trinken, wie er ihm bei Schlurck gemacht wurde, wenn er des Nachts aufbleiben und bei wichtigen Revisionen bis in den frühen Morgen arbeiten sollte ...
Das Billet der Madame Ludmer führt uns in die lange nicht betretene Salonsphäre zurück ... Pauline von Harder erlebte bereits seit länger als vier Wochen das Glück, nach dem sie so lange wie nach einer schon zu entschwindenden drohenden Hoffnung geschmachtet hatte. Ihre Cirkel, glänzender denn je, waren fast jeden Abend wieder geöffnet und der Mittelpunkt der tonangebenden, nun sogar die Welt bewegenden Gesellschaft. Sie war nicht in die "kleinen Cirkel" gedrungen, aber die "kleinen Cirkel" mussten sich vor ihr beugen. Ha, sie hatte die Achse der Welt am Drehgriff! Sie hatte eine Zeitschrift begründet, die man das deutsche Journal des Débats nannte. Sie hatte sich die ganze höhere geistige Agitation zur Verfügung gestellt und beherrschte die öffentliche Meinung um so nachdrücklicher, als sich der in bewunderungswürdigem Fluge emporgestiegene junge Adler, Fürst Egon von Hohenberg, auffallend genug nur bei ihr ausruhte, nur bei ihr die Schwingen senkte, nur bei der Feindin seiner Mutter Frieden und Erholung von seinen kühnen Flügen zu finden schien.
Man wollte das geheimnis dieser sonderbaren "Allianz" oder dieses warmen Nestchens, wie Pauline sagte, in mancherlei Dingen finden, konnte aber nichts mit völliger Gewissheit als Beweis seiner Behauptungen anführen. Die Einen sagten: Es wäre die alte Erfahrung von der Anziehungskraft der Gegensätze, während Andre ganz einfach das einflussreiche Organ der Geheimrätin, "Das Jahrhundert", als den Wegweiser bezeichneten, der den jungen Numa zu dieser schon bejahrten Egeria führte. Man spürte in der Amaranta und dem Nadasdi, den beiden von Frau von Harder herausgegebenen Romanen, ob sich in ihnen politische Blicke fänden und gerade weil sich deren keine entdecken liessen, stieg der Glaube an die politische Sehergabe dieser jedenfalls bedeutenden Frau um so höher. Eine noch menschlichere und jedenfalls physiologischere Auffassung der "Allianz" zwischen Pauline und Egon lag darin, dass man an Paulinen eine grosse Uneigennützigkeit in Betreff ihrer weiblichen Umgebungen rühmte. Sie war immer von den schönsten Erscheinungen der Mädchen- und Frauenwelt umringt. Man fand darin einen gewissen Zug von Hochherzigkeit; denn nichts ist in dieser Sphäre seltner als die Neigung, sich zur Folie fremder Anmut zu machen. Allgemein erklärte man einen Bruch zwischen Frau von Trompetta und der Geheimrätin daher, dass jene nicht so sehr an den geänderten politischen Ansichten ihrer Freundin Anstoss nahm – war sie doch vollends seit dem vom hof nicht angekauften Getsemane in die Opposition gegangen und wirkte mit Trotz für die deutsche Flotte – sondern aus der der kleinen runden, gar nicht anspruchslosen Frau fatalen Zumutung, sich mit einer Menge junger hübscher Mädchen und Frauen in einem und demselben Salon bewegen zu sollen. Von Pauline von Harder war bekannt, dass sie nur noch eine elegante, phantastische Toilette liebte, mit Heinrichson, dem nach Verkauf seiner Leda nach Rom verschollenen Maler, gleichsam die Grenzlinie ihrer Herzenswallfahrt bezeichnete und jetzt nur noch den Gedanken, den Systemen, den begebenheiten lebte. Sie gefiel sich, das entdeckten sogar die Spötter schon, in der Vorstellung einer geheimen Ratgeberin eines der merkwürdigsten jungen Genies, das plötzlich an dem politischen Horizonte aufblitzte. Nur darüber stritt man: Sucht Egon wirklich ihren Verstand oder ihre Intrigue oder sucht er nur die schönen Frauen, die Paulinen umgeben, diese schalkhafte kleine Gräfin von Wachendorf mit den hochgezogenen schwarzen Augenbrauen, die wie zwei musikalische Fermatenzeichen aussahen, diese schlanke Baronin von Spitz, die mit einem englischen Profil eine französische Lebhaftigkeit verband und eine Offenheit des Blickes besass, die jeden noch so gefassten Weltmann bei ihrer ersten Frage aus dem Gleichgewicht bringen konnte, oder fesselte ihn die einer altdeutschen Madonna ähnliche Frau von Landskrona, die nicht viel Geist besitzen sollte, aber mit ihrem etwas rötlichblonden Haare und ihrer blendendweissen Haut und der fast zu starkgeformten Brust den Reiz einer Rubens'schen Schönheit darstellte? Auch fräulein von Flottwitz war Paulinen, seit so schroffe Oppositionsmänner wie Major von Werdeck, nicht mehr bei ihr angetroffen wurden, treu geblieben und konnte für Die, welche mehr dem Aschenblond zugetan sind, noch anmutig wirken. Alle überstrahlte aber die reizende Melanie Schlurck, zwar eine Bürgerliche, aber eine Ausnahme von der Regel, die sich von selbst verstand. Hier entschied die künstlerische Hand der natur. Hier entschieden Witz und Laune. Die Lücken, die hier der fehlende Adel liess, konnten nicht bemerkt werden; denn Melanie räumte sie selber nicht ein. Sie war stolz wie eine Gräfin. Nie kam ihr bei, vor den schwarzen Augenbrauenfermaten der Gräfin von Wachendorf, nie vor dem englischen Profil der Baronin Spitz, vor dem altdeutschen Madonnenblick der Frau von Landskrona zu erschrecken; was sollte sie gar erst vor Titeln und Namen zittern? Wenn sie durch die Flügeltür rauschte, wehte es einher, wie wenn eine Königin kam und man musste es Paulinen zum Ruhme nachsagen, sie stützte, sie hob diesen Eindruck, sie liess Melanie nie ohne Umgebung, sie wusste ihren Schützling zu placiren. Sie war gegen Alle nur tolerant, gegen Melanie zuvorkommend. Ihr Kuss auf die kleine Stirn des Mädchens, ein sanfter Strich auf ihr glänzendes Haar gab ihr die Weihe, doch in diesen Räumen die Erste zu sein. Und Das, was Pauline etwa unterlassen hätte, ergänzte Egon, der Fürst, der Premierminister, der grosse Staatsmann, der zwar niemals lange in diesen Gesellschaften blieb, wenn sie allgemein waren, bald verschwand – man sagte, ohne sich