, dass man diesem Corpsgeiste grade eine Niederlage, wie einer andern Armee einst bei Jena, gönnt! Und ich weiss nicht, ob ich mich täusche. Ich glaube in der Tat, dass diese Gesinnung, vor den Feind geführt, vor einen nationalen, von Hochgefühl durchdrungenen Feind, sich nicht lange über die ersten Vorpostengefechte hinaus bewährt und dass im Kriege nur die Armee unüberwindlich ist, die auch im Frieden von ernster und bescheidner Männlichkeit durchdrungen wird.
Siegbert war so erfüllt von der Trauer um seine Mutter, so sanft auch im geist hinübergezogen in die Ferne, wo unter schönerem Himmelsstriche Olga lebte, dass ihm jede weitere Beachtung durch Frau von Sänger lästig gewesen wäre. Und dennoch erlebte er, dass die leichtsinnige junge Frau ihm einen Zettel in die Hand drückte, worin sie bat: "Morgen Nachmittag um drei Uhr; ich beschwöre Sie. Henriette." Siegbert sagte Oleandern nichts von dieser Aufforderung, nichts von diesem Rückfall in die alte Gesinnung. Er hatte im ersten Augenblicke einen förmlichen Widerwillen gegen die unbesonnene Frau. Dann stand es wenigstens fest bei ihm, dass er nicht nach Randhartingen fuhr, nicht der Aufforderung Folge leistete. Am andern Tage kam aber die Dankmar'sche Wahrheit von den "verdammten Anstandszärtlichkeiten"! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von Sänger in Tränen. Sie war allein. Ihr Mann in Geschäften über Land. Sie erzählte ihr ganzes Leben, wie sie wegen Armut diese unglückliche Heirat hätte schliessen müssen und nun ihr Dasein, ihre Jugend, ihr Glück rein an Nichts hinauswürfe. Sie gestand ein, dass sich jener junge Krieger um ihre Gunst bewürbe, sie zu einer Scheidung veranlassen, entführen wolle und ähnliche excentrische Dinge, die Siegbert um so mehr erkälteten, als er hören konnte, sie würde ihren Himmel nur in ihm, in seinen reinen blauen Augen, finden. Die Tränen, die dabei flossen, waren schwerlich ganz unecht. Sie kamen aus dem wirklichsten Bedürfniss dieser Frau, die sich durch das geständnis ihrer Schwäche erleichtert fühlte und vollends gestärkt durch Siegbert's Zuspruch, da er das Meiste von Dem, was sie äusserte, ernst nahm und ihr viel Gutes und Mildes sagte. Unstreitig hatte sie das Bedürfniss der Scenen. Sie wollte von Siegbert wenigstens das Zugeständniss ihrer verfehlten Bestimmung, eines höheren, bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt, als Siegbert, doch rücksichtsvoll und weich geworden, tröstend von ihr schied. Es war weder von einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer gewaltsamen Unternehmung noch die Rede. Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und Rentmeister von Sänger, lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und Strudeln der leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort, bis die junge Generation auch sie überholen wird und auch sie im arzt oder Geistlichen ihre letzten Tröster findet.
Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in die Residenz zurückkehren. Einige arbeiten, die er begonnen, waren vollendet, auch an äusserem Erträgniss war dieser Landaufentalt nicht unergiebig gewesen. Das Wetter hatte sich gemildert. Dem Frost war Regen gefolgt. Die Wege waren zwar vollends jetzt nicht einladend, aber die mildere Luft tat wohl. Am achten Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen ...
Es war am sechsten, am Nikolaustage, als Abends Siegbert und Oleander in der Wohnstube der Pfarrerin sassen und sich mit den Kindern unterhielten. Hedwig und Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert; das Kleinste spielte, das Vierte war im Ullagrunde ...
Oleander sass verstimmt und in sich versunken da. Ein Buch war vor ihm aufgeschlagen. Er las zuweilen, lehnte sich dann wieder zurück, schlug die arme übereinander oder stützte das Haupt auf ...
Siegbert verstand seinen Kummer. Oleander lebte nur seiner Dichtung, seinem amt und dem Schmerz, dass ihm nicht gelingen konnte, von Selma Ackermann irgend ein Zeichen der Gunst zu gewinnen. Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde gewesen. Er hatte inzwischen versucht, dem Vikar eine grössre Aufmerksamkeit auf sein Äusseres beizubringen. Er selbst, gewohnt, den Leib für einen Tempel der Seele zu halten, trug sich, ohne auf Eleganz Anspruch zu machen, geschmackvoll. Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der körperlichen Pflege. Auch wurden seine desfallsigen Bemühungen, wie er selbst erzählte, scherzend im Ullagrunde anerkannt. Eine günstigere Wendung seiner Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht. Die Gleichgültigkeit Selma's war so auffallend, dass, wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen trug, Siegbert wohl Recht hatte, sich nach einer letzten flüchtigen Begegnung in Plessen, wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde, zu sagen:
Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens! Wie scheint an Selma Alles spröde, so gewidmet und aufbewahrt nur für den Einen, dem ihr ganzes Leben gehört! Wie fern, wie abwesend dieser blick des Auges! Wie erschrickt sie, wenn man sie anredet und sie nicht sogleich die an sie gerichteten Worte versteht, weil sie zerstreut war! Das ist die fromme Andacht der Liebe, die ihrem Heiligsten jeden Gedanken, jeden unbewachten Augenblick des Selbstgespräches der Seele widmet! Ob wohl Olga so lieben könnte, ob sie wohl so liebt oder, aufgewühlt in ihrer kindlichen Frühreife, erschreckt, beunruhigt, wildgehetzt von fremden Leidenschaften, schon ausser sich lebt, statt sinnig in sich zurückgezogen!
Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule, der kritischen oder chemischen, wie er sie nannte. Chemisch deshalb, sagte er