zweite Äusserung! drängte er, als es zum Kaffee ging und man sich die hände reichte.
Ist die der schönen Melanie, bemerkte Leidenfrost mehr zu Siegbert hingewandt. Sie sagte zu Ihrem Bruder Dankmar, als sie ihm in einer Gesellschaft begegnete: Was Sie auch von mir hören werden, Dankmar Wildungen, beurteilen Sie mich nicht früher, ehe ich nicht wenigstens einen einzigen Augenblick mit Ihnen hatte, wie sonst Stunden!
O das sagt ja Alles! fiel Ackermann lachend ein. Da müssen wir uns tummeln, des Fürsten Vertrauen zu verdienen und die Felder und Gärten zum Frühling und zur Hochzeit schmücken. Warum auch nicht? Diese Welt der Adligen, wie bunt geht sie durcheinander! Wo ist da viel Sitte, viel Gesetz? Dann und wann eine Ausnahme, dann und wann ein treues Leben. Aber im Übrigen ein Chaos von gebrochenen Herzen, gebrochenen Schwüren, wilden Leidenschaften! Da werden Frauen verkauft, Gattinnen erkauft, Scheidungen kommen und gehen, Kinder aus dreierlei Verhältnissen nennen sich Geschwister, jede Grille wird durch den Besitz ausgeführt, Verschwendung, leidenschaft – o ich sage Ihnen, wer einmal in diese Sphäre geriet und von ihren Schwingungen selbst hinund hergeschleudert wurde, den erfüllt ein solcher Zorn über dies Gewühl, dass er wie Simson die Säulen dieser Paläste fassen und sich sammt den Tänzern und Musikanten unter den Trümmern begraben möchte!
Selma verliess das Zimmer. Oleander fragte Leidenfrost nach des Propstes Familie, die er aber zu wenig kannte. Ackermann bestellte bei Fränzchen mit aufgeregten Worten den Kaffee und bot den Maschinenarbeitern, mit denen er sich, wohl um sich zu dämpfen, in technologische Unterhaltung einliess, Cigarren an. Siegbert aber suchte einen einsamen Winkel zu gewinnen, eröffnete Otto von Dystra's Brief und las mit Erstaunen:
"Geehrter Herr!
Ein unbekannter Verehrer erlaubt sich, Ihnen den einliegenden, aus Rom an Jemanden gerichteten Brief mit-zuteilen, mit der Bitte, ihn zu prüfen und bei Ihrer Rückkehr das desfalls Notwendige genauer zu beraten. Ich bemerke vorläufig nur, dass ich zu den Menschen gehöre, die das Herz für einen leicht zerbrechlichen Krystall, nicht für einen Gummiball halten. Mit Hochachtung Otto von Dystra."
Erstaunt über diese Zuschrift fand Siegbert dann den Brief von Olga, der nicht an ihn, sondern an Rudhard gerichtet war. Etwas abgekühlt von seinem heissen Drang steckte er ihn wieder ein, wenn auch die Spannung und Neugier dieselbe blieb.
Selma kehrte zurück und musste, da sie der Vater heute mit Gewalt tyrannisirte, Musik machen. Leidenfrost flüsterte Siegbert zu, dass er morgen hier noch zu tun hätte, aber schon den Abend kommen wollte, um sich über Vieles, was sie näher beträfe, zu unterhalten. Übermorgen früh wollten sie dann die Reise gemeinschaftlich mit den Arbeitern zurück antreten. Siegbert war einverstanden und versprach mit ihnen zu gehen.
Die Frau Pfarrerin beeilte die Rückfahrt ihrer Kinder wegen. Diesmal blieb wieder Hedwig zurück. Das Jüngste hatte sie nicht mitgenommen. Siegbert und Oleander mussten sich zur Trennung entschliessen.
Ackermann versprach, noch morgen mit Selma Leidenfrost und die Arbeiter bis Plessen zu begleiten, wodurch denn der Abschied von Siegbert verschoben wurde.
Als Leidenfrost Diesen an den Wagen begleitete, flüsterte er auf den Vikar deutend:
Auf Den werden Sie doch nicht für unser vierblättriges Kleeblatt rechnen?
Doch! sagte Siegbert ernst und fest. Es sähe gefahrvoll aus um die Ritterschaft des Geistes, wenn solche Gesinnungen nicht gewonnen würden! Leidenfrost, Sie waren heute ein Kaktus! Lassen Sie auch die Sinnpflanze gelten.
Und wirkt denn mein Bruder? fragte Siegbert dann noch beim Einsteigen.
Vieles und Grosses! antwortete Leidenfrost.
Fast erschreckend war diese Antwort. Siegbert erkannte eine Gefahr. Es war ihm, als schlüge plötzlich ein elektrischer Strahl aus den Wolken. Er brannte vor Verlangen, dass der nächste Tag vorüber, zwei Nächte vergangen wären und sie Alle auf den ernsteren Schauplatz ihrer Lebensprüfungen zurückkehrten.
Zwei Tage darauf verliessen Siegbert und Leidenfrost mit den beiden Arbeitern die Gegend. Man gab ihnen noch das Geleite bis zum Gelben Hirsch und schied dort voll Herzlichkeit und Hoffnung auf eine sie Alle wieder vereinende Zukunft.
Fünfzehntes Capitel
Des Sohnes Locke
Diese strebsamen jungen Männer! Wie geistesfrisch! Wie beneidenswert in ihrer Jugend und Sorglosigkeit! sagte Ackermann, als er mit Selma allein von Plessen nach dem Ullagrunde zurückfuhr.
Selma schwieg und blickte durch die trüben Fenster des kleinen Wagens in die öde von Nebeln verschleierte Gegend. Noch vor einigen Stunden waren sie zu Fünf diese Strasse rasch dahin gerasselt. Nun waren sie allein.
Der Eine, fuhr Ackermann fort, ist fast zu scharf und läuft Gefahr mit Hinneigung zu den Arbeitenden auch deren Art und Sitte anzunehmen. Dem Siegbert Wildungen wünscht' ich, die vornehmen Stände rückten etwas aus seiner Nähe und überliessen ihn jener Ursprünglichkeit und Kernnatur, die mir in dem viel zu wenig von ihnen erwähnten und doch sie alle zu beherrschen scheinenden jüngern Bruder Dankmar zu liegen scheint. Wie dem auch sei, es ist wahr; Oleander ist Denen gegenüber nur ein halber Mann.
Selma war in der Stimmung, Oleander zu verteidigen.
Er wirkt doch wohltuend, sagte sie. Es ist doch Liebe und Herz in ihm! Jener Leidenfrost, magst du seine Kenntnisse noch so rühmen, stösst ab und Siegbert ist flatterhaft, eitel, verwöhnt, versteckt, ganz und gar nicht anziehend.
Welche Beschuldigung!
Wie bald hatte er den Kummer um seine Mutter vergessen!
Mein gutes Kind! Das, was dem Leben des Mannes abgeblüht