nie vorwärts geblickt. Er hatte sich die grosse herrschaft, die er auf die Fürstin ausübte, mit all den interessanten damit verknüpften Anregungen, den Correspondenzen, den Beziehungen zu vornehmen Menschen genügen lassen. Er hatte fast mehr auf dem schloss als unter seinem Pfarrdache gelebt. Und nun war die Fürstin tot. Der ausgestreute Same brachte keine Früchte. Er sah, dass er seine Jugend verstreut, verzettelt hatte. Was besass er? Das Gefühl einer unsäglichen inneren Nichtbefriedigung. Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn. Er rannte im haus, im feld, im wald mit seinem langen gelbblonden, wirren Haar wie ein Besessener umher. Er quälte seine seit Jahren tief verschüchterte Frau, zankte ohne Grund die Kinder. Wie glücklich war anfangs die gequälte Mutter derselben, als die Fremden auf's Schloss kamen! Da wurde ihm anfangs wohl, da schien sein ganzes Wesen elektrisirt. Er bekämpfte wohl Schlurck's Neologie, tadelte wohl Reichmeier's Indifferentismus, aber es waren doch Damen da, die ihn ehrten, anerkannten, die Gräfin Bensheim machte wieder einmal einen flüchtigen Gegenbesuch auf Hohenberg, Frau von Sengebusch, die liebenswürdige Frau von Sänger, ... alles Das gab wieder eine Sammlung, eine Anregung, einen Reiz und die innere schlummernde "Poesie" wachte auf; vollends, als Melanie zuweilen an seiner Seite rauschte .... In der Art, wie manchmal Guido Stromer jetzt sein hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte, wie er noch die rüstigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialität aus seinen Gesichtszügen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte, glich er dem Geheimrat von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre. Auch ihm war Melanie gefährlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an, was in ihm wohl schlummern, in ihm gähren mochte ...
Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt von der um einen runden Tisch sitzenden und Tee trinkenden Gesellschaft an die offenen Fenster postirt, wo er eine Cigarre rauchte, deren Dampf er in den Garten hinausblies, als endlich die Flügeltür aufging und Melanie eintrat. Der Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens. Sie hatte eine völlig veränderte Toilette gemacht. Etwas blass von dem Ritt, der nach einer momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und Erschöpfung zurücklässt, hatte sie, dieser Erfahrung sich wohl bewusst, ein Kleid von rosafarbenem Krepp gewählt, das in drei mächtigen mit Atlasbändern verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umfloss. Hals und arme von blendender Weisse waren unbedeckt und liessen nur an den Rändern ein gesticktes spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern. Dann und wann zog sie in einer sehr anmutigen, graziösen Bewegung eine Echarpe von weissem Chinakrepp über Schultern, die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides verführerisch hervorglitten und den schönen gerundeten Nacken zeigten, den die Echarpe ebenso rasch wieder verbarg. Über dem vollen zierlich zusammengelegten schwarzen Haar lagen, zurückgekämmt mit goldenem Kamm, die Vorderlocken und liessen die Schläfe so frei erblicken, dass man das vollendete Bild griechischer Schönheit zu sehen glaubte. Die Centifolie, die voll und schwer noch als letzter Schmuck im Haar befestigt war, gebührte ihr mit ganzem Rechte, wie ihr jede Blume, jede Frucht gebührt hätte, wenn sie ein anderer Paris der grössten Schönheit hätte zuerkennen sollen.
Eugen Lasally warf sogleich die Cigarre, Herr von Reichmeier die Zeitungen von sich. Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Teetassen auf den Tisch. Sie hatten ihr Erstaunen über die rasche Metamorphose auszudrücken, deren einzelne Bestandteile zum Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von den Frauen analysirt wurden.
Ich bitte, sagte Melanie, schweigt nun! Löst mir nicht Alles, was da jetzt fertig und angepasst an meiner irdischen Hülle sitzt, gleich in Stoffe und in Ellenwaren auf! Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins. Wer mir jetzt von Volants und dergleichen spricht, tut meinem Herzen weh, zu dem sie ... ja, ja – seht sie Euch an! – sie reichen fast hinauf zu ihm. Nein! Ich sage Euch keine Adressen. Kein Wort von Putzmacherinnen! Wollt Ihr still sein von Mademoiselle Florentine, von Fränzchen Heunisch und Luise Eisold! Die Rose dürft Ihr besprechen. Von der sag' ich Euch: von wo sie kommt! Auch wissen sollt Ihr, wohin sie geht ... Ich trage sie als Preis für Den, dem ich heute Abend die Gunst meiner Seele schenke.
Und was muss man tun, um diese Gunst zu erobern? fragte der Pfarrer, der redegewandt nicht ansichhalten konnte und die Aufmerksamkeit davon abzulenken suchte, dass er aus seinem Garten Melanie mit Blumenzusendungen überhäufte.
Nichts tun, Herr Pfarrer, sagte Melanie ... Nein! Nichts tun! Was muss man sein? Was besitzen? Danach soll gefragt werden und lassen Sie mir nur Zeit, über das Seltenste und Schönste nachzudenken, wodurch sich ein Mann auszeichnen kann. Aber wir sind noch nicht vollzählig. Noch fehlt unser alter brummender Hauskater Bartusch und demütigen Sie sich, meine Herrschaften, noch fehlt der Glanz von Hohenberg, Se. Excellenz, der wirkliche geheime ...
Mit diesen künstlich gezogenen Worten öffnete sich, wie Melanie hinter sich gehört hatte, die Tür und Herr von Harder trat ein. Alles erhob sich. Es war wirklich ein unleugbarer Effect in seinem Auftreten, ein Effect, dem diesmal Niemand widerstehen konnte. Lag die wirkung nun in dem kleinen silbernen Sterne auf der Brust oder in der gebrannten