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beiden Mohren zu sehen, die schon unter der Kellnerschaft hin und her liefen und von der Lebendigkeit ihres Herrn selbst Trepp auf Trepp ab eskamotirt schienen.

Aber Koketterie konnte Hackert dem neuen Ankömmling doch anhängen. Er will aufsehen machen, der Hanswurst! sagte er sich und behielt als unverbesserlicher Misantrop Recht. Mit schlottrigem gang, einen Gassenhauer pfeifend, wandte er sich dann dem Profosshause zu.

Drittes Capitel

Ein Rundblick

Vierzehn Tage etwa lebte Hackert in dieser dämmernden Stimmung so fort, ohne ein besonderes Ereigniss. Die grosse Politik, die bewegt genug war, kümmerte ihn nicht. Die kleinen Aufträge, die ihm Pax erteilte, führte er mit der ihm eignen lässigen Gedankenlosigkeit aus oder hatte seine Freude daran, andrer Leute Pläne zu durchkreuzen, mit seiner Menschenverachtung andern Unternehmungen in die Zügel zu fallen. Pax schenkte ihm, da er unendlich anschlägiger und scharfsinniger wie Schmelzing war, alles Vertrauen und veranlasste ihn auch, da er zufällig nach aussen hin einen Auftrag zu besorgen hatte, sich öfters auf der Polizei und in den Gerichtshäusern sehen zu lassen, als ihm sonst lieb war.

Eines Abends geschah es, dass Hackert auch die Ankunft jenes von zwei Landjägern und zwei Polizeidienern geleiteten Murray auf dem Profossamte beobachten konnte. Er erinnerte sich, den Namen auf seiner Liste zu haben. Der Untersuchungsrichter Müller, derselbe, für den einst Hackert den Prinzen Egon gehalten hatte, als er in der Blouse neben ihm und Dankmar im sommerlichen wald schritt, empfing den gebückten alten Mann mit der schwarzen Binde im vertraulichsten Tone, den Murray durch Nicken erwiderte. Es ist so gebräuchlich in den Kriminalgefängnissen, dass sich eine schadenfrohe Cordialität zwischen Inquisiten und Richter festsetzt, wo weder der Hohn für die Gerechtigkeit würdig, noch die Vertraulichkeit für die Besserung herzlich wirken kann, sondern jener nur erbittert, diese im Schlimmen bestärkt.

Bald wiedergesehen! Angenehme Reise gemacht! God dam! In No.4 Mullrich! Mylord Murray werden sich bald zurechtfinden.

Mullrich und Kümmerlein schauten nicht wenig stolz um sich und wussten Wunderdinge von ihrer heldenmütigen Fahrt zu erzählen. Sie bedauerten nur, dass Pax nicht anwesend war und ihnen sogleich die Diäten anwies, die sie redlich verdient hatten.

Müller nahm das Protokoll über die Ereignisse in Hohenberg und dem Forstause auf und bemerkte:

So sind wir doch nicht vergebens veranlasst worden, ein Auge auf diesen versteckten, zweideutigen Menschen zu haben.

Hackert hörte die Erzählung der Gerichtsdiener und dachte sich lebhaft in die Gegend hinüber, die er seit dem Sommer so wohl kannte. Er erfuhr den Tod jenes Schmieds, an dessen Werkstätte er zuweilen vorbeigestreift war, ohne seinen Namen zu erfahren, er sah das Forstaus wieder, dem gegenüber er unter dem Ebereschenbaume im Grase geschlafen hatte. Den Namen Zeck hörte er in dieser Verbindung zum ersten Male und war erstaunt, in ihm den Namen wiederzufinden, der auf dem Bartuschen abgenommenen Geburtsscheine stand. Doch mochte er sich nicht mit fragen dazwischen drängen, sondern hielt sich, da Assessor Müller ihm noch in Paxens Namen einige Aufträge zu geben hatte, in bescheidener Ferne von dem Pulte, wo die Landjäger und Gerichtsdiener ihre vorläufigen Aussagen niederlegten.

Hackert sah zum Fenster hinaus in den düstern Hof des unheimlichen Gebäudes, über welchen hin man den ruhig ergebenen Murray in No. 4 abgeführt hatte. Er sah in ihm schon einen Verbrecher, einen Mörder vielleicht und trommelte leise an die bekritzelten Scheiben, an denen schon Mancher gedankenlos wie er gestanden haben mochte und sich in Glas zu verewigen gedachte.

Die Diener der Gerechtigkeit hatten soeben ihre Aussagen beendet, als man auf dem Vorsaal dieser geräumigen Halle lautes Sprechen vernahm. Die Tür wurde aufgerissen und ein junger Mann stürzte mit dem Rufe herein:

Wo ist er? Haben Sie ihn schon abgeführt? Ich beschwöre Sie ...

Aha! riefen die Gerichtsdiener. Da, Herr Assessor! Das ist der Herr, von dem Sie aufgeschrieben haben ...

Was wünschen Sie, Herr Louis Armand? fragte der Assessor Müller den Eingetretenen ruhig und kalt.

Mein Herr, durchbrach dieser mit etwas fremdartigem Accent jede weitre Bedenklichkeit, Sie haben soeben den Engländer Murray eingebracht als einen ehrlosen Verbrecher ...

Einer Tödtung überwiesen, deren Zeuge Sie waren! sagte Müller.

Sie sehen mich hier, mein Herr, fuhr Louis Armand in leidenschaftlicher Erregung fort, Sie sehen mich hier, die lautre Wahrheit über diesen Vorfall niederzulegen und nichts vom wahren Sachverhalte zu verschweigen. Ich bitte Sie, kann ich Murray nicht sehen?

Sie erleichtern uns, bemerkte lächelnd der Assessor, durch Ihre persönliche Gegenwart die Untersuchung eines sonderbaren Falles. Haben Sie die Güte, uns Ihre Adresse zu nennen! Sie sollen zu rechter Zeit vorgefordert werden. Murray jetzt zu sehen ist nicht möglich.

Ich beschwöre Sie, sagte Louis voll schmerzlicher Teilnahme, leiten Sie die Untersuchung schnell ein! Jede Minute, die ein Unschuldiger schmachtet, muss einem gerechten Richter zur Pein werden.

Sie wohnen vielleicht noch Wallstrasse No.13? sagte Müller ruhig und schlau. Sie werden Ihre Citation rechtzeitig empfangen!

Als Louis Armand, erstaunt über die Kenntniss seiner wohnung, schon gehen wollte, wandte er sich noch einmal und wagte die Frage:

Sagen Sie mir nur, mein Herr, wenn ich es erfahren darf, wie ist es möglich gewesen, dass dieser harmlose, brave Murray von verkleideten Agenten der öffentlichen Sicherheit verfolgt, in einer allerdings schrecklich geendeten Privatangelegenheit überrascht werden konnte?

Herr Armand, sagte der Untersuchungsrichter, ich bin eigentlich nicht befugt, Ihnen auf diese Frage