das Elternhaus schwänzt ... Wart', Gesell! Sag' deine Lection her!
Damit hatte der Niklas Siegberten so eingeschlossen, dass dieser in der Tat vor der Rute sich nicht bergen konnte.
Siegberten war es, als sollt' er trotz der Verstellung die stimme kennen. In der Eile riet er hin und her. Aber der Niklas liess ihm nicht Zeit zu fragen, sondern verlangte einen Spruch.
Siegbert warf den ersten besten Schulvers hin.
Der Niklas sagte:
Siehst du, trivialer Schulschwänzer, Besseres kannst du nicht? Treibst dich herum, jagst Nebelbildern nach und vernachlässigst die Ölfarbe! Schäme dich, Portraitklexer!
Jetzt gewann Siegbert einen Pass, dem seltsamen Niklas zu entwischen, der nun Oleandern vornahm.
Oleander unterstützte die Vermutung der Frau Pfarrerin und der Kinder, dass dies wohl gar der Vater wäre, Guido Stromer selbst, der die Seinigen zur Weihnachtszeit überraschen wollte. Ach wie schlug der verlassenen Frau das Herz! Sollte er's sein? Guido? Aber seine stimme ist nicht so rauh! Dieser Humor nicht im Mindesten von seiner Art! Aber vielleicht hat sich sein Wesen in der Stadt geändert? Er ist fröhlicher geworden? Kinder, seid artig, betet, es ist der Vater!
Der Niklas verfolgte Oleandern, dessen lange Figur sich beim Entschlüpfen komisch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde. Siegbert selbst musste lachen, wie der lange lyrische Vikar sich duckte und zur Freude der Kinder seine Angst übertrieb, während er doch wirklich beklommen war.
Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn, sagte der Niklas, was kannst du sagen? Liest du auch Alles aus Büchern ab, wie deine Kollegen? Bist du auch so ein Hasenfuss, der die Privat-Seelsorge der Weiblein Nachmittags mit ihnen beim Kaffee pflegt und lieber Whist spielt, als im heiligen Augustinus liest?
Oleander schwang sich hinter Siegbert her und schützte diesen vor, um sich vor der Rute zu retten. Mit einer Anspielung auf Siegbert's Trauer sagte er nun rasch:
Nicht allzu grosse Lust im Glücke!
Nicht allzu grossen Schmerz im Leide!
Dann lacht nach jeglichem Geschicke
Der Hoffnung wieder grün die Weide!
Das geht allenfalls! sagte der Niklas. Etwas sentimental zwar! Etwas Freude mit schwarzem Krepp! Aber es sind ländliche Anschauungen! Die grüne Weide ist die Hauptsache! Oder du denkst wohl, Niklas wäre ein Bauer oder ein Viehzüchter? Wart'! Wart'! Aus Schonung für die Waise da – er zeigte auf Siegbert – will ich deinen Spruch gelten lassen; da hast du einen Lebkuchen, einen Reiter zu Pferde und noch einen, ein Wickelkind! Lass dir's recht viel Kindtaufen bedeuten!
Der Niklas jagte nun noch Ackermann, Selma, Fränzchen – mit denen er jedoch im Einverständnisse war – auch die Frau Pfarrerin, die nur immer dabei blieb: Das ist Herr von Zeisel – nein! Das ist – der Doktor Reinick! Nein! Das ist – Himmel, wer ist's nur? Die sonst so stille Frau war ganz alarmirt. Ihre wahren Gedanken, die sie mit den Kindern teilte, dass es der Vater wäre, wagte sie der Täuschung wegen nicht auszusprechen.
Zu Ackermann sagte der Vermummte:
Über's Jahr komm' ich wieder und wehe dir, Taschenspieler, wenn du mir nicht aus diesem Apfel, der sechs Körner entält, sechshundert Äpfel gewonnen hast!
Zu Selma:
Wart', dass ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Höschen Pagendienste verrichten lasse bei der Königin Saba von Arabien.
Und zu Fränzchen:
Louise Eisold lässt dich grüssen und um ein neues Lied nach der Melodie: "Des Volkes Tochter, arme Bettlerin" bitten. Aber ich werde Euch anstreichen, so zu lügen, ihr verdammten schönen Proletarierinnen ihr! Singen vom Elend und naschen am liebsten Lebkuchen!
Siegbert konnte nicht erraten, wer der Vermummte war; denn die stimme blieb verstellt und sein Spiel wurde fast künstlerisch behandelt.
Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Rutenstreiche versetzt, dabei immer geklingelt und mit seinem Sack gerasselt hatte, fasste er zuletzt das unterste Ende desselben, schüttete die ganze Bescheerung auf den Fussboden und während Jung und Alt danach haschte, sich drängte, stiess, war er verschwunden.
Jetzt erst war das Gelächter und die Freude gross. Siegbert sollte raten und besann sich nicht. Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein. Er würde die stimme erkannt haben ... Indem brachte ein Hausknecht aus der Krone die Botschaft, ein fremder Herr wäre angekommen, der ihn zu sprechen wünschte; er zeigte auf einen Zettel, auf dem "Leidenfrost" geschrieben stand.
Jetzt hatte Siegbert die Aufklärung.
Hat er den Weg als Heiliger gefunden, der uns prügelte, sagte er lachend, so kann er es jetzt auch als reuiger Sünder, um uns abzubitten. Der Tolle soll nur zu uns kommen. Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte.
Leidenfrost war es wirklich, der dann in einem abgetragenen Sammetkittel kam. Er grüsste wie ein völlig Fremder und führte seine Rolle des Nichtwissens, des Erstaunens, der vollkommensten Nichtbeteiligung eben so gut durch wie vorhin seinen Niklas, den er durchaus nicht wahrhaben wollte.
Ich ein Niklas? sagte er befremdet mit einer völlig andern stimme. Ich so frech, Sie hier Alle mit Ruten zu peitschen? Wie könnt' ich daran denken! Ich habe das Glück, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, Herr