s Dach! Du grober, impertinenter Kerl!
Sandrart schnitt wieder Häcksel und Heunisch musste von dannen gehen, zornig auch über Fränzchen und die ganze Wirtschaft bei Ackermann, die ihm deutlich genug zu verstehen gegeben hatte, dass er ihr, wenn er jetzt wieder käme, heute nur im Wege wäre.
Ärgerlich brummend, stopfte er sich die Pfeife und ging, da es zu regnen aufgehört hatte, in den Wald zurück zu seiner lieben Ursula, seiner teuern Einzigen, die es in der Welt doch nur allein "gut mit ihm meinte".
Vierzehntes Capitel
Berichte aus der Residenz
Die Eierspeisen, der Hase, die als Ragout bereiteten Hühner schmeckten der zahlreichen, muntern Gesellschaft vortrefflich. Leidenfrost, der Ackermann's und Selma's Bekanntschaft mit Vergnügen erneuerte und viel über deren Knabentracht scherzte, brachte seine Begleiter Alberti und Heusrück mit, die am Tische, wie die Andern, Anteil nehmen sollten und es auch ihres Betragens wegen verdienten.
Erinnern Sie sich noch des Hünen Danebrand? sagte Leidenfrost zu Ackermann. Wie er der Louise Eisold zu Gefallen auf dem Fortunaball eine kleine Schlacht lieferte, deren Folgen glücklicherweise damals mit dem liebevollen Mantel der "Anarchie" zugedeckt wurden?
Fränzchen errötete und wagte nicht die entfernteste Frage nach Louise Eisold.
Was ist aus dem Hackert geworden? fragte Ackermann, der sich des Vorfalls wohl entsann und auch der Begleitung jenes ihm damals nicht willkommenen Gesellschafters vom Heidekruge her.
Polizeiagent vorläufig! sagte Leidenfrost. Die rechte Hand des unternehmenden Pax, der in Entdeckung von Demagogen und Jesuiten seines Gleichen sucht. Nur hör' ich, dass die Entdeckung der Erstern vom hof gern gesehen, die der letzteren aber für übereilten Amtseifer erklärt wird.
Jener Hackert erschien mir damals weit mehr ein Gegenstand, als ein Werkzeug der Polizei, bemerkte Ackermann.
Jetzt nachtwandelt er durch die Clubs, fiel Leidenfrost ein. Pax hat ihn zum Aufseher aller Vereine gemacht. Ich fürchte, dass ihn einmal vor den Schlägen, die er da ernten kann, weder Louise Eisold noch Danebrand rettet.
Man kam von diesen Gesprächen ab und nahm Veranlassung, über die politische Lage des Augenblicks im Allgemeinen zu sprechen.
Leidenfrost hatte kein Hehl, dass die Revolution ihm jetzt erst in ihre rechte entwicklung zu treten schiene.
Wenn wir so forttaumeln, wie jetzt, sagte er, kommt ein tolleres Hagelwetter, als wir's schon hatten. Wir befinden uns hier leider auf Fürstlich Hohenbergischem Boden, sonst würde' ich offen meine Meinung sagen.
Ackermann forderte den Gast auf, sich keinen Zwang anzulegen. Wenn er in seinen Ansichten zu weit ginge, würde er an diesem Tische nicht nur ein Centrum, sondern sogar – er warf einen lächelnden blick auf Oleander – eine äusserste Rechte finden.
Leidenfrost schoss einen prüfenden blick auf den Vikar, der die Antwort nicht schuldig blieb, sondern entgegnete:
Ich halte mich für unfähig über Politik zu streiten, da ich zu wenig von ihr verstehe. Dennoch glaube' ich, dass jeder Staatsmann, der jetzt an's Ruder kommt, die Verpflichtung hat, die Devise; Eile mit Weile! zu seinem Motto zu wählen.
Von Seiner Durchlaucht, begann Leidenfrost mit sichtbarer Ironie, von Seiner Durchlaucht einen so praktischen, bescheidenen, aber doch zu gewöhnlichen Gemeinplatz vorauszusetzen, heisst den hohen Genius verkennen. Dieser Staatsmann, den zwar einige Caricaturen mit einer Rute, die Fibel in der Hand, als gewöhnlichen Schulmeister darstellen, ist vielmehr ein neuer Johannes, der uns auffordert, in die Wüste zu ziehen und von Heuschrecken zu leben. Ich will nicht sagen, dass er uns selbst das Beispiel der Entaltsamkeit gibt. Seiner Durchlaucht lieben die Welt und ihre Freuden. Aber dem volk gönnt er nicht mehr oder weniger als eine Art Fastenkost, besonders in geistigen Dingen. Es ist der Priessnitz unsres Staates. Er mutet uns eine Wasserkur zu, Entaltsamkeit und geistige Diät. Die neuen Wahlen haben aber gezeigt, wie entzündlich noch unsre Zustände sind. Wir werden neue Douchen bekommen, kalte Übergüsse, ok-troyirte gesetz. Ich sehe unsren Staat schon so frisch und gesund wie einen Hecht im wasser zappeln.
Können Sie bestreiten, fiel Oleander ein, dass es ein Glück wäre, wenn die Sucht, Politik zu treiben, auf ein gewisses Mass zurückgeführt würde und man die Politik Denen überliesse, die die nächste Veranlassung dazu haben?
Aha! war Alles, was Leidenfrost unartig genug darauf erwiderte. Er sprach dies Wort mit grosser Bitterkeit und verletzte fast die gemütliche Stimmung der kleinen Tafel.
Einer Aufforderung, weiter vom Zustande der Dinge in der Residenz zu sprechen, genügte er nicht, sondern verwies auf die Zukunft, die Vieles zur Reife bringen würde.
Siegbert erstaunte, den alten kaustischen Freund so überreizt zu finden. Er schloss daraus, wie es wohl in der Residenz aussehen mochte und hatte nicht den Mut, nach seinem Bruder zu forschen, fast aus Besorgniss, Leidenfrost möchte mit ihm zu vertraut geworden sein. Überhaupt brachte er bei Ackermann nie die Rede auf seinen Bruder. Er hatte die Rolle, die er diesen Sommer auf dem schloss spielte, nie gebilligt und mochte die Abneigung, die Selma gegen seinen sittlichen Wert verriet, nicht vermehren. Es wurde ihm nie von Herzen wohl im Ullagrunde.
Ackermann, besonnen und gewiegt wie immer, löste die Spannung mit den Worten:
Stossen Sie an auf das schöne Prinzip, das Egon ausgesprochen hat und in dem wir uns, wenn auch mit sonst abweichenden Meinungen, gewiss Alle vereinigen werden