Teilnahme, und erhob sich nun von seinem kurzen Mahle, ohne von Siegbert's Gegenwart oder von dessen Dank für seine Aufmerksamkeit irgend Notiz zu nehmen. Die freundliche Dame folgte. Siegbert, befremdet über all dies Plötzliche, Unerwartete, trank. Die Hitze war allerdings sehr drückend, und fast hätte er ausgetrunken, wenn er nicht für den Fremden die teilnehmende Regung empfunden hätte, ihm Halbpart anzubieten. Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld die beiweitem noch grössere Hälfte des Pokals. Ein sonderbares Lächeln überlief des Fremden Züge, als er erst zögerte, dann aufstand und das dargebotene Glas mit einem zug leerte. In dem: Ich danke! das er vor sich errötend hinsprach, als er Siegbert den Pokal zurückgab, lag ein Ausdruck von Gefühl, der dem jungen Maler, gewohnt, scharf zu beobachten, nicht entging. Wie sich Siegbert umwandte und mit dem leeren Becher, den Diener suchend, dastand, war der Fremde plötzlich wirklich verschwunden. Nun kam aber der Bediente heran und tat sehr erschrocken.
Gott sei Dank! sagte er, dass man Den da bei zeiten entdeckte, und man lässt so sein Silberzeug unbewacht auf dem Tische liegen!
Wie so? kennen Sie den jungen Mann? fragte Siegbert.
Ei wohl, sagte der Alte in unmodischer Livree; er hat den Präsidenten tausend mal um Arbeit ersucht und will heute gewiss wieder herein. Wir haben nichts für ihn. Es ist ein gewisser Hackert, früher Schreiber bei einem Notar. Ein verdächtiger Mensch! Sieh! Sieh! Das Silberzeug! Das Silberzeug!
Damit mass er nun auch Siegbert mit mistrauischem blick und lehnte das Trinkgeld ab, das ihm dieser anbot. Er eilte, was er konnte, in den Garten zurück, um den mit Silberzeug bedeckten Tisch rasch abzuräumen. Siegbert schüttelte den Kopf.
Der hält mich auch für nicht geheuer! sagte er und wanderte, über die zivilisation der neuen Zeit nachdenkend, sein Portefeuille unterm Arm, den Hügel hinunter, dem dorf zu wo er die Allee einschlug, die ihn zur Stadt zurückführen sollte.
Noch einmal war es ihm, als säh' er durch das Kornfeld auftauchend des Fremden Hut. Doch ebenso rasch verschwand die Spur.
Zweites Capitel
Dankmar Wildungen
Die Pappeln der Allee säuselten von einem leichten Winde bewegt, der sich inzwischen lind erhoben hatte.
Links und rechts standen noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von den Regenschauern in der verflossenen Woche nur in langen Schwaden niedergedrückt. Die Obstbäume, die im feld standen, versprachen für den Herbst eine gute Ernte. Bald kam das mit einem zierlichen Gärtchen umfriedigte Häuschen des Chausseegeldeinnehmers, dann der Durchschnitt einer Eisenbahn, die sich quer über die Strasse hinwegzog, und schon fingen einzelne Landhäuser die unmittelbare Nähe der Stadt zu bezeichnen an.
Siegbert's träumerisches Gemüt hing noch eine Weile an der verlebten tempelheider Scene, bald aber verwischte sich der Eindruck, und sein Auge schweifte nur noch mit jener fast bewusstlosen Ruhe umher, die reinen Seelen eigen ist. Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege, von einem verdorrenden Baume innigst beschäftigt werden. Was er deutlicher ansah, entlockte ihm eine Betrachtung, und da er Künstler war, hatte er den Vorteil, dem Vielen, was ihm in dieser Weise gerade kein Urteil abgewann, doch immer, wenn auch mit flüchtiger Anschauung, eine eigenste Form abzugewinnen. Eine von dem niedergeworfenen Korn erdrückte Blume, ein dunkler Schmetterling auf einer noch stolzen, hohen Ähre sich wiegend, eine kleine Wolke wie ein durchsichtiger oder zerrissener Schleier durch den blauen Äter fliessend, Alles das waren für ihn Ruhepunkte des Gefühls und des inneren Auges, die nur dann mit wirklich nachdenkenden Reflexionen abwechselten, wenn er einem Handwerksburschen begegnete, der ihm zu stolz schien, um sich das Almosen zu betteln, dessen er vielleicht doch bedurfte, oder wenn er steineklopfenden Chausseearbeitern oder der langsamen Arbeit zusah, wie einige wenige hände ein Wohnhaus aufrichteten. Er glich darin den alten Künstlern, dass er sich nicht ganz auf seine Kunst allein beschränkte, sondern, wie Michel Angelo, Tizian, Benvenuto Cellini, Rubens taten, sich an den allgemein menschlichen Dingen gern beteiligte. Und wenn man ihm auch sagte, Rubens würde sicher in seiner Färbung voller und üppiger gewesen sein, wenn er statt mit Staatsactionen sich mit seinem, wenn auch genialen, doch in der Ausführung oft flüchtigen Pinsel allein beschäftigt hätte, so erwiderte er, dass Rubens, ohne den Verkehr mit der grossen Welt, in einer der Geschmacklosigkeit schon zusinkenden Zeit sich doch nicht die Fülle productiver Anschauungen würde erhalten haben, die wir an diesem reichen geist bewundern.
Siegbert war schon der Stadt ziemlich nahe, als er aus einem rasch auf der Chaussee herrollenden Wagen sehr freundlich gegrüsst wurde. Die Dame, die ihm nickte, gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten.
Siegbert sprang hinzu und erwartete einen Befehl; denn er wusste, Frau von Trompetta gehörte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen.
Frau von Trompetta, eine kleine, dicke, kugelrunde Frau mit immer lebhaften Geberden, gesprächig wie ein Mühlrad, sass im ceriseroten leichten Sommershawl neben einer sehr einfach und bescheiden gekleideten gefälligen jugendlichen Blondine.
Bester Wildungen, rief Frau von Trompetta, man sieht Sie ja gar nicht mehr; man hört nichts von Ihnen! Nur Ihr schrecklicher Molay vertritt Ihre Anwesenheit in der Gesellschaft, und man weiss doch, dass Sie noch andere Flammen entzünden können, als diesen entsetzlichen Scheiterhaufen, in dem Sie sich leider auch als ein Tendenzmaler