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Oleander und Frau Pfarrerin, in Folge des angenehmen Auftrags, in dieser unangenehmen Jahreszeit die von Herrn Ackermann bestellten Maschinen durch Dick und Dünn hierher zu begleiten. Gewisse innere Stimmen sagen zwar, ich hätte diesen Auftrag mit besondrer Vorliebe für den Flüchtling Siegbert Wildungen übernommen, den wieder zu sehen mein Herz labt und der trotzdem, dass er eine Mutter verloren hat, doch schon wieder, wenn nicht lachen, doch lächeln kann. O lächelte die Sonne so durch Wolken und trocknete die Wege! Vergeben Sie meine Fussbekleidung! Ich versichre Sie, dass diese Stiefeln wirklich von Leder sind.

Die Pfarrerin bot Tee oder jedes ihr sonst in der Eile mögliche Nachtessen an, aber man schlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zurück. Leidenfrost begleitete die Rückfahrenden, versprach aber morgen nach erster Auseinandersetzung der bereits in den Wirtschaftshäusern Ackermann's untergebrachten Maschinen, sich in Plessen sehen zu lassen. Ackermann kehrte diese Anordnung um und lud die Pfarrerin, die Kinder, Oleander und Siegbert liebevollst und herzlichst für morgen zu Tisch.

Nun wohlsagte Leidenfrost; dann sorgen Sie nur für ein kleines Kämmerchen zum Rauchen und zu stillem Zwiegespräch mit dem neugierigen Siegbert. Wir haben Viel und nichts Geringes zu berichten.

Wie lange bleiben Sie, Leidenfrost? fragte Siegbert.

Bis übermorgen!

Dann reisen wir zusammen zurück.

Wenn Sie keinen Anstand nehmen, sich dabei von den beiden Maschinenarbeitern Alberti und Heusrück begleiten zu lassen

So sind wir vier und bilden ein vierblättriges Kleeblatt!

Diese Bemerkung betonte Siegbert mit einigem Nachdruck, den Leidenfrost verstand und dazu bedeutsam lächelte. Diese Mienen reizten Siegbert so, dass er die Zeit bis zum morgenden Mittag kaum erwarten konnte und bis in die Nacht Oleandern, der in Leidenfrost nun auch den Unsterblichkeitsläugner gleich persönlich kennen gelernt hatte, mit Schilderungen über das Leben und die Talente dieses Sonderlings, für seinen humoristischen Freund erst langsam gewinnen musste.

Dreizehntes Capitel

Der Häckselschneider

In Ackermann's grösstem Zimmer war eine Familientafel hergerichtet. Selma und Fränzchen hatten vollauf zu tun, den wirtschaftlichen Verpflichtungen heute würdig zu entsprechen. Eine Hausfrau, die Frau Pfarrerin, sollte heute ihrer hände Werk, ihre Anordnungen, ihre Wirtschaftlichkeit prüfen.

Heute kam für Fränzchen der Onkel von der Jagd recht unerwünscht, obgleich er Wildpret brachte. Er musste sich's auch gefallen lassen, dass sie ihm sagte:

Onkelchen, heute haben wir grossen Besuch, heute gibt's viel zu schaffen.

Nun, sagte Heunisch, ich wollte mich ein bischen ruhen. Dann sprech' ich einmal bei dem Alten vor. Ich höre ja, zu Weihnachten wird der Heinrich herüberkommen und ein paar Tage auf Urlaub hier zubringen.

So? sagte Fränzchen gleichgültig und half der brummenden Liese den Grünkohl verlesen.

Ich sprach neulich den Alten auf dem Amt, wo die Papierschreiberei kein Ende nehmen will ...

Fränzchen hörte gar nicht ...

Wegen der Teufelsgeschichte in meinen vier Pfählendie Alte soll auf's Amt und will nichtSo hab' ich um jedes Und und Aber eine Scheererei

Guten Morgen, Herr Heunisch! klang eine zarte stimme.

Es war Selma, die in der Wirtschaft schaltete und rasch an dem in der warmen Küche sitzenden Forstmann vorüberging.

Guten Morgen, fräuleinwie behend geht Ihnen das Alles von der Hand!

Da war heute aber kein Stillstand, keine gelegenheit zum "Schnacken". Heunisch wurde bald da, bald dort incommodirt, sodass er zuletzt merkte, er incommodire selbst und beschloss, den Alten nebenan zu besuchen.

Hast ihn denn noch immer nicht gesprochen? fragte Heunisch seine Nichte.

Heute wird's geschehen müssen, sagte Fränzchen seufzend. Ich muss ihn um Eier bitten und wenn er's gut meint, auch noch um drei Hühner dazu. Wir sind noch zu wenig eingerichtet. Die Liese muss die Hasen spicken. Da will ich einmal selbst mein Glück versuchen.

Wetter! Nun bin ich begierig, sagte Heunisch. Nun gehe ich voraus und recognoscire das Terrain. Komm' gleich nach! O da bin ich kurios. Adjes, Liese! Der Hase ist nicht zu jung und nicht zu alt ... grade, wie's am Feuer sein soll.

Die Liese achtete heute nur auf ihre Töpfe und Pfannen und Spicknadeln und hörte kaum, was um sie gesprochen wurde ...

Heunisch ging und stöberte wirklich den alten Brummbär auf dem Häckselboden auf, wo er meist selbst angriff und für seine acht stattlichen Rosse Häcksel schnitt.

Der Jäger hatte eine Lockpfeife, die der Bauer schon kannte. Er pfiff an den Scheunen, da er schon den regelmässigen Schnitt vom Häckselboden hörte.

Guten Morgen! hiess es oben rundweg, als Heunisch in den untern Heuschober eingetreten war. Soll's was?

Zum Wetter, ist das ein Willkommen?

Ich schneide Häcksel ...

Hör' ich ...

Gibt's was Neues?

Euer Nachbar hat die Maschinen gekriegt

Wohl bekomm's ihm!

Auch eine Häckselmaschine

Gleichfalls!

Die eisernen Dinger sehen so klug aus wie Puterhähne, die sich in die Brust werfen! Wenn ich sie so klappen und stöhnen höre, ist's mir fast, als wären sie lebendig.

Meine alte Häckselbank da schläft auch nicht

Ritsch! Ratsch! sagte Heunisch und ahmte das schneiden nach, ärgerlich, dass dieser Dialog so ganz par distance vom Boden herab und von unten hinauf geschrieen wurde. Ihr seid fleissig, Sandrart ... Werdet Ihr Euch denn