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und schilderte die Aussicht noch manches heraufsteigenden Verdrusses mit einer Umständlichkeit, dass ihr Pauline einmal sagte: Ich weiss es, Charlotte, du magst nicht leiden, dass ich wieder an die Öffentlichkeit appellirte! Du warst die hartnäckigste Gegnerin meiner kurzen, schriftstellerischen Laufbahn! Du hast Freude empfunden über jede Bitterkeit, die ich auf ihr erfahren musste! Du gönntest mir die Demütigungen der Kritik, als Nadasdi erschien und hast erreicht, dass ich mehr deinen Wünschen, als diesen Impertinenzen nachgab und die Feder niederlegte. Gegen den Ankauf des "Jahrhunderts" hast du alle erdenklichen Gründe vorgebracht und kannst noch jetzt z.B. diesen Stromer nicht sehen, weil du glaubst, ein allerdings im Leben unbeholfener, komischer, eitler, unerzogener Mann, den aber, wenn er schreibt, Alle bewundern, hätte mich zu diesem Ankaufe veranlasst. Die Beziehung zu Egon, so überraschend und unerwartet, misbilligst du, auch meine Teilnahme für Melanie, die mich erheitert und für die ich fühle, wie für eine Tochterja, Charlotte, je älter ich werde, desto schönre Keime entdeck' ich in meinem Herzen. Lass sie mich doch pflegen! Mit den Jahren sollen ja aus uns Engel wachsen, sagte Stromer neulich. Glaube doch nicht, dass meine gesellschaftliche Stellung darunter leidet, dass ich mich an den grossen fragen der Zeit beteilige! Weisst du wohl, Charlotte, dass du immer aristokratischer warst als ich und mir hundertmal die Etikette vorhieltest, wo meine verschmachtende Seele nur nach Freiheit rief?

Die Ludmer hatte bei dieser Erörterung zur Antwort gegriesgrämelt und "gebrummkatert". Sie war offenbar tiefverstimmt, die gute Frau. Sie sah zuviel neue Menschen im haus. Diese weltbewegenden Abende griffen sie an. Die Entfernung des Geheimrats, mit dem sie gern plauderte wie mit Ihresgleichen, tat ihr zu leid. Der gute Geheimrat! Die besten muntersten Bedienten des Hauses nahm er mit sich in die Stadt. Sie hätte weit lieber gehabt, die Geheimrätin hätte sich an der "Komödie" beteiligt und wäre, wie manche Intendantin, die Regentin des Hofteaters geworden. Da hätte sie doch für ihre alten Tage eine Zerstreuung, eine Erholung gehabt. Sie lachte gern, sie sah gern tanzen, liebte lustige, rauschende Musik und wer weiss, ob sie nicht für die ökonomischen Ersparnisse der Verwaltung neue Gesichtspunkte über Sammt- und Seidenstoffe, Brennholz und Beleuchtung hätte aufstellen können. Alle diese Neigungen teilte nun die grosse Semiramis, Pauline nicht. Die wollte die Welt umformen! Die wollte mit dem Hebel ihres Einflusses die Erde aus dem Gleichgewichte bringen! Die Verächter des Nadasdi sollten sagen: Welch' ein Weib! Die Oberhofmeisterin von Altenwyl, diese "Cerberus" der "kleinen Cirkel" sollte eingestehen, dass in Pauline von Harder eine grosse, wenn nicht "immense", doch endlos "extensive Seele" verborgen läge und der Hof selbst sollte fühlen, dass er nichts wäre, wenn nicht ein Verstand wie der ihrige für sein Wohl dächte und wachte. Sie war zu tief gekränkt, zu oft zurückgesetzt, zu sehr in ihrem innersten Sein von jener romantischsentimentalen Richtung, in der die Königin lebte, verletzt worden, dass sie ihr jetzt nicht hätte zeigen mögen, was denn doch noch in einer solchen "verlornen Seele" wie die ihrige, lebe, glühe und wirke. Pauline las mit Gier alles Jüngste und Neueste; den Kosmos, die Zeitbrochüren, die Schriften über Physiologie, Phrenologie, Alles was nur auf-ogie endete, die Schriften über Volkswohl, Gewerbe, sogar über Freihandel. In solchem Bildungsdrange waren ihr die Klagen der Ludmer lästig. Sie bat sie, ihre Nerven zu schonen. Sie überliess ihr zu tun und zu lassen was sie wolle. Sie berief sich auf das Bild, welches die Memoiren der Fürstin Amanda an ihren Sohn entalten hatte, um zu beweisen, dass sie wohl wisse, wann es Zeit zum Handeln wäre; für jetzt verfolge Charlotte nur Schatten und gefalle sich in Träumereien.

So war Pauline von Harder gestimmt an jenem Tage, für dessen Abend die Ludmer Fritz Hackert zu sich berufen hatte. Sie hatte wieder Entdeckungen gemacht, über die sie um jeden Preis erst mit ihrer Gebieterin Rücksprache nehmen wollte; aber diese horche Dem, was sie erzählte, nur halb zu; denn sie glaubte Egon's Wagen zu hören. Er war es auch. Es war die Livree des jungen Fürsten, die sie mit ihm gemeinschaftlich verbessert, neu gemodelt, neu gezeichnet hatte. Aber der Wagen fuhr ja an ihrem haus vorüber und hielt ... drüben bei der noch immer in Büchsenschussweite von ihr entfernt wohnenden Fürstin Wäsämskoi? ... Sie erschrak darüber nicht. Ist Das der Besuch, sagte sie, den Egon schon längst bei der grillenhaften Frau macht, die sich seit der Flucht ihrer Tochter und der Ankunft ihres abenteuerlichen Schwiegersohnes vor Niemanden mehr sehen lässt? In der Tat kehrte auch Egon's Wagen sogleich zurück. Die Fürstin Wäsämskoi hatte ihn nicht angenommen oder war nicht zu haus oder war bei Tische, wie sie eigentlich selbst. Es waren eigentümliche Diners, die Pauline seit einiger Zeit veranstaltete. Sie bestanden aus einer kleinen gedeckten Tafel mit zwei Couverts in ihrem gelben ostensiblen Boudoir. Ein Nebentisch diente zum Anrichten. Eine grosse weissbrennende, geschliffene Krystalllampe stand auf der kleinen gedeckten Tafel, deren Gläser, damastne Decken, Porzellanteller und silberne Bestecks einen traulichen Anblick boten. Die im weissen Porzellanofen prasselnde Flamme, die Decken im Zimmer, die