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das keine Gefühlswühlerin ist, keine Gedankengrüblerin, keine heimliche, versteckte, sondern eine offne, gutmütig ihre Schwächen eingestehende Kokette. Ich weiss wahrlich, das Kapital, das am Ende ein Weib zu vergeben hat, ist sehr klein und allen Frauen liegt daran, dass sich die Sage von der unendlichen Grösse ihrer Schätze erhält. Man lobt und preist die Dichter, die Frauenliebe als etwas Unendliches und einem im tiefsten grund des Meeres zu suchenden Schatze nur Vergleichbares darstellen. Lieber Himmel, Das ist eine Verabredung unter diesen Phantasten! Die Angelegenheit, um die es sich zwischen Männern und Frauen handelt, ist eine so ausserordentlich einfache und ich gestehe Ihnen, ich bewundere und schätze grade die Natürlichkeit, die diese Wahrheit eingesteht.

Pauline lächelte und betrachtete sich jetzt erst genauer ihr Tête-à-Tête. Egon war seit vierzehn Tagen Staatsminister, dirigirender Chef des Landes; er hatte die Kammern entlassen und grosse energische Grundsätze ausgesprochen. Er sass nun da so einfach vor ihr, derselbe Mann, der alle Gedanken in Anspruch nahm, alle Leidenschaften beschäftigte. Er ass an ihrem kleinen Tisch, erholte sich bei ihr von seiner auch äusserlich schon sichtbaren Erschöpfung! Wie fühlte sie Das nach! Wie machte sie diese Erholung glücklich! Egon war hoch, schlank, wie immer, seine Gesichtszüge edel und fein, seine Haltung fürstlich, seine Kleidung zwar noch durch keinen Stern geziert, aber doch wie die eines Hofmannes. Wie blass aber die Mienen des Antlitzes! Wie hoch die Stirn, der oben und zu beiden Seiten Morgens die Haare in Büscheln entfielen! Wie zuckten die Lippen so spöttisch! Wie krampfhaft gereizt waren seine Bewegungen, wenn er nach einer Schüssel griff! Wie bitter der Humor, wenn er den kleinen Schnurrbart mit der Serviette reinigend und ein Glas Eremitage an die Lippen bringend, sagte:

Ah, Pauline! Dieser süsse Genuss, doch wenigstens etwas zu wissen, was fest steht und gewiss bleibt! Dieser feurige Burgunder ist die einzige feste Tatsache, die ich seit lange unter den Händen gehabt habe. Was hab' ich Schwankendes gesehen und was gleitet mir nicht alle Tage flüssig und unhaltbar durch die Finger! Diese vierzehn Tage, wie reich an Hoffnungen, wie gesegnet an Täuschungen! Sehen Sie, auch Das ist an Melanie schön. Man weiss, was man an ihr besitzt. Sie ist eitel und gesteht es. Sie will gefallen und sagt es. Sie verrät uns, dass sie sich mir nur unter grossen Bedingungen ergeben könne. Auch diese Offenheit lernt man schätzen, wenn man wie ich in der Lage ist, nichts, nichts mehr mühelos aufzufinden! O Gott, Pauline, wie oft mocht' ich schon in diesen vierzehn Tagen mit dem Kopf an die Wand rennen! Nichts ist mühelos, die einfachste Erörterung nicht! Bei Gott, es verstehen mich nur drei oder vier Menschen, der König, die Königin, Sie und Melanie

Waren Sie heute mit dem hof zufrieden? Mit dem Monarchen immer, mit seinen Umgebungen niemals. Diese Menschen fragen nach jedem Begriff, was er bedeute, nach jeder Massregel, was sie nützen oder schaden könne. Dem Monarchen sagt' ich: Ich ehre die Monarchie. Der Fürstin: Ich ehre die Sittenun verstehen mich doch diese Beide, in allen fragen wissen sie, dass ich ihr Bestes will. Aber die Andern!

Die Sitte? bemerkte Pauline lächelnd und befahl den Bedienten, jetzt schon den Champagner zu öffnen. Als eingeschenkt war und die Diener sich entfernt hatten, sagte Egon:

Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit?

Pauline schwieg, warf ungläubig die Lippen auf, Egon aber fuhr fort:

Ist Das unsittlich, dass ich hier Ihnen gegenüber mein Mittagsmahl nehme und mich glücklich fühle, irgendwo einen Ort zu haben, wo ich mich ausruhen darf und wo man mir die Ruhe gönnt?

Pauline reichte ihm fast gerührt die Hand über den Tisch ...

geben Sie mir nicht die Hand, Pauline! sagte Egon, sie sanft zurücklehnend. Ich verdiene es vielleicht nicht um Sie, denn gestern Abend, als in den kleinen Cirkeln von Ihnen die Rede war

Von mir?

Und nicht in den freundlichsten Andeutungen

In der Tat?

Was erwarteten Sie wohl von mir?

Dass Sie mich verteidigten.

Ich tat es, aber mit Waffen, die Sie vielleicht misbilligen.

nennen Sie sie!

Ich nehme Anstand ...

Ich muss Alles hören, was man in den kleinen Cirkeln von mir gesprochen hat. Also?

Nun denn, Pauline! Ich nannte Sie alt. Ich sagte ferner, Sie hätten das edle Bedürfniss, sich mit dem Sohne einer Mutter, mit der Sie verfeindet waren, auszusöhnen und ich schätzte an Ihnen diese Reue und liebte, da ich keine Mutter mehr besässe, Sie als die Stellvertreterin derselben. Nicht wahr, Das war eine sehr liebevolle Impertinenz?

Paulinen zuckten in der Tat die Nerven. Sie war denn doch von einer so heroischen Aufrichtigkeit zu sehr überrascht. Sie stand allerdings schon an dem Scheidewege, sich eine Matrone zu nennen. Aber hindrängen musste man sie darauf so schroff nicht, so jäh und abschüssig nicht.

Sind Sie mir böse? fragte Egon.

Die Geheimrätin fasste sich erst allmälig, biss sich die Lippen und sagte dann lächelnd:

Warum sollt' ich? Sie haben Recht, ich bin alt. Im Übrigen glaube' ich, dass Sie ganz gut tun, den Jargon dieser kleinen Cirkel zu sprechen, wenn Sie doch einmal