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Augenblicke über ihn. Mitten in der wüsten Lebensart, die er nun, wo er doppelt Geld hatte, am wenigsten liess, überkam ihn wohl ein Gefühl verzweifelnder Wehmut. Da setzte er sich in Trinkstuben hin, warf einen Papierschein auf den Tisch, nahm das Geld nicht auf, das er wieder heraus bekam: er hasse das schmuzige Metall, sagte er, es mache ihm Krämpfe in den Fingern. Er trank, kam durch die Aufregung, die der Wein mehrte, in einen Zustand verbissener Wut, verletzte Jeden, der sich ihm nahen wollte und hatte doch meist die Kraft nicht, die Folgen, die seine entfesselte Wildheit nach sich zog, auszukämpfen. Man warf ihn da, wo er wie ein König eingetreten war, wie einen Bettler zur Tür hinaus. Und es sprang ihm Niemand bei. Es schloss sich ihm Niemand an. Niemand fasste zu seinem Wesen Vertrauen. Er konnte dann stundenlang sitzen, das Haupt aufgestemmt und ergrimmte Glossen hinund herschleudernd. Man kannte ihn schon und belustigte sich an ihm. Seine Grundanschauung war die, Jeden für irgendwie schlecht zu halten. Wenn er ganz mit sich in Verfall geriet, ging er vor die Tore, setzte sich an die Spielplätze der Kinder, sah deren Treiben zu und wollte sich auch schon aus Dem die Eitelkeit, die Gewalttat, den Eigennutz früh herausmärzen. Wie Timon dann Alle verwünschend, Alle hassend, rannte er in die Felder, in die Vorstadtgassen und endete gewöhnlich damit, dass er sich zuletzt zu den Verworfensten ihres Geschlechtes flüchtete, mit diesen tobte, fluchte, philosophirte, grade als wenn er aus dem Schlamm erst heraus nach Licht und Poesie rang. In dieser Sphäre hielt man ihn für verrückt.

Dem Schlurck'schen haus lag ein Café gegenüber. In diesem sass er schon seit seinem Bruch mit der Familie oft Tage lang und belästigte des Justizrats Fenster durch freche Blicke. Auch heute wollte er schon in aller Frühe in das Café eintreten und den unerquicklichen Dunst und Staub, den eine Herberge am frühen Morgen darbietet, einatmen, als er Jeannetten aus dem Schlurck'schen haus treten sah. Sie hatte einen der herbstlichen Jahreszeit entsprechenden Mantel um und sah fast ergrimmt, fast bissig, jedenfalls sehr finster aus. Trotz dieser Witterung, die er gleich spürte, wagte sich Hackert an seine Feindin, grüsste sie und stellte, die Cigarre halb aus dem mund nehmend, mit dem Hut auf einem Ohr, sich ihr dicht in den Weg. Zwei Menschen Das, die Gott nur zu Rädern für fremden Willen geschaffen zu haben scheint, zu ohnmächtigen Werkzeugen fremder Kraft, und grade die wollen erst recht selber im Leben regieren, wollen grade im Dienen herrschen und herrschen wirklich!

Nachtvogel! war Hackert's Gruss und Tagedieb! Jeannetten's Antwort.

Blas' er seinen Qualm nicht ehrlichen Leuten in's Gesicht!

Mamsell hat Angst um ihre glatte Haut! Herbst wird's? Tragen Sie doch einen Schleier! Ihr Teint springt auf trotz Gold-Cream, der Ihnen da von der Nacht noch an der Nase glänzt!

Jeannette besann sich, ob sie so fortfahren sollte. Eine stimme sagte ihr: Die Feinde deiner Feinde sollten deine Freunde sein! Und so begann sie:

Hackert, die zeiten, wo Sie im haus waren, sind nicht mehr.

Hackert war nicht sentimental. Am wenigsten liebte er die gefühlvollen Kammerzofen. Sie weinen ja? sagte er. Tränen wie Zwetschen so dick, Tränen, wie Rossäpfel von Ihrem himmlischen Herrn Lasally! Lumpenvolk!

Denken Sie doch nicht mehr an den Abend in der Fortuna, Hackert, lenkte die Kammerzofe ein. Neumann hat's bitter empfunden. Sie hatten mich durch Ihre schändliche Plauderei wegen dem falschen Prinzen um meinen Platz gebracht. Sie hätten den Zorn sehen sollen, wie Melanie nach haus kam von Frau von Hardergleich mir aufgesagtUnd wir wissen doch, Hackertwir wissen doch

Schnurr du und noch ein Spinnrad! äffte Hackert das rasche Plaudern der Zofe nach. Bist ja im Haus geblieben, edles Wesen! Der süsse Bartusch und die Wassernixe, die Frau Justizrätin, warfen dich ja nicht zum Tempel hinaus, liessen dich ja bei Neumann, seinen Ohrringen und seinem Backenbart! Schlurck kann ja auch nicht den Geruch von jedem Frauenzimmer um ihn her vertragen -So sind Sie geblieben. Was stört denn nun jetzt da drinnen die schöne Landschaft?

Jeannette zog Hackerten vorwärts in eine minder belebte kleine Seitengasse. Hier begann sie eine Mitteilung über Schlurck's neuerdings erlebte Unglücksfälle. Die Verwaltung der Hohenbergischen Güter wäre ihm genommen, die Administration der städtischen Häuser wäre vom Magistrat neu untersucht worden und es hiesse, sie käme auch aus Schlurck's Händen. Schlurck lasse die Flügel schrecklich hängen und gestehe ein ... denken Sie sich, Hackert! ... dass er alt würde! Die Justizrätin wäre wasserscheu ... das wollte viel sagen ... Und Bartusch ...

Nun?

heute' Morgen in aller Frühe klingelt's und in einem Fiaker bringen sie den Alten auch todtkrank und elend ... Wer weiss, welche Gosse über ihn ausgeschüttet wurde!

Hackert forschte ...

Es musste zu Drommeldei geschickt werden, der gleich beim Eintreten sagte: Bartusch, Sie schauen ja aus, als hätten Sie Geister gesehen! Kurz und gut ... Ich sage Ihnen Hackert, wo ist die schöne Zeit hin, als wir in Hohenberg waren! Die