Vergebung zurückkehren, gewann sie eine junge, liebenswürdige, kindliche Anverwandte und bestimmte sie zu Rodewald's künftiger Gattin. Ich habe nichts mehr von Beiden, die sich wirklich verheirateten und diese Länder verliessen, gehört, nichts mehr hören mögen, ich wandte mich bald, da ich an dem Fürsten den gehofften Halt verlor, zu dem einzigen Hort des Lebens, dem Tröster aller Leiden, unserm Herrn und Heiland, der mir Gnade widerfahren liess, aber auch stündlich zuruft: Demut und Kreuz auf Erden ist allein Erhöhung zum Himmel!"
Pauline runzelte die düstren Augenbrauen. Dies ernste Gespräch kam ihr zu unerwartet. Es weckte zuviel der schmerzlichsten Erinnerungen aus vergangnen Tagen. Sie wollte der Gegenwart leben, den Augenblick geniessen. Sie hasste alle Rück- und alle Vorblicke, sie floh die Reflexion und behauptete, Egon hätte eine verdriessliche Erfahrung gehabt und wäre nicht aufrichtig gegen sie.
Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt, sagte sie. Ich weiss es, dass Sie ihn ungern in den "kleinen Cirkeln" sehen und ihm nicht verzeihen können, dass er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausschlug. Die Beamten intriguiren? Die Provinzialpräfekten? Nicht?
Egon schwieg. Er wollte nicht antworten. Er weilte in den Erinnerungen seiner Mutter. Man brachte ihm hierher Briefe, Zeitungen. Er sah sie noch nicht an. Pauline kannte seine ernste natur und musste ihn schonen, um ihn nicht zu erzürnen. Sie las in den Blättern. Dann und wann liess sie eine Bemerkung fallen, eine Notiz laut werden. Egon antwortete einsylbig. Erst als Pauline leise ging, aus einem Kästchen an ihrem Schreibtisch eine Cigarre mit Grazie hervorzog, sie über dem Cylinder der Lampe behutsam anzündete und mit wirklicher Anmut sie dem Träumenden entgegenhielt, lächelte er, stand auf, nahm die dargebotene Licenz, sich es hier so bequem wie in seinem haus zu machen, entgegen und wurde mit der ersten Wolke, die er hinausblies in das erwärmte, behagliche stille Gemach von dem Drucke, der auf seinem Herzen lastete, befreit.
Was bringen die Blätter? sagte er. Was fragten Sie mich vorhin über General Voland? Oder von Rochus vom Westen, dem Gesandten? Oder dem Präsidenten von Flottwitz? Sprachen Sie nicht?
Er war zur Gegenwart zurückgekehrt.
Fünftes Capitel
Die Hintertreppen
Die Geheimrätin fragte zuvörderst, wie der berühmte General sich zu ihm stelle.
Egon antwortete:
Ich weiss jetzt, warum General Voland von der Hahnenfeder sich scheute, in mein Ministerium einzutreten. Ich habe Entdeckungen gemacht, die mich bestimmen werden, den Hof vor diesem unklaren Charakter zu warnen. Entsinnen Sie sich jenes Professors Rafflard, der sich an Helenen so geflissentlich anschloss?
Die Geheimrätin bemerkte, dass sie von Helenen selbst erfahren hätte, dieser Rafflard wäre ein Jesuit.
Helene, sagte Egon, war leichtgläubig, ein Spielball jeder Schmeichelei. Sie hatte von Rafflard Beweise seiner Intriguen genugsam in Paris erfahren. Sie wusste, dass ich alle Ursache zu haben glaubte, mich von ihm gehasst zu wissen. Dennoch nahm sie ihn auf. Und warum? Weil er ihr sagte, sie hätte die zartesten hände und das weichste Herz. Helene ist das Opfer dieser Unfähigkeit, irgend einem freundlichen Worte zu widerstehen. Ich finde Das unter allen Umständen liebenswürdig, aber nicht unter jedem Umstande charakterfest.
Rafflard soll in Verzweiflung über Helenen's Abreise sein, bemerkte Pauline. Der gute d'Azimont schrieb mir, dass seine Mutter dem Jesuiten den Auftrag gegeben hätte, zu Gunsten seines Vermögens, das der Mutter und durch sie anderweitigen frommen Stiftungen anheimfallen solle, eine Scheidung zwischen ihm und Helenen zu veranlassen.
Deshalb dieser Eifer, mich mit Helenen zu versöhnen! Deshalb diese leidenschaft, die mich zu einer Ehe zwingen wollte! Ich werde Helenen nie vergessen. Wo mir etwas Sanftes, Zärtliches, Weiches, Hingebendes Bedürfniss ist, werde' ich an Helene d'Azimont denken. Aber sie hatte den Fehler aller Frauen, für Liebe einen ganzen Menschen zu verlangen und nur da praktischen Charakter zu zeigen, wo man ihr nicht huldigte.
Egon geriet immer in Feuer, wenn er gegen Helenen sprechen und weibliche Schwächen analysiren konnte ...
Sie sind blasirt, Egon, sagte die Geheimrätin lächelnd. Und seit ich weiss, dass Ihnen Rafflard so früh den Casanova zu lesen gab ...
Pauline hatte ein Bedürfniss, diese peinliche Unterhaltung heitrer zu modeln. Sie verschmähte dazu selbst ein frivoles Mittel nicht. Und Egon sagte:
Rafflard legte den Grund meiner ersten Leiden. Er pflanzte früh in die Seele des Knaben verbotene Vorstellungen und lehrte mich Ekel und Überdruss an den Freuden, die Andre beglücken. Diesem Schändlichen jetzt sagen zu dürfen: Sie verlassen dies Land binnen dreimalvierundzwanzig Stunden, gewährt mir eine grosse Genugtuung!
In der Tat? Wollen Sie Das?
Er kann Helenen folgen nach Turin, Rom, Paris, wohin er will. Ich habe die sprechendsten Beweise, unwiderlegliche Anzeigen, dass er hier im Interesse der Hierarchie zu wirken suchte und Sie würden erstaunt sein, wenn Sie wüssten, wer ihm Vertrauen geschenkt hat.
Rafflard bewegte sich zuletzt in den höchsten Cirkeln ...
Es fehlte wenig, dass er in die "kleinen" kam und eine Vorlesung über isolirte Gefängnisse hielt.
Diese wunderliche Hofromantik kommt noch einst in die Lage, Heilige anzubeten, auf deren Reversseite sich Lovelace präsentirt. Wie komisch ist doch dies Jagen nach dem Aparten, Exclusiven! Glauben Sie aber, dass General Voland –
Ich glaube nicht