1850_Gutzkow_030_71.txt

Perrücke und der höchst gewählten Toilette; oder lag sie in dem Zuletzterscheinen ... genug die wirkung war da und Excellenz setzten sich, sehr befriedigt von dem Eindruck, den ein Mann seiner Stellung in einem solchen doch nur mittlern Kreise hervorrief ... Wir werden künftig sehen, wie Herr von Harder in der grossen Welt doch auch nur klein erschien, hier aber gaben ihm Tournure und selbstgespendete Sorgfalt in der Tat einen Schimmer von Interesse, der nur bei längerer Dauer sich dann nicht hielt, wenn er nicht künstlich immer wieder angefacht wurde. Melanie übernahm dies Amt. Ob aus neckender Spottsucht oder Coquetterie, ist schwer zu sagen. Soviel aber stand von ihr fest, dass sie sonst wirklich nicht zu den guten lieben Frauennaturen gehörte, die, wie z.B. die edle Anna von Harder tat, die Schwester Paulinens, in einer Gesellschaft immer gerade den Bescheidensten hervorsuchen. Melanie hing sich an Den, der der Löwe des Cirkels war. Geist besass sie wohl genug, um Das herauszufühlen, was ihr geistig am meisten hätte genügen müssen; aber ihr Herz schlug nicht warm genug, um zu ertragen, dass man durch die Beschäftigung mit einem Bescheidenen selbst in den Hintergrund tritt. Hier war Herr von Harder der wichtigste und effectvollste und ihm widmete sie sich. Wäre ein berühmter Virtuose in diesem Augenblicke eingetreten und hätte wieder den Geheimrat verdunkelt, so würde sie sich mit Diesem vermittelt haben. Sie war ein Schmetterling, der die Sonne und die leuchtenden Blumen liebt.

Man sprach Viel über Vieles. Die Menschen sind nie so mechanisch und willenlos, wie da, wo sie sich in starker Anzahl ohne einen Zweck vereinigen. Man glaubt dann in der Tat unter Wesen zu sein, die ursprünglich niederer, halbtierischer Abstammung, nur durch eine eingelernte und angewöhnte Ausbildung sich höher aufschwingen. Man spricht um zu sprechen. Ein Jeder klammert sich an das Unbedeutendste, um daraus eine Art Friction, die man Geselligkeit, Gesprächigkeit nennt, hervorzubringen. Man ergreift Strohhalme und raisonnirt über sie, wie über die Achse der Erde. Ist eine solche Gesellschaft vorüber, so kriecht Jeder wieder in das Schneckenhaus seines Interesses zurück, bleibt Dem Feind, den er scheinbar heute als Freund begrüsst hat, und spinnt die wahren geheimen Fäden seines Daseins und Charakters so fort, wie er sie einmal anlegte, um sich durch das Labyrint des Lebens führen zu lassen.

Man bedauerte die Mühe, die der Intendant mit dem Transport des fürstlichen Mobiliars hätte ...

Für welches Schloss, fragte der Commerzienrat, ist diese Einrichtung bestimmt?

Mein allergnädigster König, antwortete der Befragte, haben darüber noch nichts befohlen.

Mit dieser kurzen Erwiderung war eigentlich dies Tema abgeschnitten. Allein Stromer, der sich seit einigen Tagen wieder in jener feurigen, vulkanischen Stimmung befand, brach bei dieser Veranlassung durch und sprach folgendes Bedeutungsvolle:

Wenn nur Alles zusammenbleibt! Wenn nur Keins vom Andern getrennt wird! Das ist ja ein Leben, ein ganzes Dasein, was in einem solchen durch Jahre hindurch gesammelten Hausrat liegt! Man würde ja hier einer Blume die Staubfäden entreissen und sie für echt und vollkommen nicht mehr auszugeben wagen dürfen, wenn man dieser Einrichtung irgend etwas entzöge oder sie wohl gar teilte! Ja, ich gehe soweit, dass ich das Verwehen des Staubes, des Duftes beklage, den solche gewohnte Spuren eines bedeutenden Lebensund ein solches hat mit der Fürstin ausgeatmetzuletzt annehmen! Wie stand da nicht Eines neben dem Andern in gewohnter Symmetrie! Das Bild des Heilandes prangte in einem geöffneten Flügelschrank von ausgelegter altdeutscher Arbeit. Immer schmückten Blumen diese der Fürstin heilige Stätte. Wie oft betrachtete sie die Häupter der Blumen, die sich hier so sanft, so allmälig neigten, immer matter, immer matter, und zu den Füssen des Erlösers allmälig welkten, sowie er. Es sind Das da Kronen, sagte sie mir einmal, Diademe sind's und Ritterhelme, die so vergänglich vor dem Herrn und König der Welt versinken. Und sie duldete nicht immer täglich frische Blumen, sie wollte erst die alten sterben, vergehen sehen, tot und geknickt, wie der Erlöser. Sie war so sinnig, die liebe Frau in ihrer stillen Schwärmerei! Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle, die wir sie umgaben, wie von einem schweren Traume befreit sind, der unsere Sinne gefangen nahm und uns zu sehr, zu sehr von der üblichen Ordnung des Lebens abzog, so ist ihr doch nur das Lob der edelsten Eigenschaften nachzusagen, und wenn ich wagen könnte, durch Ew. Excellenz Mund zu unserer zartfühlenden Landesmutter zu sprechen, so würde' ich bitten: Lassen Sie diese sinnige Einrichtung beieinander! Stellen Sie diese Schränke, diese Tische, Stühle mit den vielen Andenken der Liebe, den gestickten, von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kissen, den eingerahmten Blumenstücken, den gusseisernen, bronzenen, elfenbeinernen kleinen Nippsachen, die treffend gewählte Bibliotek und besonders die wertvollen Bilder, die das Beste in Stichen wiedergeben, was Overbeck, Wach, Veit geleistet haben, der Gemälde nicht zu gedenken, von denen einige Originale sind und keinen vorübergehenden Wert ansprechen dürfen, stellen Sie alles Das in irgend einem Landsitze des erhabenen Königspaares auf! Man bewahrt auf diese Art ein Gemeinschaftliches, das mir vorkommt wie ein wandelbarer, fernwirkender, geheimnissreicher, elektrischer Leiter. Aus der Liebe geboren, weckt es Liebe. Ich bin gewiss, Niemand wird diese drei Zimmer der Fürstin, selbst wenn sie, wie weiland die heilige