Auge – Herr Murray!
Murray?
Der will nicht die Louise heiraten – der Andre, er hat einen roten Bart.
Einen roten Bart! Aber sagtet Ihr nicht Murray?
Der Alte mit der schwarzen Binde heisst Murray. Kommen Sie auch, Herr Hackert? fragte Linchen und fasste Hackert's Hand.
Kind! Schmieg' dich nicht so an die Paletots, auch wenn's friert! Grüsse Louisen und sag' ihr, der Alte mit der schwarzen Binde ... nein, sag' ihr nichts. Wenn er die Miete bezahlt hat ... Hat er sie bezahlt?
Auf ein Vierteljahr im Voraus.
So hat die Bescheerung Zeit bis Weihnachten. Ihr schwimmt obenauf! Macht, dass Ihr nach haus kommt! Die Pfannenkuchen werden kalt und sagt dem Danebrand nicht etwa, dass er ein Esel ist. Das würde sich nicht schicken, wenn's auch wahr wäre. Gute Nacht, Kinder! Sagt Louisen: Nicht zu viel Citrone an den Punsch! Hört Ihr, Citrone macht Kopfschmerzen!
Die Kinder gaben Hackerten die Hand, dankten noch für die rasche Beendigung ihres Abendgeschäftes und liefen im Regen und Schnee unter den blendenden Gaslaternen hurtig über die nassen Pflastersteine nach einer festlichen Aussicht, wie ihnen eine solche mit wahrer Paradieseswonne wohl noch nie geboten war.
Punsch!
Wie sie laufen in's Teufels-Elend! rief Hackert hinter ihnen her und schleuderte zornig das Packet Zeitungen in den ersten besten Strassenwinkel. Louise Eisold, die ihm bisher wie das Bild der reinsten Tugend erschienen war, Louise Eisold, die ihm immer gewesen war wie einem vorübergehenden Zweifler eine offene Kirche, Louise Eisold, wo er immer gedacht hatte, die Kirche steht ja da, sie ist ja gleich in der Nähe, wenn die Erleuchtung über dich kommt, sieh im Vorübergehen blinzelnd hinein und warte die Zeit ab, wo du dich für würdig hältst, ihre Schwelle zu betreten! ... Und nun ... Punsch und ein Mann mit rotem Bart! Hackert hatte oft, wenn ihm zu wehmütig, zu einsam und verlassen zu Mute war, auf dem Sprunge gestanden, sich zu Louisen zu flüchten. Im neu- und Vollmond fast immer. Kam der unheimliche Dämon und siedelte sich in seinen Nerven an und trieb ihn, Nachts aufzustehen ohne Bewusstsein, ohne Hüter als Gottes Huld, so riefen tausend innere Stimmen in ihm nach jenem Mädchen, das so viel warme, liebevolle Freundschaft ihm gewidmet hatte und das er floh, weil sie ihm zu tugendhaft und zu wenig schön war. Und nun ... Ha! Die Gourmandise der Kleinen schien ihm schon die kitzelnde Satanspfote zu sein, die sich auch nach Brandgasse No. 9, dritter Hof zwei Treppen hoch, ausgestreckt hatte. Das schleckert, das kichert! sagte er sich. Diesem Rindvieh, dem Danebrand, drehen sie eine Nase und der Rotbärtige nimmt gleich das ganze Nest aus und zieht sich auch die flügge junge Brut für die Zukunft auf! ... Und nun schmetterte eine Trompete von einem Tanzsalon herüber. Geputzte Mädchen, lockre Bursche schlüpften über den Kot. Hackert folgte und durchraste die Nacht bis zum Morgen.
Als er hohläugig, gliedermatt nach haus wankte, schlug es fünf Uhr. Er warf sich auf sein Lager, schlief bis gegen elf Uhr, ungestört von der lebhaften Frequenz in Herrn Zipfels "Atelier". Erst nach elf Uhr pochte Frau Zipfel den Nachtschwärmer aus dem Schlafe.
Herr Hackert! Herr Hackert! rief's durch's Schlüsselloch.
Zum Henker, lassen Sie mich schlafen!
Es ist zu wichtig! Stehen Sie auf!
Hackert entschloss sich, nach langem Bitten aufzustehen; er schlorrte an die Tür, um sie zu öffnen.
Wie staunte er, als er einen feingallonirten Bedienten mit reichen Achselschnüren und Wappenknöpfen vor sich sah, der ihm ein Billet überreichte mit den Worten:
Von Madame Ludmer.
Madame Ludmer! Wer ist Madame Ludmer? Sie irren sich!
Herr Privatschreiber Hackert? bemerkte der Bediente, in dem wir den Bedienten Ernst der Frau Geheimrätin von Harder erkennen.
Mein Name Das! Ob ich Privatschreiber bin, muss ich den Wohnungsanzeiger befragen.
Mit diesen Worten nahm Hackert und erbrach das an ihn gerichtete Billet, in dem er folgende Zeilen fand:
"Mein sehr geehrter Herr, der Herr Oberkommissair Pax haben für die Zeit seiner längern Abwesenheit von hier die Frau Geheimrätin von Harder versichert, dass Sie sein ganzes Vertrauen besitzen und sich jedem Ihnen gegebenen Auftrage so unterziehen würden, als wenn sie ihn selbst gegeben. Haben Sie die Güte, zum Behuf einer kleinen Kommission sich heute Abend etwa um sieben Uhr im haus der Frau Geheimrätin von Harder einzufinden und nach der Unterzeichneten zu fragen, die sich ein Vergnügen daraus machen wird, Ihnen das Nähere in dieser Angelegenheit auseinanderzusetzen. Ihre ergebenste Charlotte Ludmer."
Die Alte hatte diesen Brief sicher nicht ohne hülfe der Verfasserin von Amaranta und Nadasdi geschrieben ...
Befremdet nickte Hackert, dass er kommen würde.
Der Bediente ging und weidete sich an dem Wohlgefallen, mit dem Frau Zipfel seine reiche Livree bewunderte.
Hackert, den die Aussicht, mit Menschen zusammenzukommen, die in so naher Beziehung zu Melanien standen, in grosse Spannung versetzte, zog sich fast bewusstlos, wütend jetzt über die verlorene Nacht, an. Wie hätte er jetzt frisch, lebendig, geweckt sein mögen! Die Aussicht für den Abend elektrisirte ihn. Er nahm sich vor, schwarzen Kaffee so stark zu