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, dass dieser kluge Mann irgendwie sich an untergeordnete Emissaire preisgibt, aber ich weiss, dass das Terrain für den Jesuitismus bei haltlosen, in allen Widersprüchen der Zeit hin- und herschwankenden Naturen gar nicht so ungünstig ist. Selbst aus dem Schoosse der Freimaurerei, die sonst eine geschworne Feindin Loyola's ist, hat sich wieder ein päpstliches Autoritätswesen entwickelt, ganz wie im vorigen Jahrhundert ...

Jetzt verstehe' ich den Artikel, den Stromer vorgestern im "Jahrhundert" lieferte.

Er verfasste ihn nach meinen Angaben und ich beobachtete die wirkung desselben in den "kleinen Cirkeln".

O erzählen Sie!

Als ich eintrat, fühlte ich an einer gewissen Stille in dem kleinen traulichen Zimmer, dass ich selbst eben der Gegenstand des Gespräches gewesen war. General Voland steckte eben eine Zeitung ein, die er ohne Zweifel vorgelesen und glossirt hatte. Prinz Ottokar, ein Gegner des Generals, stand auf und sagte mit lautem Nachdruck, indem er mir die Hand reichte: Prinz Hohenberg, Sie haben Recht, dass Sie unklare Schleicher abfertigen lassen! Als er gegangen war, sprach ich mich auf's Entschiedenste gegen die geheimen Gesellschaften aus ...

Zitterte da die Altenwyl nicht für unsern geliebten Reubund?

Wohl! Man kam wieder mit all dem romantischen Geflimmer, dem ich nun- und nimmermehr das Wort reden werde. Dies Liebäugeln mit dem Mittelalter hat den modernen Staat in seiner monarchischkonservativen Form fast zur Unmöglichkeit discreditirt. Ich liess die Altenwyl, die gutgeschulten Kammerherren, einige gottselige Präsidenten, die Hofmagier und Zeichendeuter alle reden, was sie wollten über diese notwendigkeit des Anschlusses gleichgestimmter Gemüter und was sonst für die geschichte der Kreuzzüge und des Peter von Amiens Brauchbares vorgebracht wurde, und war zuletzt so frei, den General Voland über seine Meinung wegen der Jesuiten zu fragen. Die Königin, etwas gereizt, warf sogleich die Äusserung dazwischen, dass der General katolisch wäre. Der König in seinem scheuen Zartgefühl, in seiner Befangenheit vor allen extremen Meinungen brach diese Debatte durch ein Album ab, dessen Blätter er mir vorlegte. Es waren ...

Doch nicht die Zeichnungen des Getsemane? fragte Pauline.

O nein, sagte Egon lachend. Frau von Trompetta ist ja seit ihrer Sammlung für die deutsche Flotte so in Ungnade gefallen, dass Frau von Altenwyl sie kürzlich schon eine der gefährlichsten Hochverräterinnen nannte, die man nur ihrer frommen Verwandten wegen schonen würde.

Pauline musste über diese Anschuldigung der Frau von Trompetta in lachen ausbrechen.

Nein, fuhr Egon fort, jenes Album war eine Siegelund Wappensammlung, die General Voland seit Jahren geordnet hat ...

Man sieht, dass wir im Frieden leben und uns nur zum Schein manchmal auf den Krieg berufen!

Ich mag etwas Ähnliches in meinen Mienen geäussert haben; denn mein Interesse an diesen bunten Malereien war sehr gering. Die Königin hob viele der in den Wappen entaltenen Wahlsprüche hervor. Besonders gefielen ihr die provenzalischen, die General Arnheim gut übersetzen konnte. Ich litt, zu sehen, welchen Ideen und Beschäftigungen man bei hof in dieser Zeit nachgeht. Man betrachtet Siegel und treibt Wappenkunde! Man lässt sich erzählen, wie die Alten Glas brannten und wodurch besonders das glühende Rubin der gemalten Fensterscheiben gewonnen wird! Man sammelt Autographen und liest die Schriften über "innre Mission", die zu Hamburg in der "Agentur des rauhen Hauses" erscheinen. Der König, gegängelt von den Frauen, hat die Liebhaberei des Allwissens und schlägt, da seine eignen grossen Kenntnisse doch immer noch nicht ausreichen, die noch grösseren des Generals Voland auf. Ruhig gibt dieser seine Antworten, immer positiv, immer wie sich von selbst verstehend. Wir andern Menschen machen doch zuweilen einen Fehler, wir wissen doch zuweilen auch so gut wie nichts, allein der General ist unerschütterlich. Er ist ein Orakel und die Königin würde, wenn er behauptete, er zähle wie Graf St.-Germain bereits hundert Jahre, es unbedingt glauben und diesen Glauben dem Gemahl zu einem Beichtartikel, zu einer unumstösslichen Tatsache machen. Da ich Beweise in Händen habe, dass General Voland mit Rafflard und einem andern Krypto-Jesuiten vertrauten Verkehr getrieben, so zitterte ich vor Ungeduld und hätte diese Wappen, diese Siegel, diese Autographen, diese Miniaturen vom Tische hinunterwerfen mögen, allein ich musste mich beherrschen. Die Rede kam auf die verschiedenen Formen des heiligen Kreuzes. Die Kenntnisse des Generals waren unerschöpflich. Er beschrieb zu grosser Rührung der Altenwyl die Form des Kreuzes, wie sie von der heiligen Helena aus Jerusalem zuerst überbracht war. Er verfolgte die geschichte dieser Formationen mit der Gründlichkeit eines Cuvier, der über die Erdrinde und ihre Revolutionen spricht. Er nahm einen Bleistift und malte das Kreuz nach allen seinen abend- und morgenländischen Metamorphosen. Die Kreuzzüge, die Ritterorden, die Klostergeschichte, bei allen brachte er das ecce signum in andrer Form und erläuterte die Symbolik, alle Veränderungen und Ausschmückungen jener ursprünglichen beiden geschälten Holzstämme, an die ich von Herzen glaube, mit wahrer Salbung und einer Rührung für die Gemeinde, als wenn es sich um die Leidensgeschichte der Menschheit handelte. Ungeduldig beschleunigte ich diese Orgelei und sprach plötzlich von dem protestantischen Johanniterkreuze, das sich in unsern Gegenden fände, nicht aber in dem alten Magistratsgebäude, nicht in den kleinen Zellen des Ratskellers, deren obere Wölbungen noch mit dem alten Kreuze geschmückt wären, dessen Enden in dem drei-Kleeblatt ausliefen ...

Pauline fragte erstaunt, was es mit dieser von Egon so scharf hervorgehobenen Anspielung für eine Bewandniss hätte?

Sie