eine Antwort zu geben. Allein, wenn Sie das Resultat bedenken, eine von diesen Agenten gestörte Mordscene, so werden Sie wohl einsehen, wie begründet die Spürkraft war, die den Oberkommissair Pax bestimmte, gerade dieser Fährte zu folgen und eine verdächtige Persönlichkeit, die Sie, mein Herr, getäuscht zu haben scheint, gründlichst zu beobachten.
Louis Armand überlegte diese Antwort mit nachdenklichem Ernst und entfernte sich langsam, tiefaufseufzend über die unläugbare Kraft der empfangenen Widerlegung.
Als er hinaus war, sagte der Assessor ziemlich laut:
Wenn man ihn nicht des Premierministers wegen schonen müsste ...
Die Polizeidiener und Gensd'armen entfernten sich. Müller schloss sein Bureau und erteilte Hackerten, der fern am Fenster mit abgewandtem und nur etwas seitwärts lugendem Antlitz die Scene beobachtet hatte, noch einige Aufträge. Dann liess er auch ihn hinaustreten und schloss den Saal.
Louis Armand, sagte sich Hackert, als er allein war, ist auch Einer von den Rittern vom geist, die vielleicht schon auf dem Wege sind, irgend eine grosse weltverbessernde Torheit zu begehen! Wer weiss, ob dieser Alte mit der schwarzen Binde mit dem geheim gesponnenen Menschenbeglückungsplane nicht auch zusammenhängt und mein Versuch, gutmütig zu sein, als ich sie nicht entdeckte, an ihrer eignen Dummheit scheitert.
Und so kitzelte ihn jetzt wirklich die Lust, doch irgendwo an geeigneter Stelle seine neuliche Entdekkung über eine geheime Verschwörung auszusprechen, dass es des ganzen Gegengewichtes der Beteiligung der Gebrüder Wildungen bedurfte, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Er war in seiner schlimmsten Stimmung. Er hatte heute Mittag Melanie neben Paulinen von Harder zu Wagen gesehen, vornehm und stolz auf der Promenade an ihm vorüberfahrend. Der jüngstgefallene Schnee war zwar auf dem Steinpflaster geschmolzen, aber in den Bäumen war er fest geblieben. Gegen dieses frische Weiss der Bäume hob sich Melanie wie die Bürgschaft des ewigen Frühlings. Dass sie ihn sehen, sich abwenden, verächtlich nach einer andern Richtung blicken konnte, erregte ihn so, dass es einen Tag bedurfte, um ihn wieder in das Gleichgewicht seines gewohnten ruhigen Phlegmas zu versetzen. Statt nun irgendwie dem Vorfall im Profossamte weiter nachzugrübeln oder an den Geburtsschein zu denken, wo der Name Zeck mit dem im Verhör ausgesprochenen gleichlautend war, ging er mismutig wie fast jeden Abend nach der Anlage vor's Tor, wo Pauline von Harder auch für den Winter wohnte. Da nur das Portal zu sehen, da nur den Lichtschimmer zu beobachten, hinter dem Melanie sich bewegte, war ihm wenigstens eine Zerstreuung und zu Abenteuern reizende Unterhaltung.
Heute kamen ihm in jener Gegend die beiden kleinen Eisolds mit ihren Zeitungen in den Weg ...
Das Jahrhundert! Extrablatt! Das Jahrhundert! schrieen sie.
Hackert trat hinzu und kaufte das Extrablatt.
Machst gute Geschäfte, Line? fragte er.
Guten Abend, Herr Hackert! sagten die Kinder und gaben ihm ein von Regen und Schnee nasses Exemplar.
Habt ja da noch einen ganzen Bettel! Wieviel Nummern sind das?
Dreissig Stück.
Das Stück einen Groschen? sagte Hackert. Da habt Ihr Eure ganze Auflage bezahlt. Nehmt!
Er gab den staunenden Kindern einen Papiertaler.
Ei, sagten sie, so kommen wir noch zum Punsch nach haus.
Zum Punsch? Wetter, wird bei Euch Punsch getrunken?
Louise macht Punsch – Karl kommt nach Sieben aus der Fabrik ... Gehen Sie mit in die Brandgasse, Herr Hackert?
Wie kommt Ihr denn zu Punsch? Hat Danebrand Geld vom Meere bekommen?
Nein, sagte Linchen, die viel rascher antwortete als der ältere Wilhelm, der noch immer den Papiertaler staunend betrachtete, Danebrand soll's nicht wissen, aber es gibt Kuchen zu Punsch ... Der fremde Herr brachte Citronen und Zucker und Rum – schon gestern – gestern wollte Louise nicht –
Der fremde Herr? sagte Hackert erstaunt und mit dem bittersten Ausdruck. Ein fremder Herr? Citronen und Zucker und Rum? Und Danebrand darf's nicht wissen ... Ha! Ha!
Die Kinder erschraken über dies grelle lachen. Line wurde rot, weil sie Etwas, was ihr nicht im Mindesten spöttisch schien, unrecht berichtet zu haben glaubte.
Was du nur so dumm bist, fiel Wilhelm ernstafter ein. Danebrand's Geburtstag ist ja heute und er soll's nicht vorher wissen ...
So, so! Und der fremde Herr?
Er war erst zweimal da. Karl weiss, wie er heisst.
Und Louise hoffentlich auch, meinte Hackert ...
Gewiss, sagte Wilhelm. Der Herr will uns Alle mitnehmen ...
Mitnehmen? Alle?
Linchen lachte.
Warum lachst du denn, Line?
Der Herr will die Louise heiraten! sagte Linchen fast verschmitzt und nicht ohne Eitelkeit.
Die Louise? Punsch? natürlich und zu Danebrand's Geburtstag? Da, guter Danebrand, trink! Stoss an! Hat er Geld, der Fremde?
Eine ganze Börse voll.
Ha! Ha! lachte Hackert. Man denkt, die Menschen sterben mit Denen, die wir kannten, aus, und immer neue kommen. Kinder, betrinkt Euch nicht im Punsch, damit Euch nicht zu bald die Augen zufallen! Tut's dem armen Danebrand zu Liebe! Schlaft nicht zu früh. Wer wohnt denn jetzt in meiner stube?
Keiner, aber die stube wird doch bezahlt –
Doch bezahlt?
Und die andre auch ...
Von wem denn?
Von dem alten Mann, der verreist ist. Er hat ein böses