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Hackert schlug seinen Weg zu Schmelzing ein, den er schon im Begriff fand, seine Bleistiftnotizen in's Reine zu schreiben.
Schmelzing wohnte in seinem neuen Logis besser als Hackert. Er besass nicht die cynische Verachtung alles Luxus wie dieser, der gerade in seiner Unfähigkeit, ohne Bedienung ordentlich und sauber zu erscheinen, etwas Vornehmes hatte. Schmelzing glänzte sich selbst seine Stiefeln, bürstete sich selbst seinen Rock, nähte ihn auch zuweilen und war für seine Verhältnisse so glatt geschniegelt wie seine Handschrift. Aber heute fand ihn Hackert doch noch in Unordnung. Diese verwirrte Nacht hatte den geriebenen, seiner mit subtilstem Egoismus pflegenden alten Jüngling gelinde ausser Fassung gebracht. Er empfing seinen Kollegen heute fast mit unartikulirten Vorwürfen und erklärte, nie wieder mit ihm gemeinschaftlich "operiren" zu können.
Was wollen Sie denn? fragte Hackert den Jammernden.
Ihre Narrenspossen haben mich fast um den Verstand gebracht. Die Frauen sind meine schwache Seite, und ich muss Sie in der Tat bitten, wenn wir in Amtsgeschäften sind, nie, nie wieder auf das andre Geschlecht zurückzukommen.
Aber Sie undankbarer Zurückgekommener! rief Hakkert und zeigte auf eine lang ausgebreitete Pergamenttafel voller Notizen, Sie haben ja die beste Verschwörung von der Welt auf dem Leder! Was hab' ich denn? An dem einen Kreuz, wo die beiden Damen, die nach Eau de Cologne –
Schweigen Sie jetzt, Hackert!
Die Eine, die Schwarze, die er Aspasia nannte – wissen Sie, Schmelzing, die mit –
Ich bringe Sie um!
Sie bringen sich selbst um, wenn Sie Ihre weisse Halsbinde so kokett schnüren. Wollen Sie sich Blut in die Wangen lügen? Blasser Teint steht Ihnen viel interessanter.
Was wird Pax sagen! Ich hoffte einmal auf seine Empfehlung als Kammerstenograph!
Aber, mein würdigster Kanzleirat, was bleibt mir denn erst übrig? Ich habe mit einem Gespenst gesprochen! Bei Verschwörungen statuirt die Polizei keine Gespenster! Für Gespenster gibt es keine Diäten! Schöne Halsbinde, Schmelzing! Wo lassen Sie waschen? Ihre Wäscherin ...
Schmelzing, aufkichernd, brach dies Tema ab und verlangte eine Mitteilung über die sonderbare Erscheinung des grauen Mannes. Hackert gab ihm nach einigen dämonologischen Neckereien zuletzt eine rationalistische Lösung. Er sprach geradezu von Dieben und von der notwendigkeit, diese der Stadt so wichtigen Räume unter eine bessere Aufsicht zu stellen. Er schloss seine Mitteilung damit, dass er nicht mehr in das Archiv mitginge und blickte nun auf Schmelzing's Errungenschaft, seine beschriebene Eselshaut ...
Sie stenographiren nach der süddeutschen Metode? sagte er. Ich war noch nie in Schwaben und finde mich nicht in Ihrem Gewimmel zurecht ...
Indem klopfte es stark und mit dem klopfen zugleich trat in Eile der Oberkommissär Pax ein.
Schmelzing hätte fast den Ärmel seines Fracks zerrissen, den er eben anziehen wollte, während er auch schon nach einem stuhl griff. Hackert nahm die Cigarre aus dem mund, die hände aus den Beinkleidertaschen ... sonst aber blieb er unerschrocken und phlegmatisch. Es sollte nun Bericht erstattet werden.
Zweites Capitel
Dämmerungen
Aber meine Herren, begann Pax, was ist Das? Ich erwartete Sie längst! Eine so wichtige Mission! Wo sind Ihre Aufzeichnungen! Was haben Sie für Resultate?
Schmelzing zeigte mit grosser Verlegenheit auf das von ihm beschriebene Pergament und sah hülfeflehend Hackerten an, der mit aller Ruhe das Wort ergriff:
Denken Sie sich! Wir fanden ja statt nur eines zuletzt drei Kreuze erhellt, Herr Oberkommissär! Über jeder der drei Zellen wurden Dinge gesprochen, die des Anhörens wert waren.
Der Oberkommissär schien sehr erfreut.
In der einen sassen zwei griechische Damen, sagte Hackert, und ein ... ein lateinischer Herr –
Ich weiss, sagte Pax lächelnd. Die eine Zelle war von dem phantastischen Pfarrer Guido Stromer besetzt, der hier jetzt in Begleitung zweier Fräuleins Wandstabler die Wildheit austobt, von der kein Mensch begreift, wie er Jahre lang auf seinem dorf sie hat bändigen können. Es wird nötig sein, den Mann zu warnen.
Waren es wirklich die Wandstablers? sagte Hakkert erstaunt. Ja, fragen Sie Schmelzing, dieser Herr hat sich, soweit es mit Gefahr, die Augenlieder zu verbrennen, zu hören möglich war, so in wissenschaftliche Untersuchungen über die Liebe ergangen, dass Schmelzing in seinen edelsten grundsätzen wankend wurde und sich selbst gern ins Türkische übersetzt hätte, wenn ...
Ich will nicht hoffen, unterbrach Pax, dass Sie dies Stelldichein eines unbesonnenen Mannes, den der Genuss des Residenzlebens um Vernunft und Vorsicht zu bringen scheint, gestört hat, an der Hauptstelle Acht zu geben?
Nein, fuhr Hackert als Wortführer fort, Schmelzing verachtet den sogenannten Panteismus, den Propst Gelbsattel an Schlurck's Tische proklamirte, wenn der Champagner kam. Ich beredete ihn, weiter entfernt beim dritten Kreuze Platz zu nehmen.
Beim dritten Kreuze? rief Pax, der Bildung seines Schützlings sich freuend, aber doch betroffen. Da, wo General Voland von der Hahnenfeder sass, den man wohl erkannt hat, trotz seines Mantels, in den er sich wie in eine Kapuze hüllte ...
Es war ein Franzose mit ihm! sagte Schmelzing rasch, um sich zu rechtfertigen.
Und Propst Gelbsattel, dessen helltönende DessertStimme ich kenne, verlangte dem General zu Ehren Lacrymä Christi ... ergänzte Hackert.
Ein Franzose, bestätigte Pax. Sollte es wirklich Sylvester Rafflard gewesen sein? übrigens, darauf kommt wenig an. Ich hoffe, dass der Irrtum bald entdeckt