1850_Gutzkow_030_678.txt

Harder geworden ist?

Ich las es in den Zeitungen mit Erstaunen, bemerkte Siegbert. Intendant des königlichen Teaters!

Nicht wahr, mein Freund! sagte Leidenfrost scharf betonend. Auch ein Ritter vom geist! Und die Ritter vom geist müssen ohne Zweifel ihre Don Quixotes haben!

Ackermann fragte mit forschender Miene:

Welcher Herr von Harder ist das?

Der weiland Intendant der königlichen Gärten, Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein. Er verlor die königliche Gnade, sintemalen er allzu dienstbeflissen das Mobiliar der Fürstin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken verwandte, um, wie man nun allgemein weiss, gewisse Denkwürdigkeiten der Fürstin, die sich in ihm vorfanden, zu unterdrükken, zu vernichten, zu ecrasiren, zu annulliren, was weiss ich

Weiss man Das? fragte Siegbert erstaunt.

Welche Denkwürdigkeiten? bemerkte Ackermann aufhorchend.

Dieselben Denkwürdigkeiten, sagte Leidenfrost, die die eigentümliche wirkung gehabt haben sollen, den Fürsten Egon mit der schlimmsten Feindin seiner Mutter, Pauline von Harder, zu ewigem Trutz und Schutz auszusöhnen.

Ackermann hörte mit einem Interesse zu, das nur bei der heitren Stimmung, in die Leidenfrosten's weitre Erzählung die Gesellschaft versetzte, unbemerkt bleiben konnte.

Dieser übertriebene Diensteifer, sagte der humoristische Berichterstatter, verjagte den Geheimenrat aus dem Paradiese der königlichen Gärten und nicht eher ruhte das Flammenschwert des Erzengels der Etikette und Courtoisie, bis der Geheimrat sich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tänzerin flüchtete, auf dem Teater ihr ein Armband überreichen wollte, dabei in eine Versenkung fiel undfür das Armbandals bestallter Mäcen der dramatischen Kunst und Literatur wieder herausgezogen wurde. Frau von Harder, die mit Egon und Melanie Schlurck Politik im grossen Style treibt, dankt Apoll und den neun Musen, dass ihr Gemahl eine so angemessene Beschäftigung gefunden hat und nun nur noch die Künste und die Literatur verwüstet. Die Schauspieler und Sänger jubeln wohl, denn sie haben einen Chef, der nichts von ihrem Berufe versteht und wie unsre Kunstzustände sind, ist den Hofkomödianten dieses Regiment grade das allerwillkommenste. Die Dichter verzweifeln wohl, allein die freien Entrées sind so zweckmässig an einige kritische Tonangeber verteilt, dass auch die Literatur in den jubel der Kunst mit einstimmt und vor einigen Wochen die neue Ära der Bühne unter den Ausspizien des Herrn von Harder begonnen hat. Und wissen Sie denn, Wildungen, dass ich an diesem Aufschwunge beteiligt bin?

Man horchte auf.

Se. Excellenz haben mich, auf Rat der Maler, die sonst die Salons seiner Frau besuchten, auf Rat der Frau von Werdeck sogarsie bat mich später unter Tränen um Verzeihung wegen dieser Erinnerungauf Berichte über das Wäsämskoische Feuerwerk als malereigewandten Mechaniker und Techniker sogleich beschieden, mit ihm über eine neue Struktur der Versenkungen zu philosophiren und ich gestehe Ihnen, Wildungen, dass ich bereits einen solchen Schatz von Anekdoten über die dramaturgischen Kenntnisse Sr. Excellenz des Herrn von Harder gesammelt habe, dass ich im stand bin, jede stille Pause unsrer künftigen Lebenslaufbahn mit ihnen zu würzen. Aber nun schweig' ich, meine Herrschaften! Ein fortgesetztes Rechtaben verspottet sich selbst. Ich fühle, dass ich zu sehr den Schein bekomme, mehr Vernunft haben zu wollen als Andre und ich weiss, dass man dann erst recht ein Narr ist, wenn man die Weisheit felbst sein will.

Leidenfrost wollte nun aufhören. Aber Alle drängten um Anekdoten über Herrn von Harder. Leidenfrost verweigerte sie und erklärte jetzt zu schweigen.

Ackermann fand ein Interesse daran, wenigstens bei Melanie zu verweilen, grade als sollte Selma hören, wie wenig Egon ihre Liebe verdiene ...

Wirklich? knüpfte er an, hat die Tochter des Justizrats so glänzende Hoffnungen, die Liebe eines Fürsten zu besitzen?

Leidenfrost zuckte die Achseln und sagte nur:

Ich weiss nichts. Man erzählt zwei Äusserungen, die jedoch nicht stenographisch niedergeschrieben und durch körperliche Eide nicht bewiesen sind. Egon soll gesagt haben: Fahrt wohl, ihr Melusinen! Ich habe die Frauen erkannt, die erst Göttinnen schienen und zuletzt nur Fische sind! Die zweite ...

Leidenfrost stockte. Er war zartfühlend genug, zu beobachten, dass der Einblick in die grosse Welt und ihre wilde, tolle, zügellose Philosophie hierher nicht gehörte.

Allein Ackermann schien fast beflissen, diesen Gegenstand, in dem er selbst tiefbewandert war, nicht fallen zu lassen und bemerkte mit Schärfe:

Nur heraus! Jene erste Äusserung kam wahrscheinlich damals vom Fürsten, als er hörte, dass Helene d'Azimont in Rom sich bald durch Vergnügungen und neue Wildheiten getröstet hat ...

Wissen Sie?

Man hört dergleichen. Hab' ich nicht Recht?

In der Tat äusserte sich der Fürst mit diesen Worten, als er die Verleumdung vernahm, Helene d'Azimont hätte in dem Maler Heinrichson für ihn Ersatz gefunden

Ja! sagte Siegbert. Die Welt lügt! Das ist Verleumdung!

Ganz recht, antwortete Leidenfrost, ich glaube es selbst nicht; denn Andre behaupten: Olga Wäsämskoi liebe Heinrichson ...

Siegbert wollte aufspringen. Das Messer zitterte in seiner Hand. Er liess es fallen, er konnte sich selbst nicht halten. So gab er das Zeichen zum Aufbruch und erlöste Selma, deren Herz wallte und wogte, wie ein dem Sturme naher See, von der peinlichen Dunkelheit aller dieser persönlichen Anspielungen.

Ohne dass irgend Jemand Anderes als der Vater ihre Unruhe bemerkte, stellte sie die Stühle zurück wie in einem Zustande völliger Besinnungslosigkeit.

Aber der Vater, der ihre Neigung ersticken wollte, liess nicht nach ...

Die