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ich einst seine Kleider und Schuhe putzte und ihn in phrenologischen Studien unterstützte?

Ackermann erinnerte sich der gespräche in jener Nacht auf der Willing'schen Maschinenfabrik ...

Er suchte ja auch Sie sogleich auf, fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort, und nicht etwa weil die Fürstin Wäsämskoi von Ihnen an den Rand des Grabes gebracht wird

Leidenfrost! drohte Siegbert empfindlich.

Selma blickte erstaunt zur Seite und hatte unwillkürlich das Gefühl, als müsste sie von Siegbert abrükken. Sie konnte es, da die etwas plumpe Bedienung der Mägde mit den Saucen nicht besonders vorsichtig umging.

Nein, deswegen nicht, fuhr Leidenfrost einlenkend fort, sondern aus Interesse für den Maler des Jakob Molay

Ackermann bemerkte, dass er Otto von Dystra als einen Freund jedes Talentes kenne und erzählte Manches von seinen seltsamen Neigungen, um von der Höhe seines Reichtums und seiner exclusiven Stellung zur wahren Menschlichkeit herabzusteigen. Er führte auch an, dass er ihn bei einer Fusswanderung am Missouri, in Begleitung eines talentvollen Kupferstechers, Namens Morton, hätte kennen lernen.

Wie sehr er Siegbert Wildungen schätzt, ergänzte Leidenfrost mit einem eigentümlichen sarkastischen Ausdrucke, beweist, dass er Ihnen hier durch mich schon einige Zeilen übersendet ...

Leidenfrost zog einen Brief aus der Brusttasche und überreichte ihn Siegbert, der fassungslos vor Erstaunen den Brief betrachtete, die französische Aufschrift las und ihn erbrechen wollte.

Bitte, sagte Leidenfrost hastig, lesen Sie ihn für sich! Er ist zu lang! Es liegt eine dicke Schreibübung aus Rom darin! Wenigstens sagte mir Otto von Dystra, dass Ihnen Olga Wäsämskoi wahrscheinlich zeigen wolle, welche Fortschritte sie zu Rom in der Kalligraphie mache ...

Siegbert sass auf glühenden Kohlen. Ein Brief aus Rom! Ein Brief von Olga! Übersandt durch ihren gezwungenen Verlobten, den seltsamgeschilderten Baron von Dystra! Er steckte den Brief uneröffnet ein, trug aber durch die gewaltige Aufregung, die sich in seinen Mienen aussprach, viel dazu bei, die ängstliche Beklemmung, die Selma vor einem so fortwährend mit Frauen in zweideutiger Verbindung genannten mann empfand, noch zu vermehren. Es liegt einmal in reinen und stolzen Mädchenseelen die Abneigung vor Männern, die ihr Geschlecht zu tief erkannt haben, begründet. Sie wusste nicht, wie unrecht sie dem guten Siegbert tat, der im grund wenig dafür konnte, dass er, wie Dankmar sagte, eine Art Meister Frauenlob war.

Leidenfrost blieb im zug seiner Mitteilungen ...

Heinrichson, sagte er, ist in Rom und malt Grotten und Nymphen. Reichmeier portraitirt und spekulirte auf ein Tableau unsrer Deputirtenkammer, kurz ehe sie aufgelöst wurde. Der Zorn darüber hat ihn fast demokratisch gemacht. Sein Onkel, der Banquier, hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befördert zu werden. Frau von Reichmeier, Reichmeier's Schwester (in diesen Familien heiratet sich immer die Verwandtschaft überzwerg) hat sich deshalb auch entschlossen, mit einer philantropischen idee dem hof zu Gefallen zu leben und die innere Mission zu befördern, so wenig es ihrem Patschoulicharakter zusagt, sich an die Betten der Aussätzigen zu begeben und in die fünften Etagen zu den Armen steigen zu müssen. Doch hat sie nun einmal damit angefangen und sich vorläufig die Branche der Kindergärten erwählt, die sie protegirt. Ich sah Frau von Reichmeier bereits durch die Türritze eines solchen Kindergartens (im Zimmer) die kleinen Kinder spielen lehren. Beneiden Sie mich um diesen idyllischen Anblick, Wildungen! Die Blasirteit jetzt unter Kinderwindeln! Sie wissen gar nicht, was Ihnen Alles seiter entgangen ist.

Die Frau Pfarrerin wagte sich mit einigen Verteidigungsworten der Kindergärten hervor, wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen, den sie auch für ihre gute Meinung von den Kindergärten als Autorität anführte.

Es lebe Jean Paul! sagte Leidenfrost einsilbig.

Was soll Jean Paul? fragte man erstaunt.

Ich denke mir, meinte Oleander, dass Herr Leidenfrost sagen will, Jean Paul wäre die Veranlassung einer zu grossen Verhimmelung der Kinderseelen? Wäre dies der Fall, dann hätte Jean Paul auch zuviel für die Blumen getan.

Für die Redeblumen gewiss! bestätigte Leidenfrost und gab die Beziehung auf Guido Stromer zu erkennen. Herrlicher, göttlicher Jean Paul! Du durftest aus deinem Füllhorn die Blumen frühlingsweise werfen, du wusstest sie zu binden und zu ordnen und was daneben fiel, als überflüssig, du hattest es doch selbst gezogen, was du schenktest! Aber was soll uns die wuchernde Überfülle des Geistes, die nur der Form, nicht dem Inhalte der Wahrheit dient! Seht diese Geistreichen! Wie sie sich recken und dehnen, um wunderbare Figuren zu stand zu bringen und der grade, schlanke Wuchs der Überzeugung fehlt! Diese Menschen sind unser Unglück. All' ihr Geist befruchtet nichts, schafft nichts, gestaltet nichts. Nicht einmal ein Gedicht kommt zu stand mit ihren an Alles und Jedes sich anpinselnden Wahrnehmungen. Nein, ich lobe mir die Einfältigen eher, die wissen, was sie wollen, als die Geistreichen, die im grund nur afterreden und wenn's hoch kommt, der Lüge dienend jede Meinung verteidigen, wie zuletzt Burke, Gentz und Friedrich Schlegel taten.

Die Frau Pfarrerin konnte natürlich nicht ahnen, dass dieser Angriff ihrem mann galt, der, wie Leidenfrost flüsterte, den Titel als Hofrat zu erhaschen strebte; Ackermann, Oleander und Siegbert verstanden ihn sehr wohl und Siegbert winkte Leidenfrost, sich zu mässigen.

Warum? sagte dieser. Von den Einfältigen zu reden, wissen Sie denn, Wildungen, was aus Sr. Excellenz dem Herrn Geheimrat von