von Selbstsucht. Die Kinder auf der Strasse schienen ihm schlecht, die Tiere, die Hühner, die Gänse um ihn her, die nach dem Futter aus den Kornwägen, den Resten der Pferdemahlzeiten haschten, schienen ihm bewusst erbärmlich; ja selbst dem wasser in dem Trog, auf dessen rand er sass die Beine baumelnd, sah er mit mistrauischer Bitterkeit nach, als wär' es das ewige Symbol der treulosesten, dahin rinnenden Flüchtigkeit. So zog er die Liste der Verdächtigen aus seiner Brusttasche und sammelte sich erst in dem Bewusstsein, in diesem Chaos doch nun auch etwas, wenigstens ein Polizeiagent zu sein.
Aus dieser gewiss wenig tröstlichen Betrachtung weckte ihn plötzlich ein lautes Wagenrasseln. Er blickte auf. Ein Lärmen, Rufen, Johlen, Peitschenknallen. Er sah einen Reisewagen, der langsam von der Gegend des Tores daherrollte und von vier Postpferden im Schritt gezogen wurde. Der Postillon blies und klatschte, wenn er absetzte, lustig mit der Peitsche. Mancher Hieb fiel auf die allzunah herandrängenden neugierigen, lachenden Menschen, die sich mehrten, je näher der Wagen in die belebten Gassen kam. Hackert stand auf, um die Ursache dieses Auflaufs kennen zu lernen. Das Blasen des Postillons, das langsame Fahren eines grossen vierspännigen Reisewagens konnte allein nicht die Veranlassung dieses Lärms, dieses Drängens und Spottens sein. Er bemerkte auch bald die seltsamste Unterbrechung der gewöhnlichen langweiligen Strassenerscheinungen. Der Postillon ritt, selbst lachend, auf dem Sattelpferde, auf dem Bock sass an einer Kette ein als Kutscher gekleideter Affe, der aus einem Korbe Äpfel und Nüsse unter die Menge warf. Hinten auf dem Bocke standen zwei Mohren in roten goldbetressten Livréen. Im Wagenschlage waren zwei Papageien und einige kleine Makis und Meerkatzen, die an Kettchen zum offnen Schlagfenster hinaus und hinein schlüpften, so weit sie Freiheit hatten. Ein kleiner Herr in mittleren Jahren, schwarzem Barte, hochgerötetem Antlitz, in einem reichbesetzten Schnurrock und einem roten Sammtbarett sass ganz allein in dem Fond des Wagens. Er schien sich teils an den Capriolen der Tiere, die ihn umgaben, zu belustigen, teils an der Neugier der Menschen, die er dadurch reizte, dass er ganz neue kleine Silberstücke zum Kutschenschlage hinauswarf. Einige zierliche Windhunde bellten gleichfalls aus dem Wagenfenster und wollten sogar nachspringen. Der sonderbare kleine Reisende hielt sie an einer grünen Leine fest und überliess das Apportiren dem Strassenvolk, dem natürlich nicht einfiel, ihm die Silbermünzen zurückzugeben. Diese tolle Karavane hielt, als sie dicht bei Hackert in der Nähe vieler Marktwagen und Wirtshausschilder stand, still. Der kleine possenhafte Herr lehnte sich aus dem Wagenschlage und fragte mit heller, schriller stimme hinaus:
Welches denn jetzt der beste Gastof in der Residenz wäre?
Diese Vorstädter wussten wohl Antwort zu geben, aber sie nannten ein Dutzend Könige und Länder durcheinander. Hackert sah auf dem Kutschenschlage in der Ferne ein adliges Wappen und die Buchstaben O.v.D.
Der Wirrwarr der Tiere, die Mohren und die jubelnde Strassenjugend zogen ihn an, er trat näher und fragte nach des Herrn Begehr.
Welches ist jetzt das erste Hotel der Stadt? sagte mit sonderbarem fremden Accent der kleine breitschultrige Cavalier.
Die Stadt London! antwortete Hackert mit mehr Ehrerbietung, als ihm sonst eigen war.
Also wie vor funfzehn Jahren! Und der zweitbeste? Doch nicht die goldne Eule?
Jetzt die Stadt Rom! sagte Hackert.
C'est la même chose! Also ist Stadt Rom das beste Hotel; denn, mein Herr, das eine ist wirklich gut und das andre bemüht sich nur, den guten Ruf aufrecht zu erhalten. Alte Wände, neue Tapeten. Ich ziehe die goldne Eule vor. Ich danke Ihnen! Schwager, also in die Stadt Rom!
Damit fuhr der Wagen des sonderbaren Dialektikers vorüber und jetzt so schnell, so im verhängten Galopp, dass die Menschenmenge nicht mehr folgen und ihm nur ein lautes Halloh nachschreien konnte. Man zeigte sich lachend die Äpfel, die Nüsse, die kleinen Silbermünzen, die man erobert hatte und zerstreute sich in der Voraus setzung, man würde an den Strassenecken bald die Ankündigung eines angekommenen berühmten Taschenspielers oder einer Menagerie oder einer Kunstreitergesellschaft lesen.
Lieber O.v.D.! sagte sich Hackert, als er allein zur inneren Stadt zurückschlenderte, du bist bei allem Witz ein Narr und deine Tiere, die wie Menschen gekleidet sind, haben so viel Verwandtschaft mit dir selbst, dass ich auch ein Narr wäre, wenn ich mich noch länger hier an Lasally's Reitbahn um drei tote Pferde ängstigen wollte.
Die Tollheit eines Andern hatte Hackert's Grübelei geheilt. Und es war die höchste Zeit, dass er sich auf dem Profossamte sehen liess. Im Vorübergehen an der Stadt London fragte er, ob nicht ein Reisender mit Mohren und Affen eben angekommen wäre? Er fragte grade deshalb dort, weil er sich sagte, die Menschen wären ja alle inconsequent und führten in jeder folgenden Minute grade Das aus, was sie sich in der vorhergegangenen widerraten hätten. Um so mehr war er überrascht, dass in der Stadt London Niemand etwas von einem solchen Fremden wusste, in der Stadt Rom ihm aber unter lachen und Verwundern wirklich gesagt werden konnte, der angekommene vornehme Sonderling hiesse ganz einfach: Baron Otto von Dystra, kurländischer Gutsbesitzer.
Doch einmal Einer, der Consequenz hat! sagte sich Hackert erstaunt und verwünschte die dumme neugierige Stadtjugend, die an dem Portal der Stadt Rom sich anhäufte, um die Affen, die Papageien, die Windspiele und die