man in ihm den Retter der Monarchie und ist gefasst darauf, die nächste kammer wieder zu entlassen und nach Egon's Teorie ein Zweikammersystem zu oktroyiren, eine kammer der Interessen der Arbeitenden und eine kammer der Interessen der Arbeitgebenden. Man versichert, dass Egon dabei alt wird und sehr hinfällig aussieht. Allgemein heisst es, er hätte die Absicht, Melanie Schlurck zur Fürstin von Hohenberg zu erheben. Es würde dies die merkwürdigste Folge sein, die nur einem konsequenten Streben geboten werden könnte. Melanie hielt mich einst für den Fürsten Egon und verliebte sich in mein Incognito. Als sie enttäuscht wurde, behielt sie das Wappen im Auge und wird es erobern. Man sagt, Pauline von Harder, die jetzt Alles in Allem ist und um zehn Jahre jünger geworden sein soll, bediene sich der schönen Melanie, um mit Egon in desto festerer Verbindung zu bleiben; sie verhindere, sagt man, das ehrgeizige schöne Mädchen, sich ihm unbedingt zu widmen und lehre sie die Koketterie, die sie früher in ihrem eignen Leben selbst nicht beobachtet hat. Egon, ermüdet vom Tageslärm, erschöpft von der Arbeit, ruht bei Pauline von Harder, der Feindin seiner Mutter, der Vernichterin ihrer Memoiren, seit ihrer wunderbaren Aussöhnung, jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei der Harder, da dann freilich immer schön, immer reizend, immer liebenswürdig. Lasally ist abgefunden. Schlurck, der Vater, der, wie mir Werdeck nach einem Geschäftsbesuche bei ihm sagte, sehr altern und in seinen Finanzen zurückkommen soll – besonders seitdem sein Faktotum Bartusch fortwährend kränkelt und Geister sieht – Schlurck kann sich mit Egon nicht aussöhnen trotz der Tochter. Es liegt in Egon's puritanischer, mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbesiegbare Antipatie gegen Schlurck's Genussteorie und unverbesserlichen Indifferentismus. Grade was ihm an Melanie so bequem ist, ist ihm am Vater verhasst. Auch ist die Frage seiner Finanzen zu wichtig, als dass er nicht in Ackermann das unbedingteste Vertrauen setzen sollte, zumal da Louis Armand über ihn Wunderdinge berichtet hat.
Sodann schrieb noch Dankmar, der Bruder möchte Erkundigungen einziehen über den wahren Zusammenhang einer sonderbaren Begebenheit, die sich mit Louis, dem blinden Schmied Zeck, der tollen Ursula Marzahn und einem alten Gauner, Namens Murray, im wald bei Plessen zugetragen hätte. Louis hätte davon nur dunkel gesprochen und doch hätte er von diesem Vorfall Sonderbares vernommen. Endlich schloss der Brief mit den kurzen lakonischen Worten: "Hast du nichts aus Rom gehört? Und warum so einsylbig über Selma?"
Von Rom hörte Siegbert genug durch die Fürstin Wäsämskoi, die eine unermüdliche Correspondenz führte. Selma sah er zu flüchtig und besorgte fast, dass der Bruder voraussetze, Selma wäre ihm selbst nicht gleichgültig. Es wäre dies derselbe Irrtum gewesen, in den auch Frau von Sänger verfiel, die natürlich über Siegbert's längeres Verweilen in der Gegend sehr glücklich war. Anfangs musste Siegbert gestehen, dass sie eher betroffen schien über sein Bleiben als erfreut. Er äusserte dies gegen Oleander, der ihn längst mit dieser Frau neckte und ihn mit Scherzen, die eigentlich nicht in seiner natur lagen, aufzuheitern suchte.
Oleander erwiderte darauf, dass er fast glauben möchte, jeder ganz ausgekostete Schmerz hinterlasse eine so volle süsse Sättigung des Gemütes, dass man nicht gern vernehme, der Schmerz wäre umsonst gewesen.
Diese junge schöne Frau, sagte er, die nicht ganz so oberflächlich ist, wie sie mir alle neben Selma erscheinen – auch das kleine Fränzchen hat etwas Sinniges und ein innerlich beschauliches Leben – diese einschmeichelnde Frau von Sänger hat sicher heftig darunter gelitten, als Sie von ihr schieden ...
Und nun komm' ich wieder, ergänzte Siegbert mit einiger Bitterkeit, entdecke sie drüben bei Zeisel's, sie fällt aus den Wolken. Sie noch hier? In Trauer? Was fehlt Ihnen? Ihre Mutter starb! Sie Unglücklicher! Sie Armer! Aber Sie bleiben bei uns! Sieh! Sieh! Wie lange? O Das ist schön! Und warum ihr Schreck? Das liebesieche Herz hat schon einen der jungen Krieger gewählt, die bei Freiherrn von Sengebusch im Quartier liegen.
O, o! sagte Oleander erschreckend. Sie verleumden!
geben Sie Acht, wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tisch sein werden! Ich bin ein Träumer, wie Sie, aber meine Kunst zwingt mich doch, die Physiognomieen zu studiren.
In der Tat musste Oleander Siegbert Recht darin geben, dass Frau von Sänger schon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war, die die Cirkel der Umgegend seit der ungesetzlichen Selbstülfe der Landbewohner belebten. Er fand sie verlegen, errötend über Siegbert's Eintreten, errötend, wenn dieser mit ihr sprach, er fand den Offizier gegen Siegbert, in dem er ohnehin den Demokraten voraussetzte, ganz besonders gereizt und von der täglichen Gewohnheit, mit Waffen umzugehen, einen sehr unedlen Gebrauch machend. Oleander konnte nicht widersprechen, als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung streifende Äusserungen zu ihm sagte:
erkennen Sie daraus eines der Motive, das freie Gemüter treiben kann, den ganzen Ton dieser privilegirten Klassen widerlich zu finden? Was kann aus solchen brutalen Gesinnungen entstehen? Die höher gestellten Offiziere verbergen freilich, dass sie diese Art und Weise billigen, allein im Stillen haben sie fast alle ihre Freude daran. Die Zahl derjenigen Offiziere, die ich mir denke wie Max von Schenkendorf, wie Teodor Körner, wie Scharnhorst, ist sehr gering. Können Sie den Demokraten verdenken