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Vaters fortzuführen. Es gelang ihm nur mit Mühe.

In's Amtaus, nach dem Ullagrunde und Randhartingen brachte Oleander zuweilen Briefe von Siegbert und Louis mit, Briefe, die immer inhaltreich, immer anregend waren, doch auch viel Trübes und Besorgliches für die allgemeinen Zustände entielten. Frau von Sänger tröstete sich, dass die "fliegenden Kolonnen" eher nun verstärkt wurden, als aufhören sollten. Graf Bensheim, Herr von Sengebusch erwarteten bevorstehende grosse Ereignisse. Herr von Zeisel beobachtete im Stillen Ackermann's grossartige Zurüstungen zum erwachenden Frühjahr. Sie sahen sich selten, da seine Frau ihre Abneigung gegen Menschen, die ihren Einfluss und den Justizrat Schlurck verdrängt hatten, nicht bemeistern konnte. Und in der Tat lebt man im Winter nirgends abgeschlossener als auf dem land. Die Bewohner zweier Dörfer, die sich ganz in der Nähe liegen, berühren sich monatelang nicht. Erst der Frühling führt Alles wieder zusammen und wie nach einer langen Entfernung begrüssen sich dann die naheliegenden Nachbarn und wünschen sich gegenseitig Glück zum überstandenen Winter und freuen sich, einander wieder wohlbehalten und leidlich unverändert anzutreffen.

Die öffentlichen Verhältnisse hatten sich bis zum Unglaublichen umgeworfen. Die grosse Flut einer ziellosen Bewegung, die alle Dämme, alle Ufer gebrochen hatte, war zwar in ihrer verheerenden wirkung gehemmt, aber nicht zurückgelenkt in ein felsenstarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal. Diese grossen, trübe aufgewühlten Gewässer stauten. Ein kleiner Abzugsweg und aufs Neue mussten sie mit verheerender Gewalt fortstürzen. Fürst Egon von Hohenberg hatte, ein neuer Perseus, die Chimära der Revolution bändigen wollen. Anfangs glaubte er es durch ein vernichtendes Zauberwort zu können, durch eine ideelle Lösung des geheimnissvollen Sphinxrätsels; allein bald hatte er, wie alle übrigen Gegner der Zeit, zu Feuer und Schwert greifen müssen. Aus der Doktrin, die seine Unternehmungen anfangs höchst ehrenwert erscheinen liess, musste er bald hinausrükken auf das Feld der gewöhnlichen Praxis; denn nur die Ideen, die eine Zeit lang im volk schon herrschten, können sich unangegriffen auch von obenher behaupten. Egon brachte etwas Neues und wurde sogleich misverstanden. Die Handlanger, die ihn unterstützten, wurden für den Meister verantwortlich. Ihnen zu Liebe, um nicht isolirt zu stehen, musste Egon den Riss seines Gebäudes ändern, nachgiebig sich zeigen nach allen Richtungen hin, in der üblichen, überlieferten Sprache reden und, von den gemeinsamen Gegnern gezwungen, Strebungen zu befreundeten machen, die ihm sonst nicht wären genehm gewesen. Die Erschöpfung der öffentlichen Meinung, die allgemeine sehnsucht nach Ruhe und Verständigung kam seiner Stellung zu hülfe. Leider war er verblendet genug, den ausbleibenden Widerstand für einen Sieg zu halten. Er entliess auch diese vor Weihnachten gewählte neue kammer und gab aus der königlichen Machtvollkommenheit im Februar ein neues Wahlgesetz. Im Allgemeinen lagen diesem seine Ideen von der Anerkennung der positiven Interessen zum grund. Im besonderen aber hatte die Gewöhnung der Macht, die Bundesgenossenschaft mit dem Royalismus, dem Adel, der Bureaukratie ihn gezwungen, eine Menge anderweitiger Modalitäten in seine Wahlberechtigungen aufzunehmen. Hätte er die Gewalt nicht schon lieb gewonnen, er hätte vor dieser, unter der Hand ihm eskamotirten Veränderung seiner liebsten Vorsätze erschrecken und diese Region fliehen müssen, wo man mit dem Scheine des Herrschens der grösste Sklave ist. Allein, es ging ihm wie Allen auf einem solchen oder ähnlichen platz. Er nahm allmälig den Glauben an, dass er unentbehrlich, nie zu ersetzen wäre. Er fragte oft: Wer nach ihm kommen könnte? Er glaubte dem staat eine Verlegenheit zu ersparen, indem er an einer Stelle blieb, deren Rücksichten ihn selbst gänzlich ummodelten. Erfüllte ihn zuweilen der Unmut über das Mislingende auch zu bitter, so durft' er dem Gedanken an ein Zurückziehen schon um Derentwillen nicht nachgeben, die sich darin gefielen, mit ihm die Macht zu teilen, ihm schmeichelten und sich dafür wieder von den Andern schmeicheln liessen. Denn kleine Erhöhungen werden meist immer durch tiefe Erniedrigungen erkauft.

Fürst Egon war wie alle Staatsmänner von einer mit der Zeit immer mehr sich einwurzelnden überreizten Empfindlichkeit. Er sah viel altes Schlimmes, von dem er mit reinstem Bewusstsein sagen konnte: Du hast ihm jetzt abgeholfen! Die Erfolge, die er täglich im Kleinen erlebte, übertrug er auf das Ganze und Grosse und war ein Fanatiker in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit. Die neuen Kammern waren, gegen seine ursprüngliche Absicht, nichts als Vertreter der Geld- und Vermögensinteressen geworden. Sie gehorchten ihm in allen Hauptfragen, während ihr Widerspruch in kleinen ihnen nur den Schein gab, als besässen sie das freieste Urteil auch für die grossen und als wäre ihr Gehorsam Überzeugung. Schon redete Egon nicht mehr in seiner alten Sprache. Schon hatte er den gewöhnlichen Styl des von ihm vertretenen Staates angenommen und setzte als das erste Anfangsgesetz desselben: Es muss Alles geschehen um der Monarchie als solcher Willen! Das Volksinteresse war ein Annex des fürstlichen. Was in diese Anschauung nicht passte, wurde entfernt, unterdrückt, verfolgt, bestraft. Selbst diejenigen gemässigten Liberalen, die der Monarchie die aufrichtigste notwendigkeit einräumten, aber ihr nicht mehr überlassen wollten, als zur Stärkung eines Begriffes notwendig war, selbst diese wurden von ihm als "Doktrinäre" abgelehnt, von jenem Tiersparti zu geschweigen, dem bürgerlich-materiellen, an dessen Spitze Justus stand. Diesem gab er die ganze Schärfe seiner Satyre zu fühlen und nannte sein innerstes Princip die Eitelkeit. "Geht in Eure Comtoirstuben und rechnet, sagte er einst in einem Artikel des "Jahrhunderts", der von ihm inspirirt sein sollte,