem Augenblick hörte er nebenan, in einem Zimmer, das gleichfalls nach dem hof hinausging und allerdings hintertreppenartig genug aussah, einige Worte, die ungefähr so lauteten:

Wohin, wohin, wertester Herr Justizrat?

Lassen Sie mich, Beste! Ich kenne diese kleine Retraite

Bleiben Sie in dem türkischen Zelt! Spielen Sie, Justizrat?

Danke! Danke! Ich warte hier, bis Se. Durchlaucht kommen. Ein paar Worte mit ihm, dann ist mein Geschäft abgemacht.

Wie Sie wollen, Justizrat! Ich schicke Ihnen den Tee hier herein! Aber, Himmel! Sie sind ein Einsiedler geworden, menschenscheu so zu sagen! Was ist Das nur?

Die stimme, die diese Worte sprach, gehörte irgend einer alten in ihrem Organe verwahrlosten Frau.

Sie war krächzend und unmelodisch. Hackert kannte sie nicht. Aber Schlurck's stimme war ihm sogleich gegenwärtig. Es erregte ihn nicht wenig, dem mann wieder nahe zu sein, den er eine so lange, glückliche Jugendzeit hindurch gewohnt war wie seinen Vater zu betrachten und der ihn erst dann in Überwallung des Zornes aus dem haus entfernte, als er sich ihm gegenüber rühmte, dass eine Jugendliebe nicht ohne Erwiderung geblieben war.

Es wurde Alles still nebenan. In den vordern Zimmern, die zur Allee hinausgingen, merkte man die belebte Gesellschaft, der der Justizrat offenbar entfliehen wollte. Nebenan nur hustete und räusperte sich zuweilen derselbe Mann, der nicht ahnen mochte, dass ihm sein ehemaliger Pflegesohn, der Schreiber Fritz Hackert, so nahe war.

Hackert konnte dem Reize, sich dem Justizrate bemerkbar zu machen, auf die Länge nicht widerstehen. Er fing gleichfalls an zu husten und trällerte leise. Er glaubte jetzt damit Eindruck machen zu können, dass man ihn in ein so vornehmes Haus beschieden hatte und stand, da der Justizrat ganz allein zu sein schien, mehrmals auf dem Sprunge, zu ihm einzutreten. Nur der Gedanke, dass jeden Augenblick nun doch wohl die Dame kommen konnte, die ihn zu sprechen verlangt hatte, hinderte ihn an der Ausführung. Endlich als diese sogenannte Madame Ludmer in ihrer Rücksichtslosigkeit auch zu weit ging und immer noch nicht kam und zuletzt gar Kuchen und Wein mit der Bitte schickte, nicht ungeduldig zu werden, fasste er sich ein Herz und entschloss sich, den Justizrat zu überraschen und wär' es auch nur, dass er so täte, als hätte er sich in den Zimmern geirrt und gleich wieder zurückprallte ... Er öffnete die Tür. Ein Lichtstrahl fiel ihm entgegen aus einem bunten Gemache, das ohne Zweifel jenes obengenannte türkische Zelt war. Zwischen seinem Zimmer und jenem geöffneten Zelte lag noch ein einfenstriger Verbindungsraum, unerhellt. Ein Sopha stand hier gegen die Wand so gestellt, dass Hackert den darauf Sitzenden zwar bemerken, aber auch tun konnte, als säh' er ihn nicht, während er selbst halb unbemerkt blieb.

Schlurck blieb ruhig sitzen. Er glaubte, ein Bedienter sähe nach dem türkischen Zelte und liess Hackerten ruhig gewähren, der auf den Zehen nach vorne schlich und dem lauten Gespräch der vorderen Säle folgen zu wollen schien. Ein Seitenblick zeigte ihm Schlurck's Perrücke, seine goldne Brille, seinen blauen Frack mit den gelben Knöpfen. Hackert ging so weit vorwärts, dass er schon im türkischen Zelte stand und sich grell genug in der Beleuchtung desselben, von dem kleinen Zimmer aus gesehen, abschnitt. Nun richtete Schlurck doch den Kopf empor, erkannte Hackert und von dem Gedanken ergriffen, der böse Dämon wage sich in diese Zimmer, um Melanie zu beunruhigen, sprang er auf, war mit zwei Schritten in dem türkischen Zelte, fasste Hackerten am Arm und riss ihn gewaltsam zurück.

Gemach, Herr Justizrat! rief Hackert. Was unterstehen Sie sich?

Was soll Das hier? Hackert! Welche Dreistigkeit!

Nun, nunereifern Sie sich nicht, Herr Justizrat ... stör' ich Sie in Ihren Betrachtungen?

Was soll Das? Wie kommen Sie hieher, Hackert? Entfernen Sie sich! Augenblicklich!

Hackert lachte höhnisch und sagte dem Justizrat, dass ihn hieher eine Einladung beschieden hätte und er nachgrade gestehen müsse, dass ihm die Zeit lang würde.

Da er sich bei dieser Erläuterung zurückzog und Miene machte, wieder in sein Zimmer zurückzutreten, polterte der Justizrat, der gegen keinen Menschen in der Welt persönlichen Mut hatte, nur gegen Hackert, jetzt aber schon etwas besänftigt war:

Eine Einladung? Von wem?

Von Madame Ludmer!

So! so! Hackert, hier vorn ist Gesellschaft. Warten Sie da, wo man Ihnen Platz angewiesen hat.

Danke für die Auskunft, Herr Justizrat! Guten Abend, Herr Justizrat!

Damit wollte der Schreiber höhnisch und die weissen Zähne weisend langsam sich zurückziehen. Still und voll genoss er die Wonne, sich hier gezeigt zu haben. Er zog die Tür nach sich, ohne sie zu schliessen.

Da sie aufblieb und sich der Justizrat wieder rückwärts an die Wand auf sein Sopha gesetzt hatte, wie Jemand, dem Gesellschaft zum Ekel ist und der nur auf eine Veranlassung wartet, nach irgend einem vollzogenen Geschäfte sich zu entfernen, trat eine unheimliche Pause ein. Hackert regte sich nicht. Schlurck stützte den Kopf auf und durchbohrte mit den Augen seine Brillengläser