und die Menschenstimme die Stimmen des Feldes und Waldes. Schon jodelte ein ungeduldiger Hirtenknabe um die Wette mit der Lerche, die aus ihrem rätselhaften Winterverstecke plötzlich wie ein Wunder da war und sich mit ihrem Gesang in die reine Bläue des himmels so stolz und froh emporwirbelte. Lange Züge von Kranichen und Schneegänsen flogen vom Süden weiter hinauf nach Norden. glückliche Reise, ihr flüchtigen Gäste! Grüsset das Meer, grüsset die Klippen Islands, wenn ihr sie erreicht und die dänischen Jäger auf den Inseln jenseits der Eider euch passiren lassen! Zieht ihr denn Alle vorüber? Nein, die Störche bleiben bei uns und suchen sich die alten Giebel, suchen sich die alten Nester auf und klappern den Kindern von neuen Brüderchen und Schwesterchen die heimlichen Märchen zu.
Selma hatte einen gedrückten, ernsten Winter durchlebt und nur in Fränzchen's heitrer Laune einen Trost gefunden. Dies junge Kind widmete sich ihr mit zärtlichster Verehrung und fühlte sich durch den veredelnden Umgang selbst so gehoben, dass sie sich von keiner Entbehrung beengt, durch keinen langen einsamen Winterabend in ihrem Lebensgenuss verkürzt fühlte. Wie teilte sie aber auch Selma's Freude, als der Frühling kam! Selma hatte nur die Erinnerungen, wie das Alles wird und wächst in dem fernen Weltteile. Sie erstaunte nun, Alles hier so wiederzufinden, wie es auch dort ist und dennoch schien Alles anders, eigentümlicher und ihr, wie sie sich im Stillen gestand, wertvoller. Fränzchen erklärte ihr, was sie, die Städterin, die arme Stubensitzerin, nur irgend von der natur wusste. Selma fand aber bald, dass sie keiner Führerin durch den deutschen Frühling bedurfte. Sie verstand ihn wie einen alten Bekannten und was sie nicht benennen konnte, dafür gab die Worte der Vater, der mit dem Erwachen der natur selbst wie neubelebt erschien und sich in seiner grossartigen Ökonomie still und ruhig wie ein Gärtner bewegte. Selma sah das Entstehen einer grossen Gemüse- und Blumenanlage hinter dem Wohnhause. Da sprossten Veilchen, Krokus, Schneeglöckchen. Da wuchs Schnittlauch, Kerbel, Salat. Da gackerten die Hühner, denen recht der Kamm gewachsen war und legten Eier hier und dortin. Es war eine lustige Jagd für Selma und Franziska, immer zu suchen, wo die Hennen ein stilles Plätzchen gefunden hatten. Und dabei schmückte sich der Fliederbaum um das Wohnhaus, die Laube bezog sich mit grünen Knospenaugen, die Sträucher im Garten schienen hörbar zu wachsen ... der Ullagrund so lauschig abwärts geneigt, die Ulla so munter und geschwätzig, der Wald, die Höhe, der blick nach Plessen, das Schloss von Hohenberg, Alles so verzaubert, so belebt, so neu, – wo war der Winter geblieben? War Das nicht Alles fast wieder so, wie Selma und der Vater es im Sommer fanden und er ihr gesagt hatte, als sie am Kirchhofe die Inschrift auf dem grab der Fürstin Amanda gelesen hatten: Kind, wir wollen hier bleiben, wollen hier unsre Hütten bauen!
Auch der April mit seinen kleinen Launen und winterlichen Rückfällen war fast vorüber, als Ackermann eines Tages durch den Justizdirektor von Zeisel mit der Nachricht überrascht wurde, Fürst Egon wollte, um sich von den Anstrengungen des Winters zu erholen, einige Tage auf seinem väterlichen schloss zubringen. Mit dieser Mitteilung geriet der sonst so ruhige, sich selbst beherrschende Mann in namenlose Aufregung. Sie wuchs, als er sah, wie die Nachricht auf Selma wirkte. Ohne auf das Tema, das im December bei der Heimkehr von Plessen zum ersten und letzten Male berührt worden war, zurückzukommen, konnte er doch nicht umhin, bei Tisch darüber zu sagen:
Ich habe die Ahnung, dass diese Begegnung mit dem Fürsten keine gute Wendung nimmt. Das freundliche Bild des Mannes, der einst mit uns nach dem Forstause wanderte, ist verwischt. Welche entwicklung einer gewaltsamen, eingebildeten natur! Diese Verfolgungen, von denen die Zeitungen das Unglaublichste melden! Dieser Terrorismus! Ich kann Adlige gelten lassen, die innerhalb ihrer Vorurteile willkürlich und anmassend regieren, Beamte, Militairs, Hofmänner sind mir erklärlich; aber mit Geist, mit Bewusstsein, mit Teorie so die gewonnenen Resultate der Zeit mit Füssen treten und den alten feudalen Staat wieder anzubahnen – doch Ihr versteht das nicht, Kinder! Deutlicher wird es Euch sein, wenn ich Euch sage: Alle Vereine hat der Fürst aufgehoben, alle geschlossenen Gesellschaften hat er aufgelöst, die beiden braven Arbeiter, die die Maschinen hierher begleiteten, ich las es eben in der Zeitung, sind festgesetzt, Leidenfrost ist in eine Untersuchung verwickelt und neue Verhaftungen, neue Ausweisungen stehen bevor ...
Franziska erschrak, da sie sich der Sphäre, in der diese Verfolgungen stattfanden, näher fühlte als Selma, die für Leidenfrost wenig Teimahme empfinden konnte und nur die beiden guten, bescheidenen Arbeiter bedauerte. Gläubigen weiblichen Naturen sind satyrische Erscheinungen wie Leidenfrost antipatisch. Alle beklagen die beiden jungen Arbeiter ...
Ich finde, fuhr Ackermann fort, dass viel von fremden Agenten gesprochen wird. Wenn wir erlebten, dass selbst Louis Armand ...
Selma winkte dem Vater. Sie wusste, dass Fränzchen den freundlichen und gefälligen Freund trotz seiner spärlichen Briefe liebte. Ackermann ahnte es und schwieg nun lieber.
Zwei Tage darauf aber fand er Fränzchen weinend. Als er sie um die Ursache ihrer Tränen fragte, suchte sie auszuweichen und überliess Selma die Antwort.
Louis Armand hatte, durch Einschluss an Oleander, an Franziska deutsch geschrieben oder so schreiben lassen:
"Liebe Freundin! Ein düstres