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Pergament Schmelzing's und dessen Abschrift. Er fand hier in der Tat reellere Dinge, wirkliche Namen, Zustände, Beziehungen ...

Kommen Sie zum Präsidenten, sagte er endlich. Ich sehe doch, es sind wichtige Namen da genannt worden und so gewagt es sein kann, hochstehende, bei hof verehrte Männer, wie den General Voland von der Hahnenfeder und den Propst Gelbsattel in ihren geheimen Äusserungen zu belauschen, so weiss man doch nicht, welches Ende unsre Ministerkrisis nimmt. Der General hat es abgelehnt, mit dem Fürsten von Hohenberg ein Ministerium zu bilden. Professor Rafflard ist uns längst schon verdächtig. Der Präsident wird zornig sein, dass wir über Werdeck nichts Genaueres fischten, nichts über diesen gefährlichen Leidenfrost; ich hoffe aber, diese Notizen machen es gut. Ich nehme sie mit. Kommen Sie um zehn Uhr zum Präsidenten, Schmelzing, damit Sie Alles dechiffriren!

Schmelzing war glückselig. Er hatte unfehlbar einen Sieg über Hackert errungen, Diesem die verfehlte Expedition zugeschoben, Brauchbares durch Zufall entdeckt. Doch nahm Pax auch von Hackert, seinem jüngstgeworbenen geheimen Agenten, mit Schonung und sichtlichem Wohlwollen Abschied. Er bot beiden Schreibern Geld an, das sie nahmen. Er forderte sie streng auf, jede nähere Beziehung zur Polizei noch für einige Zeit zu verbergen, es würde bald die Zeit kommen, wo sie vorwärts rücken könnten und, wenn sie wollten, Dienstabzeichen tragen dürften. Noch diktirte er ihnen einige Namen zu den Listen verdächtiger Personen, die sie schon bei sich führten; es befand sich der eines Engländers Namens Murray darunter. Schliesslich gab er ihnen verschiedene Eintrittskarten an öffentliche Orte, besonders in Ausstellungen, in Museen, Konzerte, auch eine immerwährende Gastkarte in die grossen und kleinen Versammlungen des Reubundes, weniger um verdächtige, dort nicht fallende Äusserungen zu überwachen, als sich in derjenigen Gesinnung zu stärken, die allein der Stachel und Sporn wäre, ihrem Berufe mit Eifer und Hingebung zu folgen und besonders eine innere Scheu des Angebens überwinden zu lernen.

Fax verliess sie. Schmelzing war froh, so gut davongekommen zu sein und konnte nicht begreifen, wie Hakkert, der doch auch gefehlt hatte, losbrach:

Die ewige Angeberei! Hol' die der Teufel! Ich hatte geglaubt, Pax würde uns da anstellen, wo man erfährt, wo heimlich gespielt, wo der beste Punsch gebraut wird und die hübschesten Mädchen ohne erlaubnis zu lieben wagen. Das Departement der öffentlichen Tugend, dachte' ich, würde Ihnen, Schmelzing, anvertraut werden, dass auf dem Trottoir uns die elegantesten Damen im Vorübergehen zuflüsterten: Guten Tag, Schmelzing! kennen Sie mich um Gotteswillen hier nicht, Schmelzing! Himmlischer, süsser Schmelzing, unter dessen Kontrole ich stehe, der bei mir ausund eingehen darf, bei Tag und bei NachtSüsser, himmlischer Schmelzing mit der weissen Halsbinde

Schmelzing lachte hellauf vor Wonne über diese zuletzt in die ihnen geläufige Fingersprache übergehenden Tollheiten. Er hatte seinen Hut genommen, drängte Hackerten zur Tür hinaus, schloss seinen Käfig zu und bat nur, unaufhörlich kichernd, ihn mit dem "andern Geschlecht" nicht zu furchtbar aufzuregen. Er müsse zum Präsidenten, sich sammeln ...

Unten auf der Strasse trennten sie sich.

Hackert war unflätig genug, ihm fast ... die Zunge nachzustrecken. Er schob die hände in die Beinkleidertaschen, rannte die nächste rauchende person mit einem Pardon! an, bat um Feuer! und schlenderte, wie ein Tagedieb, den lebhafteren Gassen zu. Er wollte erst Siegbert besuchen, um ihn zu warnen, führte aber diese gute Regung nicht aus, da sie ihm jetzt unnötig schien. Nun wollt' er zu dem alten grauen haus, das Schlurck bewohnte, wollte sich erkundigen, wie es um Bartusch stünde, wollte einmal den Versuch machen, Schlurck selbst zu begrüssen, dem er seit seiner Untersuchung in Sachen des Bildes der Fürstin Amanda von Hohenberg imponirte. Er war voll Übermut und Trotz.

Als er nun wirklich vor dem alten, mit dem Kreuze bezeichneten haus stand, blickte er schielend zu den Fenstern auf, hinter denen Melanie wohnte. Wie rannen da alle seine chaotischen, nicht guten, nicht völlig bösen Empfindungen in dem einen starken mächtigen Strom zusammen: Vergangenheit! Seit jener Nacht, wo ihm Melanie im Wagen versprochen hatte, Lasally von einer Untersuchung abzubringen, mit der der ergrimmte Freier ihn bedrohte, hatte er seinerseits das Versprechen geben müssen, auch nun für ewig von ihr zu lassen und ihre Bahnen nicht mehr mit seinen schreckhaften Erinnerungen an Kinderglück zu durchkreuzen. Hackert, hatte ihm Melanie damals gesagt, du weisst sehr wohl, dass ich über meine Zukunft eine ernste Betrachtung anzustellen habe und mich nicht blindlings an den ersten besten der Vielen, die mir huldigen, verschenken kann. Und Hackert schwur damals, was Melanie begehrte. Berauscht von Liebkosungen, die er ungrossmütig ertrotzte, war er nach haus geschwankt, hatte die Brüder Wildungen, Louise Eisold, Bartusch im frechsten Übermute verhöhnt, war auf den Fortunaball gerast, hatte seiner ganzen verlornen natur den Zügel schiessen lassen, bis ihn der Fluch seines Daseins, wie er sein Traumwandeln nannte, im Augenblicke der Erschöpfung strafte und ihn zum jammervollen Spott der Menschen auf's Neue mitten im Glückstaumel niederwarf. Um zu vergessen, war er den Anerbietungen des Oberkommissärs gefolgt. Die feige Verzweiflung, die ihn zuweilen erfassen konnte, hatte ihm den Mut gegeben, bis dahin Alles zu tun, was man von ihm verlangte. Nun kamen wohl schon lichtere