Ungewitter zieht über mich und meine Freunde zusammen. Was vorauszusehen war, Trennung unsrer Wege von denen des Fürsten, traf schon gleich nach meiner Rückkehr von Hohenberg ein. Wir sahen uns selten, zuletzt vermieden wir uns. Was aber nicht vorauszusehen war, ein offener Bruch, offene Feindschaft zwischen Menschen, die sich liebten, zu lieben vorgaben, auch Das ist eingetroffen und irgend ein gewaltsamer Zusammenstoss scheint so unvermeidlich, dass ich Ihnen schreibe und Sie bitte: Liebe Franziska, Sie kennen die innige herzliche Verehrung, die ich für Sie hege und die nur mit meinem Leben erlöschen wird. Was mir auch geschehen möge, was Sie auch von mir hören dürften, rechnen Sie auf meine treue anhänglichkeit! Ach, ich fühle nun wohl, was mich gehindert hat, Ihnen Alles zu sagen, was in meinem Herzen für Sie schlummerte und was erst jetzt, wo ich so grossen Gefahren ausgesetzt bin, ganz erwacht ist! Jetzt, an der Grenze meiner Freiheit, sag' ich Ihnen, geliebte Franziska, dass ich in Ihnen so viel Güte und Reinheit der Seele gefunden habe, wie nur in meiner vergessenen, von Egon gemordeten Schwester. Ist Das nicht grausam, jetzt so zu sprechen! Jetzt, geliebte Franziska, wo ich Denen, die mich lieben, nur Kummer bereiten kann? Vergeben Sie mir! Werden Sie wirklich die Gattin des guten, Ihrer Liebe würdigen, reichen Heinrich Sandrart, dann vergessen Sie meiner. Ich gedenke Ihrer ewig und werde nie zürnen, wenn Ihr Herz seinen höhern Pflichten folgt. Ich schreibe das Alles aus meiner innersten Seele, die Feder führt Siegbert Wildungen, der Treueste, der mich nicht verlassen hat, wie Egon. Egon handelt entsetzlich an uns. Er behauptet, der Freundschaft genügt zu haben. Er behauptet, dass er in Warnungen sich erschöpft hätte. Egon droht uns! Egon droht seinen Freunden! Der Fürst ist Fürst und ich bin ein Bettler. Aber ich glaube jetzt Rechte gefunden zu haben auf den deutschen Boden. Ich fühle die Verwandtschaft mit Oleander, ja sogar mit einer Heldenseele, Jagellona von Werdeck, ich bin kein Fremdling mehr in diesen Landen. Doch, was unterhalt' ich, quäl' ich Sie mit Dingen, teure Franziska, die diesen Winter mich ausser Atem und Besinnung brachten! Ich kann nur einen kurzen Gruss – vielleicht einen ewigen Abschied – senden. Die Zeit, die Stimmung, die Ruhe fehlen, um meiner minder gewandten Feder Raum zu lassen, in meiner unsichern Muttersprache dasselbe zu sagen. Die deutsche Sprache ist jetzt fast meine Muttersprache. Vergessen Sie mich, wenn es sein muss! In grosser Bedrängniss Ihr Louis Armand".
Ackermann sah mit tiefstem Anteil Franziska's Verzweiflung.
Was ist ihm geschehen? Was kann ihm drohen? rief sie.
Selma, die selbst weinte, suchte zu trösten.
Aber Heunisch, der Jäger, der eben dazu kam, störte allen Trost.
Er rief Franziska bei Seite und sagte:
Ursula Marzahn stirbt diese Nacht. Sie geht hin ... aber hab' ich mich vor ihr im Leben nicht gefürchtet, im Tod ist sie mir wie ein Gespenst. Sie sagt Dinge am letzten Sonntag als die Glocken läuteten ... Franziska, habe deinen alten Onkel lieb! Komm' mit auf drei Tage, bis sie zur Ruhe ist!
Ackermann bedauerte das bevorstehende Leid, musste aber gestehen, dass der Onkel etwas Billiges verlangte. Er redete Franziska zu, zu gehen. Heunisch nahm sie sogleich und führte sie, indem er ein Bündelchen trug und ihre Tränen für Anteil an seinem Verluste hielt, jenen Fusspfad an der Sägemühle und dem schwarzen Kreuz vorüber, von dem er sagte:
Seit die Ursula fast wie vernünftig gesprochen, fürcht' ich mich vor dem Kreuz da!
Selma musste wenig Stunden nach Franziska's Entfernung sagen:
Es ist gut, dass sie einige Tage entfernt ist!
Sie zeigte dem Vater das neueste Zeitungsblatt ...
Es entielt die Nachricht, dass ein Apostel der kommunistischen Irrlehren, der diesen Winter über, aller Warnungen ungeachtet, besonders im Kreise der Willing'schen Maschinenarbeiter für seine staatsgefährlichen Teorieen gewirkt hätte, ein Franzose, Namens Louis Armand, vermittelst Zwangspass aus den diesseitigen Staaten entfernt worden wäre.
O bitte're Welt! rief Ackermann. O gold'ne Jugend, an die sich der Rost des Lebens setzt! Traum des Glückes, warum löst dich der Tod nicht ab, warum das Erwachen zu dem jammervollen Geständnisse: Wir Alle sind Menschen!
Und dann erläuterte er Selma den Begriff eines Zwangspasses. entfernt? sagte er. Louis Armand! Der Freund Egon's! Verbunden mit ihm durch einen Grabeshügel! Trennt so die Welt? Wirft sie immer wieder die Hölle zwischen die Seelen? Ist Wahrheit des Geistes da, wo Lüge der Herzen? Armer, kindlicher Fremdling! Wie ehrtest du dein Volk durch ihm sonst fremde Bescheidenheit, Treue und deinen sittlichen Wert! Selma! Erkennst du jetzt, warum ich die natur so liebe und in ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben?
Selma aber sah, hörte nicht. Ihr Auge stierte auf eine andre Stelle derselben Zeitung.
Vater, lies! rief sie mit fieberhafter Erregung ...
Ackermann nahm und las das Blatt. Die Stelle lautete:
"Bekanntmachung.
Der wegen politischer Umtriebe verfolgte Referendar Dankmar Wildungen hat sich der ihm bevorstehenden Untersuchung durch die Flucht entzogen. Alle Sicherheitsbehörden des In- und Auslandes werden aufgefordert, zu seiner