bedauert haben, wenn Melanie dabei "dumm" gehandelt hätte. Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete? Ob sie sich in allen Beziehungen beherrschte? Es ist darüber schwer Etwas zu sagen .... Nur behauptete man, dass Bartusch, das Factotum ihres Mannes, einen grösseren Einfluss auf sie hatte als Schlurck selbst, der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch war. Das hinderte aber nicht, dass der Justizrat mit vollem Rechte oft laut rühmen durfte: Er besässe in seinem saubern, klugen, runden, netten Hannchen die vernünftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt!
Frau Pfannenstiel, die hier nur "geduldet" wurde "aus Rücksichten", die elegante Frau von Reichmeier hatten sich bereits eingefunden. Etwas später kam in sehr gewählter Toilette auch Frau von Zeisel, eine sehr bestimmt auftretende unruhige, anspruchsvolle und doch gar kleinstädtische Dame. Auch die bescheidene Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein. Herr von Zeisel, dem zuviel daran lag, die Gunst des allgewaltigen Administrators zu behalten, schlenkerte neben seiner Gattin her; so lang und weitläufig er an Gestalt war, hatte er doch etwas Windspielartiges. Auch Herr von Reichmeier kam mit Briefen und Zeitungen, die man ihm natürlich sehr gern für sich zu lesen gestattete, um nur seine üble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht günstigen Resultat der Massa-Bilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen, die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte.
Dem Pfarrer Guido Stromer hätte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen müssen, in denselben Räumen, wo er so oft mit der frommen Fürstin Amanda und allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte, jetzt einer sehr weltlichen Gesellschaft beizuwohnen. Allein dieser eigentümliche Mann schien sich ziemlich leicht in die veränderte Stimmung dieser Atmosphäre zu finden. Es waren dieselben hohen Zimmer, die von seinem Gebete sonst widerhallten, es waren dieselben grossen geöffneten Fenster, durch die die balsamische Kühle des Sommerabends jetzt erquickend hereinströmte, wo sonst die Stickluft der vielen zusammengedrängten Bauern und Bäuerinnen die Brust beengte. Aber ihm selbst schien es ganz wohl zu sein, von der Vergangenheit sich erlöst zu sehen. Ob er freilich in seiner Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die veränderten Umstände des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging, mag sein Gewissen entscheiden. Die alte Brigitte z.B., die im schloss hin- und herwandelte und sich an die Wände drückte, um von all den neuen Kammerzofen, Köchinnen, Jägern, Jockeis, Bedienten nicht umgerannt zu werden, klagte den Pfarrer Guido Stromer laut genug an, dass er allerdings seinen Sinn geändert hätte. Oft stand er sonst bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem, von dem er wissen konnte, dass sie der Fürstin davon wiedererzählen würde; jetzt aber, in gewählterer Kleidung, mit bunten Tüchern und Westen, rannte Guido Stromer gleich allen andern Weltkindern an ihr vorüber und tat, als wenn er sie nicht mehr kannte und ihm eine Minute verlorenginge, die er hoffen durfte, in der Nähe dieser neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen! Schon in den zwei Jahren, als der Fürst allein hier walten durfte (jedoch niemals ernstliche Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien), hatte sich Stromers frühere Gesinnung sehr abgekühlt, wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin klagte. Diese, eine sehr einfache und nur in ihrem nächsten Kreise wirkende, mit vielen Kindern geprüfte und, man kann wohl sagen, von ihnen völlig zerbröckelte und zermürbte Frau, liess sich nicht gern auf Dinge ein, die ihr in Allem stark und sehr selbstbewusst auftretender Mann allein verteidigen mochte. Stromer gehörte zu einer gewissen klasse von Gelehrten, die man "ewige Studenten" nennen möchte. Entweder war er wirklich ein Genie oder, was für die Beurteilung seiner Stimmung wohl Dasselbe sagen will, er hielt sich dafür. Pietismus ist solchen Naturen der willkommenste Ableiter eines überstarken Selbstgefühls. Der Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich über das Urteil der unausgewählten Menschen hinweg. Guido Stromer war Pietist, solange die Fürstin lebte. Jetzt aber, wo sich die äussern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten, jetzt brach in dem mann wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu nichts Gewöhnlichem berufen dünkenden Gemüts hervor. Es war ihm oft, – seine arme Frau litt sehr darunter – als müsste er beengende Fesseln brechen, als wäre diese häusliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht würdig, als wären ihm dieses Weib, diese fünf Kinder nur wie von einem bösen Traume angezaubert worden. Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen. Die Erinnerung alter zeiten erwachte in dem unglücklichen, unruhigen mann. Er sah das Leben in neuen ihm bisher fern entrückt gewesenen Erscheinungen wieder so sonderbar lächeln, so eigentümlich nicken und winken. Die nächsten Ansprüche seines Berufs kamen ihm so qualvoll, so geringfügig vor, und obgleich er daheim immer eine gewisse Tobsucht, selbst in seiner frühern demütigen Periode gezeigt hatte, so war er doch seit einiger Zeit, wie Alle wussten, förmlich aus Rand und Band, warf, die Mägde erzählten's, schon in der Frühe seine Kleider dahin und dortin, perorirte laut, wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und sogar der Spiegel Beifall schenken wollte. Er war sich unbewusst ein Vierziger geworden. Er sah, dass ihm die "Harmonie der Seele" zwischen ihm und einer fürstlichen Durchlaucht die schöne, unersetzliche Zeit von seinem achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte. Er hatte nie zurück,