Pflicht, Kind, deine Gefühle zu regeln. Ich verehre und liebe diese heilige Scheu des Mädchens, zum ersten male das geweihte Zauberwort der Liebe zu vernehmen oder wohl gar es auszusprechen. Allein, da du ohne Mutter, ohne dir bekannte Verwandte bist und nur deinen Vater als einzigen erprobten Freund deines Herzens kennst –
Ach, rief Selma und warf sich an die Brust des bewegten Mannes, der sie mit seinen Armen sanft an sich zog –
Mein Kind, sagte Ackermann strenger. Ich sehe, dass sich dir eine Gestalt, ein Jüngling mit unwiderstehlicher Gewalt eingeprägt hat. Der, den du zuerst hier im Grase an dem Turme dort liegen sahst, der, der aus den Blumen aufsprang uns freundlich zu grüssen, der, der uns teilnehmend nachblickte, als wir zum schloss hinaufwanderten; der, den du am Morgen bei der Schmiede wiedersahst, der, der mit dir scherzte, dich vor dem bellenden Hunde schützte, mit dir über Amerika plauderte, dann uns begleitete in den kühlen Wald, wo du nicht ertragen mochtest, dass er sich an dem Eichbaum von uns trennte ... Du liebst ja Egon, einen Fürsten.
Selma zuckte vor Schmerz auf. Es war ihr, als durchbohrte sie ein Messer und es täte ihr wohl, zu sterben. Doch hauchte sie das Wort, wie zur Entschuldigung:
Nenn' es nicht Liebe!
Es ist Liebe! Du unglückliches, unsrer Verhältnisse unkundiges Kind! Er war unbekannt, in guter Absicht auf seinem väterlichen Erbe, als wir ihn damals sahen. Du fandest ein kindliches Wohlgefallen an ihm, er an dir. Später sah ich, wie der Gruss, den er vom Pferde herab dir auf dem Gelben Hirsch zuwarf, als die grosse Gesellschaft eben abfuhr, wie sein Gruss und blick dich durchbohrten. Deine Hast, ihn auf dem Heidekrug wiederzusehen! Seine Krankheit in der Residenz, sein Wohlwollen, als er uns sogleich die Pachtübernahme gestattete, alles Das fesselte dich ... was lässt sich gegen einen magnetischen Einfluss tun, den du selbst auf die Locke, die ich ihm im Scherze raubte, übertrugst ...
Hast du ihn nicht selbst verehrt wie keinen andern fremden Menschen der Erde? sagte Selma.
Hätt' ich Das?
Wer betrachtete die Locke, dies Kleinod, dies Angedenken an den damals so Lieben, so Teuren, so Guten, zärtlicher? Wir hatten einen Wettkampf unsrer Liebe und du bist ermattet, du bist enttäuscht, du bist hoffnungsloser als ich ...
Selma! Ich rede ernstlich mit dem kind der Fremde. Verteidige ihn nicht gegen mich und nicht gegen dich! Es ist ein Fürst! Uns weit, weit entfremdet! Und willst du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entschuldigen, der mit liebenswürdigen Formen und grossen Fähigkeiten des Geistes eine unläugbare Verderbteit des Herzens verbindet? Schaudert dich nicht vor den Untiefen der Laster, in die du leider schon hast einblicken dürfen?
Selma wandte sich ab und weinte.
Wenn es wahr ist, sagte Ackermann, dass Egon eine einfache Bürgerliche, wie Melanie Schlurck, heiraten könnte, so entstand in dir vielleicht der Gedanke: Er ist nicht stolz, ohne Vorurteile, er ist edel, er könnte auch dich lieben! Aber ich beschwöre dich, Kind, gib diese Träumereien auf! Verteidige ihn nicht! Lass ihn hinfahren in seiner regellosen Kometenbahn! Reine Naturen würden sich nur in seiner Nähe versengen. Und wär' es ein Engel und die Tugend selbst, Selma, höre ein Wort deines Vaters, ein ernstes, du darfst ihn nicht lieben!
Selma richtete das traurige Auge fragend und erstaunt zum Vater.
Ich darf ihn nicht lieben?
Nie! Nie! wiederholte dieser. Du darfst ihn nicht lieben! Und nun genug!
Selma war von Ackermann erzogen, wie man Kinder erziehen soll. Er verlangte Gehorsam. Keine Furcht, aber Gehorsam. Und doch folgte sie nur da, wo sie überzeugt war. Ihr kluges, fragendes Aufblikken bei diesem unbedingten: Nie! Nie! des Vaters durfte diesen nicht befremden; doch wider seine Gewohnheit blieb er ihr die Gründe seines unbedingten Wortes schuldig, wiederholte es noch einmal und warf Selma in einen Zustand der Zerrissenheit, der sie um so unglücklicher machte, als sie sah, dass auch der Vater litt und in jene melancholische Stimmung verfiel, die sie sonst sogleich bemüht war, an ihm zu verscheuchen. Heute zum ersten Male stand ihr kein Scherz zu Gebote. Sie lehnte sich in die Ecke und weinte – der Vater sah auf die durchnässten, öden, traurigen Felder – der Wagen fuhr so hin – mit diesem Winter starb Selma Alles; denn warum sollte sie nicht lieben, auch ohne Hoffnung, jemals zu besitzen?
Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden. Ein Tannenbaum flimmerte den Pfar-rerskindern; aber die Hoffnung, der Vater käme selbst, erfüllte sich nicht. Neujahr brachte wieder Frost. Es war Winter und blieb Winter, auch in den Gemütern. Ackermann las und schrieb viel. Selma nahm ihren Unterricht fort. Oleander dichtete, duldete, hoffte. Fränzchen erfuhr selten etwas von Louis. Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kommen können, da der politischen drohenden Stürme wegen keine Beurlaubungen gegeben wurden. Er schrieb öfters an Heunisch, der im Frühjahr sicher die Auflösung der immer kranken Ursula erwartete und von dem weitern Verlauf der sonderbaren Vorfälle, die in seinem haus stattgefunden hatten, nichts mehr erfuhr. Der junge Zeck quälte sich, das Geschäft seines