indessen aus dem haus zu entfernen – dieser und jener Schönheit artig war, aber nur über Melanie hin jene träumerisch sinnenden Blicke entsandte, in denen so viel verschwiegene Huldigung, so viel verborgene Traulichkeit schlummert. Er sprach mit der schönen Baronin von Spitz oft lebhafter, mit der verschämten Frau von Landskrona oft länger als mit Melanie. Aber jedes scharfe Auge erriet, dass er nicht nötig hatte, sich an Melanie erst im Salon anzuschmiegen. Er sah sie viel öfter in dem kleinern Kreise der Geheimrätin, und ohne Zweifel viel vertraulicher.
Wie sich die uns bereits bekannten grossen politischen Wagnisse des Prinzen Egon von Hohenberg in diesem haus seiner Freundin ausnahmen, wie sie hier widerhallten, kann man sich vorstellen. Das war ein Lärmen, ein Fahren, ein Treppauf, Treppab, ein Türenschlagen, ein Klingeln, ein Geschwirr ... Es ging jetzt so lebhaft in der Villa her, dass man den Entschluss des Geheimrats, seine eigne nicht minder unruhig gewordene Existenz ganz in das in der inneren Stadt gelegene alte Wohnhaus der Marschalks zu verpflanzen, billigen musste. Herr von Harder war der Intendant des königlichen Hofteaters geworden. Se. Excellenz hatten sich dadurch einem ganz neuen Studium zu widmen, bei dem sie möglichst wünschen mussten ungestört zu sein. Er, der die Einsamkeit der königlichen Gärten bisher geliebt hatte und nur begleitet vom Inspektor Mangold zuweilen hier und dort die Schlosskastellane und Hofgärtner überraschte, auch er war jetzt in den Strom der lebendigsten und rauschendsten Tätigkeit geworfen. Dichter, Künstler, das Publikum nahmen ihn in Anspruch. Und was musst' er studiren, lesen, prüfen, denken! Und auch für Paulinen wäre dieser an sich unter andern Verhältnissen ihr ganz angenehme, aber jetzt störende, gemeine Verkehr von Nachfragenden, Bittenden, Widersetzlichen und was sonst zur Bühnenpraxis gehört, unerträglich gewesen. Jetzt liess sie ihren Gemahl gern in die Stadt ziehen, wo er ungestört, wie er sagte, "Dichterstücke" lesen und junge Schauspielerinnen und Sängerinnen "prüfen" konnte.
Befreit von der Nähe eines beschränkten und zuweilen eigensinnigen Mannes, erfasst von dem Wirbelwinde der begebenheiten, denen sie sich nicht ohne Grund einbilden konnte, eine Form mit aufdrücken zu helfen, hätte Pauline von Harder jetzt alle Ursache gehabt, sich nach ihren Bedürfnissen glücklich zu fühlen, wenn nicht immer noch ihr Herz, das sich nicht ganz zur Ruhe geben wollte, peinliche Erfahrungen gemacht hätte. Dieser Heinrichson, wie undankbar, wie treulos! Sie verlangte so wenig von dem bei allen Weltdamen beliebten, witzigen, in der Kunstwelt geachteten mann! Er sollte ihr nichts als eine Art von beflissener Aufmerksamkeit widmen! Er konnte neben ihr vielleicht eine Grisette lieben; ein verhältnis wie mit jener Auguste Ludmer war ihr im höchsten Grade gleichgültig; allein sich einer Dame aus der grossen Welt geopfert sehen, wie ihr das mit der "an ihrem Busen genährten" wie sie es nannte, treulosen Helene d'Azimont geschah, Das erschütterte sie tief. Von dem Tage an, wo Heinrichson, uneingedenk der vielen Freundlichkeiten, die sie ihm gewidmet, ihrer Protektion, der Beförderung seiner Gemälde, ja der kritischen Abhandlungen, die sie ihm für einige Kunstblätter schrieb, sie zu vernachlässigen schien und immer und immer nur bei Helene d'Azimont angetroffen wurde, die ihrerseits in ihrer Liebe zu Egon ihr nicht mehr wahr und überzeugend erschien, sondern nur noch die Stimmungen der verletzten Eitelkeit, die Verzweiflung über den Bruch für Liebe auszugeben schien: seitdem hatte sie mit Anstrengung ihrem Herzen Schweigen gebieten müssen und im Vollgenuss der übrigen Freuden, die ihr, wie sie sagte, "das Schicksal schenkte", im Vollgenuss der ausströmenden Wirksamkeit, des weltbewegenden Einflusses, den sie üben konnte, sich entschlossen, für den Freund, den der sonderbarste Zufall ihr schenkte, für Egon nun auch nur rein mütterlich zu empfinden. Der Kampf war gewaltig genug! Als Heinrichson seine Leda verkauft hatte und ihr eines Tages sagte: Pauline, ich verlasse Sie! und sie die Frage, ob er nach Italien ginge, mit Ja! beantwortet hatte, fuhren noch tausend spitze Messer, wie sie späterhin der Ludmer erzählte, in das Herz der "fünfzigjährigen", aller Zärtlichkeit längst entrückten Frau. Gehen Sie, hatte sie gesagt, gehen Sie, Heinrichson, nehmen Sie mit dem Reste vorlieb, den Egon stehen liess! Widersprechen Sie nicht! Sie folgen Helene! Ich kenne Das. Ich kenne diese Verzweiflung einer Frau, die erst Mitleid, dann Trost, dann Rache will! Helene wird Egon noch oft zeigen, dass man sie nicht ungestraft verlässt und dass man um ihretwillen noch Alles vergessen kann, auch Ihnen, Heinrichson, wird sie es zeigen! Auch Ihr Roman wird mit dieser liebes- und Gefühlsschwelgerin einst vorüber sein! Hüten Sie sich nur, Ihr Auge auf das schöne Kind zu werfen, das im verblendeten Wahne mit Helenen ihrer Mutter entflohen ist! Sie finden nicht sobald eine Pauline wieder, die nur weint, wenn ihr Geliebter treulos scheidet! Sie könnten einmal doch noch bei irgend einer verratenen Frau jenen Dolch finden, den alle Ihre Bonmots nicht pariren! ... Noch mehr aber, als diese flüchtigeren Schmerzen drückte die Geheimrätin die seit einiger Zeit sonderbarerweise Alles schwarzsehende Laune der Charlotte Ludmer. Sie, die sonst immer zur Heiterkeit stachelte, keine Gefahr anerkannte, jedes Wagniss ebnete, sie sah jetzt Gespenster und erschreckte ihre langjährige Freundin mit Visionen. Gespenster und Visionen waren die Worte der Geheimrätin. Die Ludmer sprach von Wirklichkeiten