an ihnen teil nehmen müssen und Jemanden dort nützen wollen.
Ich muss, um Doppelpolitik zu hintertreiben.
Dann wünscht' ich aber doch, fuhr Pauline noch etwas gereizt fort, die Gräfin Altenwyl käme einmal auf Melanie Schlurck zu sprechen und früge den tugendhaften jungen Premier, den Abgott aller pietistischen Hofdamen, wie er verantworte, seit dem Tage, wo er eine berühmte junge Kokette auf dem Wege nach Solitüde zu Pferde gesehen, sich sogleich in sie zu verlieben und bei der chère Maman Pauline von Harder, täglich nach einem Rendezvous, nach einem Tête-à-Tête mit ihr zu schmachten?
Die Bedienten brachten eben ein aus den vollendetsten Herbstfrüchten bestehendes Dessert. Als sie fort waren, sagte Egon, eine Melone pfeffernd:
bitte're Wahrheit! Unser Magen verdaut das Süsseste nicht, wenn wir es nicht durch die Vernunft unterstützen. Ich gebe Ihnen das heilige Versprechen, dass ich auch in Betreff Melanie's auf jenem Tugendpfade bleiben werde, den Sie belächeln, Freundin! Der Verhältnisse, Sie wissen, was das Wort bezeichnet, bin ich überdrüssig. Ich habe mit einer Grisette wie in der Ehe gelebt und habe Lust, Liebe, Leid im reichsten Maasse genossen. Ich hatte dann eine zweite Ehe. Ich bedarf, ich sehe' es wohl, der Frauen ...
Pauline drohte ihm schalkhaft; denn Egon tat, als wäre sie seine dritte Ehe.
In der Tat, fuhr er fort, wenn ich meinen kleinen Roman mit Melanie fortsetzen sollte, würde' ich in die Lage kommen können, sie zu heiraten –
Prinz, welche Torheit! rief Pauline und sprang auf. Fürst Egon von Hohenberg wird Melanie Schlurck, die Tochter eines in seinen Vermögensverhältnissen, wie es scheint, zerrütteten Advokaten, die ehemalige Verlobte eines Stallmeisters nicht zur Fürstin erheben!
Fürst von Hohenberg! sagte Egon bitter. Wiederholen Sie dies Wort, seit wir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter lasen, noch mit so würdevollem Nachdruck?
Welche sorge! entgegnete Pauline mit einem eignen Anflug von triumphirender Überlegenheit. Sie sind trotz der puritanischen Busse, die sich Ihre Mutter glaubte auferlegen zu müssen, der Sohn des Fürsten Waldemar von Hohenberg und werden den Glanz Ihres Namens nicht erlöschen lassen –
Doch! Doch! Pauline! erwiderte Egon sehr ernst und trübe. Wenn ich Minister bleibe und mir Melanie sich als Bedürfniss so erhält, wie sie es zu meinem Entsetzen schon geworden ist, so werde' ich sie heiraten müssen.
Unglaublich!
Dann gut! Ich will Melanie nicht mehr sehen, nur Sie, Pauline, nur mit Ihnen will ich reden, mit Ihnen debattiren, diniren; aber diese jungen Schönheiten, die Sie um sich versammeln, diese reizenden Gestalten entfernen Sie! Ich kann mich nicht mehr an diese vorübergehenden Irrtümer, an die eitlen Naivetäten, an die sentimentalen Koketterieen preisgeben oder ich wähle ein Weib und Sie haben Recht, ich habe allerdings Ursache, eine aus den höchsten Ständen zu suchen.
Man räumte die Tische hinweg. Egon nahm auf dem Sopha Platz und stützte das Haupt auf.
Sie sind heute wieder einmal ein Grillenfänger, begann Pauline von Harder und fuhr dem jungen Fürsten durch die Locken, von denen sie bemerkte, sie würden ihm immer lichter werden, wenn er so seinem Trübsinn nachgäbe und dem Beispiele einer Mutter folge, die ihm ihr selbstquälerisches Temperament vererbt zu haben schiene.
Ach, sagte Egon, welch' ein drückendes Gefühl bleibt es doch, so an sich selbst nicht mehr glauben zu dürfen und sich als ein Andrer zu wissen, als der man von den Menschen genommen wird! Seit ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las, ist mein Innerstes zerstört. Diese verblendete, von der leidenschaft der Wahrheit bis zur Grausamkeit hingerissene Frau! Um Busse zu tun, um ihre Reue zu bekennen, um ihren Sohn zur Nachfolge Christi, zur Demut zu bewegen, mutet sie ihm für sein ganzes Leben eine Lüge zu, einen Betrug gegen sich selbst und die Welt!
Man brachte den Kaffee. Pauline winkte den Bedienten, die an rasches Serviren gewöhnt waren, sich zu entfernen.
Lassen Sie diese Erinnerungen! sagte die nächst der Ludmer einzige Mitwisserin des Geheimnisses, dass Egon nicht der Sohn des Feldmarschalls von Hohenberg war. Es gibt nur ein Wesen, das in die geschichte der Verirrungen Ihrer Mutter eingeweiht ist –
Verirrungen! griff Egon träumerisch das Wort auf. Als ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las, fühlt' ich, sie kommen, so grausam sie für mich sind, doch von einer andern Welt als der, wo wir irren. Pauline, ich hätte Sie damals tödten können, weil Sie sich mit so verschlagner List diesen Besitz aneigneten –
Erlaubte Selbstülfe, Prinz!
Nein, fuhr Egon gesteigerter fort, ich segnete Sie schon nachher selbst in meinem Schmerz. Ich war zu Tränen gerührt, als Blatt für Blatt diese Geständnisse aufflogen und ich in den Grund eines das Unmögliche suchenden, verzweifelnd ringenden Herzens blickte. Ach, als ich heute die Altenwyl in bequemer Behaglichkeit so albern religiös sich gebehrden sah, so sicher in ihrem Christentum, wie eine Predigtörerin im bequemen Kirchenstuhl, als man mir zumutete, die Erbschaft der Johanniter getrost der Stadt zu überlassen und den vom vorigen Ministerium begonnenen Prozess zu Gunsten einer pietistisch-jesuitischen Coterie – die ich klar durchschaue – fallen zu lassen, wie ging mir da beim Anhören dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter Gemütsgründe das Bild meiner Mutter auf! Wer ist unter Euch, der mich einer Sünde ziehe, so konnte sie