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In braunen Augen nur vergess' ich meine Pflichten,

Melanie! erwiderte Egon und wollte die schlanke Hüfte umfassen und das schöne Mädchen an sich ziehen.

Himmel! sagte Melanie. Da fällt ein durchlauchtig

stes Haar auf meine Schulter. Helfen Sie mir es suchen, Geheimrätin! Ich sammle diesen Herbst, um der Gräfin Wachendorf einen geheimen Brochenschmuck daraus flechten zu lassen.

Melanie! seufzte Egon. Spotten Sie nicht über

einen Menschen, der seit drei Wochen täglich nur fünf Stunden geschlafen hat!

Aber nicht Opium nimmt! hören Sie, Prinz! Man erzählt Das! Um Gotteswillen nicht!

Melanie sprach diese Bitte mit wirklicher Teilnahme und ging auf Egon, dem sie entflohen war, freundlich zu.

Wie bemitleid' ich Sie! sagte sie fast traulich zu ihm.

Wär' ich so jung und schön, wie Sie! warf Pauline dazwischen und hielt ihre Hand fest, so würde' ich Mitleiden mit diesen umflorten müden Augenlidern haben und sie küssen.

Ein solches Wort konnte nur möglich sein bei einer schon weitgediehenen Vertraulichkeit.

Wenn Sie die Augen schliessen wollen! sagte Melanie, berühr' ich sie mit meinen Handschuhen. Ich hörte immer, das Handschuhleder der Frauen magnetisirt.

Egon schloss die Augen. Melanie näherte sich leise und hauchte die Lider mit ihrem Atem an. Egon merkte die Nähe des schönen Mundes. Er wollte Melanie im trunknen Taumel haschen, aber sie entfloh ihm. Er ergriff seinen Hut um sie zu verfolgen. So huschten Beide fort und erst auf der Emporstiege nahmen sie einen gemessenen, vernünftigen Schritt ...

Pauline aber machte etwas Toilette. Sie gestand sich, dass sie ein grosses Glück genoss. Ein junger, liebenswürdiger, von aller Welt bewunderter Mann war ihr seit der Entdeckung, dass er nicht den Fürsten Waldemar von Hohenberg, sondern einen Unbekannten, Namens Heinrich Rodewald, zum wahren Vater hatte, zugetan wie ein Sohn, zuweilen wie ein Gefangener. Sie schloss ihn wirklich in ihr Herz, das jener entusiastischen Einseitigkeit, die man nach Rudhard's Teorie Liebe nennt, im höchsten Grade fähig war. Sie schloss ihn da mit aller Vorliebe um so inniger ein, als sie, wie wir gesehen haben, fast spielend, wie im Scherz durch Egon über die wichtigsten Ereignisse des Staates in Kenntniss gesetzt wurde und sich endlich in jenem Zusammenhange mit ihrer Epoche fühlte, den sie so lange vergebens erstrebt hatte. Es war ein hoher triumphirender Stolz, mit dem sie ihre Gemächer verliess, um hinaufzusteigen in ihre wie es schien heute mehr als je gefüllten, jetzt gegen früher sehr veränderten Salons, die wir diesmal nur vom Standpunkte eines nur mittelbar zu ihnen Eingeladenen von der Hintertreppe aus belauschen wollen ...

Ein teil der Gesellschaft war schon versammelt, als Fritz Hackert, der an ihn ergangenen Aufforderung gemäss, sich in dem Hotel der Geheimrätin von Harder einstellte ...

Schon hielten einige Wagen vor der Tür. Er erkannte die Livree des Fürsten und einiger andrer vornehmen Besucher, die einstweilen von der Ludmer empfangen wurden ...

Als er eine Hintertreppe emporgestiegen und in einen mit Decken belegten und von Glaskugeln mit milchweissem Lichte erleuchteten Korridor getreten war, gab man ihm den Bescheid, dass er erwartet würde, sich aber einige Zeit gedulden müsse, bis Madame Ludmer zu sprechen wäre. Man wies ihn in derselben Etage, wo die Gesellschaft sich versammelte, in ein hinteres Zimmer und stellte ihm ein Wachslicht hin mit dem Ersuchen, sich die Zeit nicht lang werden zu lassen.

Es kommt überhaupt darauf an, sagte er zu dem Bedienten ziemlich vorwitzig, ob ich Zeit habe.

Der Bediente beobachtete den Anzug des kühnen Sprechers. Hackert hatte eine gewähltere Toilette gemacht und einmal an sein struppiges Haar, dem er keine Sorgfalt widmen mochte, weil er es der Farbe wegen hasste, sorgsamlichst die Bürste gebracht. Der schwarze Frack, den er trug, war etwas eng geworden, die Weste von verschossenem gelben Piqué; sie hatte früher dem Justizrat Schlurck gehört, von dem er überhaupt, seiner Stellung zu ihm gemäss, die abgelegten Kleider trug. Seine Handschuhe waren von weissem, frischgewaschenem Baumwollengespinnst. Da es draussen empfindliche Novemberkälte gab, so fror ihn in seinem leichten Staatsanzuge. Glücklicherweise fand sich ein Ofen. Er setzte sich an die ausströmende Wärme desselben, gerade einem Spiegel gegenüber, in dem sich wiederfindend Hackert vor sich her brummte:

Gerade wie ein Junge, der eingesegnet wird und das erste Mal das Abendmahl nimmt! Wenn die Dame, die mich sprechen will, noch hübsch ist, so fürcht' ich, hält sie mich meines Hemdkragens wegen für einen unschuldigen Jüngling und wird rot statt meiner. Wenn ich den Hemdkragen aufstellte! So! Jetzt das schwarze Tuch breiter gelegtHa! Nun hab' ich das Ansehen eines jungen Engländers aus einer Pension! Hackert, Hackert! Du hältst dich für schön und die Sorgfalt deiner Toilette wird sich rächen!

Es währte geraume Zeit, ehe die Stille um ihn her durch irgend etwas Bemerkenswertes unterbrochen wurde. Er hörte zuweilen einen Wagen rollen, zuweilen die Haustür gehen und Etwas die grosse Treppe, wie er sagte, heraufknackern. Im Übrigen war es still. Die zurückgelegte Gardine zeigte den Hof und einen blick in den kahlen, winterlichen Garten. Er sah Remisen, einen Stall und fand es in der Ordnung, dass in dieser Einsamkeit auch einige gewaltige Hunde klafften.

Bei Alledem, sagte er sich, bin ich begierig, was man von mir will. Ich wette, es ist