Lust! Die Seligkeit damals in dem Schloss!
So? Ich schlief auf der Wiese unter den Fröschen ... Wer freilich bei Ihnen ...
Hackert! ... Ich sage Ihnen, Melanie ist nicht mehr zum erkennen –
Wie so? Sie hat ja nun doch den rechten Prinzen Egon!
Sie wissen's also auch? Alle Leute sagen's. Ich mag sie nicht fragen – sie ist mir nicht wieder grün geworden. Von Hohenberg will sie nichts wissen ... immer ernst – immer nachdenklich – immer Musik jetzt und Lektüre und melancholisch ...
Und nun begannen diese Menschen eine Kritik der Verhältnisse Schlurck's, des Prinzen, der bekannten Armut des Letzteren, bis Hackert mit den Worten einfiel:
Ich sehe unsern Alten noch mit der Prise in der Hand in Lasally's Cirkus die Honneurs machen und mit ein paar alten steifen Mähren das Gnadenbrot um die Wette essen. Wie geht's denn Sr. getauften Lordschaft?
Jeannette sprach in gemessensten Ausdrücken von Lasally, seinem ehrenwerten vielverkannten Charakter, worüber sie fast den Faden ihrer Mitteilung verlor. Dazu das Drängen in der engen Gasse, die Aufregung der Menschen, das Gewühl eines naheliegenden Frühmarktes. An einer Strassenecke lasen die Leute angeschlagen, dass Fürst Egon von Hohenberg Minister geworden. Hackert griff diese Nachricht auf.
hören Sie doch! Prinz Egon Minister!
Jeannette verwunderte sich, hielt eine solche Beförderung für eine Degradation, einen wirklichen Beweis der Armut des Prinzen ...
O weh! sagte sie. Und heute, heute muss der Justizrat zehntausend Taler an Lasally zahlen ... Das Alles an einem Tage!
Hackert erstaunte über die Zahlung an Lasally. Er kannte Schlurck's Geldverhältnisse besser als selbst die Justizrätin. Was für zehntausend Taler? fragte er.
Jeannette berichtete von einer schrecklichen Scene, wo Lasally sich und Allen den Tod gewünscht hätte. Er wäre ruinirt, er hätte auf diese Heirat gehofft, er hätte sich lächerlich gemacht durch seine Langmut; er hätte den letzten Beweis seiner Geduld in der Sache gegen Hackert gegeben ...
Ja, Fritz, sagte Jeannette, er will Sie doch noch an den Galgen bringen. Neumann sagt, Sie wären's auch wert ... man müsste Sie eigentlich auf ein wildes Pferd binden und dann ...
Doch wohl das Pferd peitschen und nicht mich wieder? fiel Hackert grimmig ein. Ich rat' Euch Gutes! Ich hab' eine Wut auf Pferde und Lasally's rat' ich die Hufeisen verkehrt anzunageln, dass ich nicht weiss, wohin er mit ihnen ausreitet – Lasally's mein' ich.
Jeannette schauderte vor dem jungen Mann, den sie jetzt bös, doch tückisch nannte. Seine Augen zuckten. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich krampfhaft. Jeannette sagte ihm rasch, dass Schlurck keinen Kutscher mehr halten könne und ihr selbst geraten hätte, zu Lasally zu gehen, bei dem für Neumann zu sprechen. Lasally würde sich jetzt sehr grossartig einrichten, würde Leute brauchen. Eben ginge sie zu ihm, um ihm die Dienste ihres Verlobten anzubieten ... Sie wisse zwar ... Damit unterbrach sie sich selbst, denn Hackert ging fast taumelnd, fast abwesend neben ihr her. Sie sprach schon nichts mehr, er schwieg. So durchschritten sie fast die ganze Stadt, zum Schrecken der Zofe, die sich in der einsamen Torgegend vor Hackert's plötzlicher Träumerei, wahrscheinlich der Erinnerung an seinen Lasally zugefügten Frevel, fürchtete. Zuletzt standen Beide vor dem Eingang in die Reitbahn Lasally's. Hackert erschrak, als er aufblickte. Jeannette hatte längst gefürchtet, dass sich Hackert einer gefährlichen Gegend nahte. Aber er sammelte sich und murmelte zum Abschied so hin, sie würde Lasally in einer türkischen Kleidung finden, eine gelbe Meerschaumspitze im mund, einen türkischen Fez auf dem Kopf, rote Hosen an, gelbe Stiefeln, Schlafrock von Sammet mit Schnüren. Wie ein Pascha würde er sie empfangen und sie würde ihm die gelben Stiefeln küssen dürfen, seine hände, seine Ohrzipfel und tot und kalt würde der Pascha sagen: Dein künftiger Mann ist ein Schafskopf, doch soll er die Stelle haben, setzen Sie sich, fräulein! Parlez vous français?
Jeannette lachte, huschte davon. Scheu entfernte sich Hackert von einem Ort, der ihn an ein Verbrechen erinnerte. Er floh fast. Als er sich in Sicherheit glaubte, sah er um sich. Er war erschöpft. Da stand ein Brunnen, der hier in der Vorstadt in ländlicher Weise mit einem Wassertroge für die Ausspannungen, die vorüberziehenden Viehheerden versehen war. Die Bäume hier und dort auf dem grossen Vorstadtplatze waren entlaubt, die Luft schnitt kalt und fröstelnd genug. Herbstlich sah's auch in Hackert's inneren aus. Fehler, Irrtümer, begangene Frevel vergibt sich die Jugend sehr bald. Aber um so gewaltsamer, je weniger sie davon merkt, nagt an ihr die zu frühe erkenntnis. Dass diese person, diese Jeannette, nun zu einem Don Juan ging und für ihren Bräutigam um eine Anstellung bat, durchschaute er zu offen mit allen Folgen. Die verbitterte Auffassung der Menschen überzieht das ganze Leben mit aschgrauen Farben und worin anders wurzelt die verzweifelte Freudlosigkeit des verdorbenen Grossstädters, seine Wut nach Änderung seiner Lage, seine in der Gefahr dann doch wieder elende Gesinnungslosigkeit, als in diesem zeitigen erkennen aller Endlichkeit unsrer natur, in dem höhnischen Schlechtnehmen und Schlechtdeuten jeder fremden menschlichen Regung und Unternehmung? Hackert sah Alles vergiftet