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ist, mag es noch am Aste hängen oder schon abfallenein kurzer Schmerz und die Wunde ist geheilt. Wir sterben nicht Alle so, wie uns deine Mutter starb, in dem vollen Bedürfniss, dass sie noch lebe. Was ist diesen jungen Männern die in Angerode einsam lebende Mutter gewesen!

Du sprichst wärmer von ihr, als dieser Sohn, der mir kaum das schöne Erinnerungsblatt zu verdienen schien, das ihm Oleander noch aufgeschrieben ...

Wie ungerecht! Wie streng! Nein, nein, Selma! Lies mir jene Worte vor, die du dir entlehnt hast! Du hast Oleander glücklich gemacht durch diese Teilnahme, diesen Vorzug, den du ihm schenktest.

Selma zog ein Papier aus ihrem Kleide, entfaltete es und las, soweit die Bewegungen des Gefährtes es erlaubten, mit sichrer stimme:

O Mensch! Das Wiederseh'n! Ein hehres Wort!

Was lauschest du nicht seinem Wunderklange

Und horchst der heil'gegen Stille um dich her?

Und redest du und klingt dein Mund voll Wohllaut,

Warum nur frägst du nicht: Was spricht aus dir?

Was hauchte dir Musik in deine Kehle

Und lehrt dich reden, jauchzen, singen? – Tränen

Und Klänge sind es, die in's Jenseits führen;

Denn was sind Tränen und was ist Musik!

Ach! Hemme deinen Fuss und horche nur

Dem stillen Gottesfrieden der natur!

Wie feierlich beredtsam dieser Plan,

Der zu den blauen Bergen grün sich zieht,

Erst Wiesengrün, dann dunkler Tannengrün,

Dem auge' ein wie erquickendes Gemisch!

Doch führt des Ohres Pforte mehr zur Seele;

Das Echo spricht mit ihr, des Waldhorns Klang,

Der in den tiefen Tannengrund getragen,

Zurück uns zwiefach, dreifach grüsst, vom Wald,

Vom Fels, von Wem wohl weiss ich noch! ... natur,

Ach, du dir selber plaudernde! Geschwätz'ge,

Im Zwiegespräch belauschte Einsamkeit!

Die Ruh' hört Ruhe! Nur das Herz darf schlagen,

Ein Vögelchen aus fernem wald rufen,

Die kleine Quelle murmelnd dich umplaudern ...

Dann hörst du sie, die stillen Geisterzungen,

Die zu dir flüstern: Mensch! du bist unsterblich,

Siehst Die ja wieder, die du scheiden sah'st!

Willst immer zweifeln? Immer nur gedenken

Der Schauer, da ein liebend Auge brach,

Der Schrecken, als ein teurer Atem stockte,

Fühlst ewig nur des Todes kalte Hand?

Von Gräbern bann' hinweg den Zweifelblick!

Such' dir dein künftig' Wiedersehn, die Hoffnung,

Bei Atmenden und Lebenden! Und spricht

Die Quelle dir, der Vogel nicht vernehmbar,

Kannst du den Tag, die Sonne nicht verstehe'n,

So lass die Sterne reden, schlage dir

Die Blätter des gestirnten himmels auf,

Das grosse Buch mit gold'nen Riesenlettern!

Da strahlt ein Licht, das selbst die dunkle Nacht

Dem Zweifel und dem Schmerze angefacht!

Ein weihevolles Herz, sagte Ackermann gerührt, eine gewisse Mystik der Naturanschauung, die über das Rätselhafte sich doch nie zum Dunkeln und Unklaren verliert! Ich nehme meinen Tadel zurück ... Siegbert verdient nicht, sagte Selma, dass ihm Oleander seine Poesie widmete. Wohl, fuhr Ackermann mit geschärftem Blicke auf Selma fort, ich höre dich gern so reden. Warum bezeugst du aber dem sinnigen Dichter nicht grössere Teilnahme? Er ist mit ganzer Seele dein Lehrer: Seit Siegbert's Freundschaft hat er an Äusserlichkeit gewonnen: Das Übrige kann eine treue weibliche Hand noch vollenden. Warum zeigst du ihm so oft, Selma, dass dich seine Liebe verletzt?

Selma erglühte.

Es war das erste mal, dass der Vater zu ihr ein solches Wort sprach: Liebe!

Sie zitterte fast, erstarrte und legte das Blatt mit eiskalt ersterbender Hand auf die Brust.

Da sie keine Antwort auch nur zu denken, geschweige zu sprechen wusste, so sah sie den Vater mit einem bittenden Blicke an, der wohl so viel heissen konnte, als:

Vater, warum tust du mir Das und wirfst mich mit dem Wort in solche Schrecken?

Selma, sprach der Vater, ich muss diese Saite, die Gott auch auf deine Seele zur Harmonie gezogen hat, berühren; denn seit einiger Zeit fühl' ich, dass zwischen uns ein geheimnis waltet ...

Selma blickte nieder und drückte sich in die Wagenecke, um ihre innere Glut zu verbergen ...

Ich will dich nicht tadeln, fuhr der Vater ihre Hand ergreifend fort, dass du bei einer natur, wie der des Vikars, unterscheidest, was an ihm allgemein menschlich liebens-wert und was es persönlich ist. Es ist nun einmal auch Dies ein Zug des Geistes, dass wir in den Stufenfolgen unsrer Verehrung gewissenhaft unterscheiden. Oleander kann dir heilig und teuer wie ein Bruder sein und doch vermöchtest du ihn nicht so zu lieben, wie ein Mädchen liebt. Aber, Selma, wenn es auch in der natur des Weibes begründet sein mag, Das, was am mann liebenswert erscheint, aus Allem eher als nur und einzig aus seiner sittlichen Gediegenheit herzuleiten, so hüte dich doch, einem gefährlichen Irrtume, von dem ich weiss oder schmerzlich ahne, dass er dich beschlichen hat, zu sehr nachzugeben

Vater, sagte Selma vor Schmerz auffahrend.

Was verwundet dich? Dass ich von deinem Irrtum spreche?

Nein, dass du von Etwas nur redest, was ich aus deinem mund eher hören soll, ehe ich mir selbst davon gesprochen!

Es ist meine