Verhaftnahme behülflich zu sein. Es folgt das Signalement."
Es ist Siegbert's Bruder! sagte Ackermann. Die guten Geister sind von Egon gewichen.
Ackermann verfiel in tiefste Traurigkeit. Er schien unfähig, heute noch in seinem sonst so freudig ergriffenen Berufe zu wirken.
Selma ehrte seinen Schmerz. Siegbert's Gestalt trat ihr durch den ihr unbekannten, wenig besprochenen Bruder verklärter entgegen. Oleander, der zum Unterrichte kam, war selbst so erschüttert, dass er sich nicht sammeln konnte. Er ging bewegt und liess die vor Kummer Schweigenden ohne Abschied zurück. Er hätte so gern dem reinsten Genusse des Frühlings gelebt! Liebe und Freundschaft waren seine ewigen Sterne und nun schienen sie düster umschleiert. So traurig hatten ihm die Lerchen nie gesungen.
Der Abend kommt. Die grosse rote Feuerglut des himmels erlischt. Dunkelblaue Wolken ziehen nächtlich herauf. Der Tag so linde. Am Abend weht ein kühlerer Luftauch. Die Arbeiter feiern, ziehen heim, hier und dortin, auf Dörfer, Gehöfte. Im hof wird's still. Nur fern beim alten Sandrart hört man noch ein Rollen von Tausenden von Erdäpfeln, die man aus den Wintergruben ausgräbt und aufschüttet. Man hat sich verspätet, man schüttet sie auf Breter, die sie abschüssig in den Bauernhof rollen lassen, noch spät Abends. Es wird ganz dunkel. Auch diese Arbeit ist getan. Alles nun still. Ackermann ruht auf dem Sopha. Selma spricht zuweilen ein Wort der Teilnahme für Franziska, die bei einer Sterbenden, die sie nicht liebte, im haus wachen müsse. Eine Uhr pickt. Alles leise, Alles still und traurig ...
Da bellt ein Hund lauter als sonst, bald bellen noch mehr; zuletzt alle. Es wird lebendig draussen ...
Wer kommt noch so spät?
Herr Ackermann zu haus? sagte eine stimme draussen.
Als die Magd antwortet, heisst es:
Braucht man auf dem hof hier nicht noch Arbeiter? Ich höre, man hat viel Arbeiter gesucht. Braucht Herr Ackermann noch ein paar gesunde hände?
Welche stimme! rief Selma ...
Ackermann war schon aufgestanden. Schon die ersten Worte klangen ihm so bekannt und durch den Sinn doch so fremd ...
Wer ist Das? sagte er.
Wir haben Arbeiter genug, spricht die Magd, und schicken täglich fort.
Ei, so fragt an! Bin ich darum so weit gewandert?
Selma hatte ein Gefühl, als sollte sie aufschreien. Sie fasste den Drücker der Nebentür, als müsste sie fliehen.
Das ist der Fürst! ruft Ackermann ausser sich und reisst die Tür auf, die zur Hausflur führte.
Im Dunkeln, beleuchtet von einer kleinen Küchenlampe der früheren Magd vom Heidekrug, stand in einer Blouse mit grauweissem hut ein junger Mann. Wie er den Hut zog, die braunen Locken ihm über die Stirn fielen, er näher trat, er grüsste, bebte das Wort auf Ackermann's Lippen:
Kommen Sie!
Die Magd, die den Fremden nicht wieder erkannte, sagte:
Das ist Herr Ackermann!
Wohl! Wohl! spricht der Ankömmling. Ich kenne Herrn Ackermann. Darf ich eintreten?
Ackermann sprachlos (denn er glaubte den Fürsten zu sehen) tritt zurück und stellt das Licht, das er ergriffen hatte, zitternd auf den Tisch.
Ein unterdrücktes Ach! wie von einer Entfliehenden im Nebenzimmer ...
Wie die Tür des Corridors sich schliesst, sagt der Eintretende:
Sie kennen mich nicht. Erinnern Sie sich jenes Wanderers, der im wald bei Hohenberg letzten Sommer mit Ihnen und Ihrem Sohne Selmar sprach?
Wohl! Wohl! sagt Ackermann bebend.
Ich bin in der Lage, Sie um eine Freundlichkeit, eine Aufopferung zu ersuchen. Ich verehrte Sie immer. Seit Louis Armand von Ihnen sprach, seit mein Bruder Siegbert Wildungen Sie den bedeutendsten, den edelsten aller Menschen nennt –
Siegbert – Ihr Bruder?
Mein Bruder! Ich bin der Flüchtling Dankmar Wildungen, den eine zum jämmerlichsten Egoismus entpuppte Politik zwingt, sich zu verbergen. Ich kann nicht aus dem land fliehen, weil mich an dies Land Vaterlandsgefühl und eine grosse Aufgabe bindet. Darf ich bei Ihnen bleiben? Wollen Sie mich in Ihrem neuen grossartigen Verkehr im Geheimen als Arbeiter dulden, bis bessere zeiten kommen?
Ackermann, sprachlos, ergriff sein Portefeuille, riss es auf, holte ein Papier hervor, entknitterte es, nahm die Locke und hielt sie gegen Dankmar's Haar.
Diese Locke schnitten Sie mir in einer rätselhaften Nacht vom haupt, sagte Dankmar. Ich träumte, ich wachte. Ich sah Sie geheimnissvoll mir nahen und so lieb hatte' ich Sie, so verehrt' ich in Ihnen den höheren Genius, dass ich still die Augen geschlossen hielt und mit mir geschehen liess, was geschah.
Allmächt'ger Gott, Sie galten damals –
Für den Prinzen Egon! Ich erwies ihm die Liebe, ihm durch Täuschung andrer leichtsinniger Menschen einen grossen Dienst zu leisten. O beim Himmel! Seine Täuschung hat er länger durchgeführt, als ich!
Ackermann's Gefühle waren in diesem Augenblicke zu gewaltsam, von Jammer und von Freude zugleich zu heftig bestürmt. Dennoch überwog, aus Liebe für Selma, die Freude. Eben wollte er jubelnd rufen: Selma! Selma! Wo bist du? Da stand sein Kind schon an der Tür, weinend, lachend, an dem Rahmen der Tür sich haltend, zitternd, bewusstlos ...
Selma! rief Dankmar, stürzte auf das bebende,