vor, als hätte Schlurck Angst vor ihm ....
Herr Lasally!
Ihr werft den Schlingel aus dem haus und habt eine Zärtlichkeit für ihn ....
Zärtlichkeit?
Er muss Euch in Händen haben ....
Uns? In Händen? Weil ihm Schlurck Vertrauen schenkte?
So etwas. Alle denkt Ihr an den Burschen, und Keiner spricht von ihm. Ihr hasst ihn und gebt ihm täglich Beweise von Liebe. Dahinter steckt ein geheimnis ... ich bin nur zu stolz, auf Dienstboten zu hören.
Dienstboten, Herr Lasally –?
Sagen Sie der Jeannette, sie möchte, wenn sie Abends Punsch macht, unter den Bedienten, Kutschern und Jockeis nicht soviel in Euren Familiengeheimnissen kramen ....
Die Jeannette?
Ich sag' Ihnen soviel, Bartusch, wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den Weg kommt ... ich kenne mich selbst nicht. Es ist mir, als wäre Das mein böser Feind. Ich bin im stand und schiess' einmal den Hund nieder.
Herr Stallmeister!
Warum schonen Sie ihn? Warum dulden Sie, dass er zudringlich ist? Was ist er? Was kann er wollen? Was kann er für Ansprüche haben?
Ansprüche? Sieh! Sieh! Hat die Jeannette etwas von Ansprüchen gesagt?
Ich weiss nichts, was die Jeannette gesagt hat und habe meinen Leuten verboten, bis in die Nacht um die Punschterrine des tollen Mädchens zu sitzen und abscheuliche Indiscretionen anzuhören.
Wirklich die Jeannette?
Lasally antwortete nicht und liess den erschrockenen grauen Actenwurm, Herrn Bartusch, mit der Dose in der Hand, die er ergriffen hatte, um sich zu fassen, stehen ....
Lasally verfiel sogleich wieder in die ihm eigene blasirte Ruhe. Seine Mienen verzogen sich nie, sein blasser, etwas gelber Teint blieb bei der grössten Aufregung fast unverändert. Um elegantere Toilette zu machen, ging er auf das ihm angewiesene Zimmer, das von denen Melanie's und ihrer Mutter entlegener war, als er wünschte.
Melanie's Mutter sass schon oben vor dem Teetopf und erwartete ihre Gäste.
Man konnte die Frau Justizrätin Schlurck nicht im geringsten ehrwürdig nennen, würde aber auch sehr Unrecht tun, wollte man einen gewissen Wert an ihr unterschätzen. Im Gegenteil besass die Frau des philosophischen Epikuräers Franz Schlurck höchst merkwürdige, höchst anerkennenswerte Eigenschaften. Ohne eigentliche Bildung hatte sich die gewandte kleine Frau einen seltenen Reichtum von Erfahrungen erworben und eine gesunde natürliche Anlage zur Lenkerin aller ihrer oft treffenden Urteile gemacht. Ohne ein besonderes religiöses Bedürfniss war sie mitleidig, gab gern, unterstützte Hülflose. Noch mehr, sie erkundigte sich nach den Ursachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab. Wer Geld haben wollte, Dem gab sie Lebensmittel, und wer Lebensmittel begehrte, dem gab sie zugleich Arbeit. Eine Wöchnerin in elenden Umständen erregte ihre ganze Teilnahme; doch bediente sie sich dabei keiner Phrase, sondern griff zu, handelte, wirkte, riss die Fenster auf, wo es dunstig war, schalt, strafte, wo sie eigene Vernachlässigung bemerkte. Kinder, die bettelten, schickte sie in die Schule oder zeigte sie ohne Weiteres der Polizei an. Halbes und "Quengeliges", wie sie's nannte, konnte sie nicht leiden. Überwiegend setzte sie bei den Menschen, wie sie sagte, "leider", das Schlechte voraus. Gute und aufopfernde Taten mussten ihr erst bewiesen werden, bis sie daran glaubte. In ihrem haus herrschte neben merkwürdiger Ordnung doch eine sehr grosse Üppigkeit, weniger weil sie selbst ihrer bedürftig war, als aus Rücksicht auf ihren Mann und Melanie, das besonders von diesem verwöhnte, aber keineswegs "verquengelte" einzige Schoosskind ihres Glückes. Denn glücklich schien Alles um sie her zu sein. Sie duldete wenigstens keinen andern Anschein. Gute Laune ging ihr über Alles. Mürrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder schlechterzogen. Sie duldete an ihrem mann nie das träge schleichende Aufkommen einer griesgrämigen Stimmung, von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei war. Sie liess allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zügel schiessen, beförderte sie sogar oder schloss die Augen zu denen, die seinem Alter nicht ziemten. Das waren Erscheinungen, die uns wohl misfallen können, aber mit ihrer Wahrheitsliebe und ungeschminkten Natürlichkeit nicht im geringsten im Widerspruche lagen. Sie wollte eben nur das Natürliche. Sie war eine Frau, von der man sagen mochte: Sie ist eine Najade; ihr Element ist das reine, frische, klare Quellwasser. Sie badete auch täglich. Und so war ihr auch zugleich geistig jedes "Muffige", wie sie's nannte, verhasst. Ein langer Kampf mit Leidenschaften schien ihr völlig nutzlos. Sie nahm ihren Mann, wie er war; sie nahm Melanie, wie sie war. Nur reinlich, nur sauber, nur frische Wäsche und frischer Mut! Das Übrige war ihr, wie sie's nannte, meistenteils "dummes Zeug". Hannchen Schlurck, aus einer einfachen, aber bemittelten Bürgerfamilie, war dabei gar nicht unbelesen, gar nicht ungebildet und vollkommen fähig, in der grossen Welt zu repräsentiren. Schlurck's "Hannchen" war ein Philosoph wie ihr Gatte. Auf den Genuss hielt sie selbst für sich gar nichts. Sie schenkte Andern Champagner in Strömen ein, trank aber selbst nicht. Und Melanie hatte Ähnlichkeit mit ihr. Die Mutter, verschweigen wir es nicht, die Mutter hätte von ihrer Tochter das Schlimmste vernehmen können, sie würde nur