wurde und – aha, da liegen Schmelzing's Scripturen. Haben Sie Acht gegeben, was besonders der Major Werdeck äusserte?
O vollkommen, sagte Hackert, die Frage entschlossen auf sich beziehend. Ich postirte mich über der mittleren Zelle, wo sich etwa fünf Gäste zu unterhalten schienen –
Sie ganz allein? Sind Das Ihre Aufzeichnungen, Hakkert? Sehr unleserlich! Hackert, sehr unleserlich!
Hackert hatte seine Brieftasche hervorgezogen, in der allerlei verworrenes Durcheinander verzeichnet stand.
Die Herren sprachen sehr rasch, entschuldigte sich Schmelzing stotternd, und der Franzose wurde vollends von einem so hektischen Husten öfters unterbrochen –
Hektischen Husten? Der junge Louis Armand?
Ich meine, der Professor –
Der Professor? Welcher Professor?
An dem dritten Kreuz –
Sie haben doch nicht –
Schmelzing hat Alles, was die drei Herren unter dem dritten Kreuz über die Jesuiten und ihren zukünftigen Einfluss auf Deutschland sagten, hier aufgeschrieben ...
Aber mein Gott – Wer will denn etwas von den Jesuiten wissen! Was haben Sie denn gemacht! Die fünf! Was hat denn zum Teufel der Major Werdeck gesagt? Hackert!
Erlauben Sie, Herr Oberkommissär, sagte Hackert. Bei den fünfen war ich und habe nur wenig nachgeschrieben, weil ich bessere Ohren und besseres Gedächtniss habe als Schmelzing, dem ich die drei Jesuiten liess, als die wichtigsten.
Pax geriet in den äussersten Zorn. Er lief im kleinen Zimmer auf und ab, fluchte und wetterte und erklärte, dass ihm mündliche Berichte nichts helfen könnten. Und als Hackert gar anfing, zu erklären, jene fünf hätten sich Charaden aufgegeben, sich in geistaschenden Betrachtungen über die Blume der Weine, die sie tranken, zu überbieten gesucht, Frauentugenden analysirt, Universitätsanekdoten so breit erzählt, wie sie Melanie Schlurck immer vom Tisch des Justizrats verjagt hätten, fuhr Pax auf:
Hackert, Sie belügen mich!
Herr Oberkommissär, – ich verbitte mir, – warf sich Hackert in die Brust. Schmelzing, haben Sie nicht gehört, dass man von dem geist der Weine und immer über und durch die Blume sprach?
Schmelzing hatte von dem Worte Geist eine Erinnerung und behauptete, dies gefährliche Wort sehr oft gehört zu haben.
Pax fixirte Hackerten auf's Schärfste.
Ich versichre Sie, wiederholte Hackert, dass wir Beide nur gehört haben, wie man von Geistern so viel sprach, dass wir Gespensterfurcht bekamen. Was, Schmelzing? Nicht wahr? Der Geist muss regieren, sagten sie und setzten alle Könige ab. Das taten sie. Einen Tron bauten sie von Gedanken und behingen ihn mit Spinneweben und unsichtbaren Staubfädchen. Die Armeen schafften sie ab und wollten nur noch Schilderhäuser, die nicht grösser wären, als hohle Krebs- oder Nussschaalen. Polizei dürfe es gar nicht mehr geben, weil die Diebe nicht zu stehlen brauchten, da Allen Alles gehörte –
Das ist Kommunismus, sagte Pax, der sich über diese wichtige Zeitfrage zur Not durch kleine konfiscirte Schriftchen orientirt hatte. Und Schmelzing sperrte staunend den Mund auf, froh, dass Hackert die Verantwortlichkeit dieses Dienstversehens nun allein trug.
Fahren Sie fort! sagte Pax.
Sie machten Alles gemeinschaftlich, diese fünf, zuletzt, ich versichre Sie's, zuletzt auch die Rechnung. Niemand bezahlte für sich, sondern die verschiedenen Geschmäcke wurden in einen zusammengezogen, dann mit fünf dividirt und auf jeden kam, einschliesslich mehrerer Beefsteaks, ein Taler und fünf und zwanzig Silbergroschen.
Pax stampfte mit dem Fuss auf und schleuderte Hakkert's Brieftasche von sich.
Aber ich versichere Sie, Herr Oberkommissär, die Parole hiess: Geist! Hier – Hackert griff in seine Brieftasche – hier steht's ja. Der Eine sagte: Geist ist der Herrscher des Weltalls und der Meister des Teufels und die Dampfkraft in der Lokomotive: Mensch genannt. Erst greift der Mensch als Wickel-, Windel-, Fallhutkind um sich und begreift, was er fasst, begreift seine Beulen und versteht, was ihm ansteht, als Essgegenstand. Aneignung durch den Mund ist die erste Kritik der reiferen Vernunft. Dann ... Hackert improvisirte so fort ... dann trennt das Kind Eins vom Andern, das Naschbare vom Unnaschbaren und teilt es und urteilt. Über das Urteilen machte man Wortwitze, wie ich sie bei Schlurck hörte, wenn Universitäts-Professoren gebeten waren und an einer Gänseleberpastete durch die Zunge die Urbestandteile herausschmecken wollten. Ein berühmter Professor, den Schlurck auf Händen trug, weil er immer sagte: Alles was ist, ist vernünftig, der alte Herr nahm einmal von diesen Ur-Teilen so viel auf einmal in sich auf, dass er am folgenden Morgen an einer Indigestion verstorben war, worüber Schlurck sagte: Das erste Ist, das doch unvernünftig war! Dann hiess es unter dem mittleren Kreuz: Es gäbe einen wahren Geist und einen falschen, echte Moral und falsche und das innere Gesetz, darin fand ich Gefährliches, das innere Gesetz stünde über dem äussern. Man bezeichnete grade nicht die Polizei als die Gegnerin des inneren Gesetzes, allein sie sagten, sie wollten einen Liebesbund schliessen, wo Alle sich mit geistigen Waffen schlagen sollten und in Harnisch geraten nicht mehr aus persönlichem Interesse, nicht mehr aus persönlicher leidenschaft, sondern nur aus Überzeugung und um des inneren Denkens willen. Ich rufe Schmelzing zum Zeugen. Diese fünf Menschen waren mit der ganzen Welt zerfallen und wussten nichts zu loben, nichts, gar nichts, als höchstens des Ratskellermeisters Weinkarte.
Pax durchflog, während Hackert in dieser Weise flunkerte, das