ankamen und Siegbert in das einstweilen zugerichtete Bett stieg. Oleander las ihm noch einige Gedichte vor, die er über den Verlust seines Freundes, des Komponisten, den er Wilhelm genannt, vor einigen Jahren gedichtet hatte.
Ackermann aber entliess seine bewegten Mädchen mit dem geständnis, dass ihn dieser Vorfall auf das Heftigste erschüttert hätte. Als er allein war, entschlüpften ihm diese Worte:
So viel edle, gute Menschen – so viel, so viel – und Egon! Egon!
Seine Stirn verfinsterte sich. Er nahm sein Portefeuille, schlug es auf, sah ein Papier an, in welchem eine braune Locke eingeschlagen war ...
Es war die Locke, die er einst von Dankmar's Stirne schnitt ...
In dem Glauben, es wäre eine Locke von Egon, betrachtete er sie, schüttelte sein Haupt, verbarg sie wieder und löschte das Licht, um sich mit den schmerzlich wiederholten Worten: Egon! Egon! trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe zu begeben ...
Zwölftes Capitel
Sankt Nikolaus
Eines der Gedichte, das Oleander Siegbert zu tröstender Erhebung vorgelesen, hatte gelautet:
Die Sommernacht
Lebe! Lebe! spricht die Sonne.
Aber wenn sich nächt'ge Schatten
Senken auf die Wiesenmatten,
Fühl' ich: Auch im Tod ist Wonne.
Wenn die Sterne niederfunkeln,
Sieh die müden Augen schliessen,
Nebel durch die Täler fliessen,
Und die Erde schläft im Dunkeln –
Wenn der Tau den Plan befeuchtet,
Murmelnd alle Quellen gehen,
Und die Blätter leiser wehen,
Das Johanniswürmchen leuchtet –
Wenn aus tiefem Talesgrunde
Eine Uhr mit fernen Schlägen
Unserm wachen Ohr entgegen
Ruft die mitternächt'ge Stunde –
O dann kommt uns doch ein Träumen,
Weht ein Lauschen, spricht ein Rauschen,
Und wir fühlen, Geister tauschen
Nun mit uns in diesen Räumen!
Fühlen, wie die Teuren, Süssen,
Die uns ruh'n im Schooss der Erden,
Wieder scheinen wach zu werden,
Wie sie kommen, wie sie grüssen!
Wie sie lächeln! Sie erscheinen,
Leicht von Silberflor getragen!
Und ihr Grüssen will uns sagen:
Armer Freund, du sollst nicht weinen!
Trau der Nacht, denn nur ein falbes,
Nur ein Zwielicht gibt die Sonne.
Höher ist der Schöpfung Wonne
Und dies Leben nur ein halbes!
Siegbert schrieb dem Bruder ... Nachdem er seine schmerzlichsten Empfindungen ausgesprochen hatte, verblieb er, Dankmar's Zureden auf dem Zimmer des ihm geistig und gemütlich verwandten Oleander ... Dankmar schien vielbeschäftigt. Er schrieb ihm herzlich, aber kurz. Die Anfrage wegen Selma's und Ackermann's, die Aufforderung, sich ihnen recht zu widmen, war unterstrichen, aber karg an sich. Doch kam Siegbert nicht so oft nach dem Ullagrunde, weil er wiederum auch nach der jüngst ihm bewiesenen Teilnahme für sein persönliches Leid bemerken musste, dass Ackermann gegen ihn zurückhaltend war. Selma empfing ihn freudiger und inniger, der Vater mit Befangenheit ...
An der Ausführung seines ersten Gedankens, unverweilt zum Bruder zu reisen, hinderten ihn Oleander, Zeisel's und manche durch die Jagd dem entlegenen Plessen näher geführte Umwohner, von denen wir nur den Grafen Bensheim und den Freiherrn von Sengebusch nennen wollen. Diese veranlassten kleine künstlerische Aufträge für die bevorstehende Weihnachtszeit, sodass sich Goete's Wort bestätigte, wie bald ein bedeutender, seinem Lebenszweck mit Ernst entsprechender Mensch einem Kreise nützlich, ja notwendig werden und mit ihm verwachsen kann. Siegbert fand auch hier sowohl auf dem schloss Bensheim wie bei Herrn von Sengebusch, der hinter Randhartingen wohnte, Frauen, strebsame, ansprechende und der Beobachtung vollkommen würdige. Doch stiess ihn leider fast immer die politische Atmosphäre dieser Beziehungen ab. Er hörte nur engherzige, furchtsame, zornige Äusserungen über öffentliche Dinge und nicht etwa zwischendurch gestreut, sondern als das tägliche geistige Brot dieser Menschen. Wenn die Herren von Zeisel, von Sänger, Graf Bensheim, Herr von Sengebusch zusammen waren, äusserte sich ein Fanatismus, dem Siegbert nicht zu widersprechen wagte, da alle ruhige Erörterung unmöglich war. Da wurden die zeiten und die Menschen verurteilt, die jüngsten Staatsmänner Räuber genannt, Landverderber, die Demokraten verlangte man für vogelfrei zu erklären und oft sagte Graf Bensheim: Todtschiessen müsste man sie alle wie die tollen Hunde! Das Peinlichste war für Siegbert, dass auch die Frauen diesen Grimm teilten, ja schürten. Ihnen war der Verlust des Adels, mit dem man in dem ersten Stadium der Revolution gedroht hatte, ebenso verletzend wie die Besteuerungsfrage des Grundeigentums in ihren täglichen Haushalt eingreifend und sie in einen nicht zu beruhigenden Zorn versetzend. Die Offiziere der "fliegenden Kolonnen" und der kleinen hie und dahin versetzten Garnisonen waren ihnen die willkommensten Gäste. Siegbert konnte bei seinem jeweiligen Zusammentreffen aller dieser reaktionären Elemente die Gefahr ermessen, der bei uns die bessere Begründung der Zukunft noch zu lange ausgesetzt ist.
Betrübend war für ihn, dass Oleander keines politischen Urteils fähig war und wenn er einmal eine Stimmung über die Zeitereignisse zu erkennen gab, vollkommen mit diesen ultraconservativen Gesinnungen übereinzustimmen schien. Als ihm Siegbert darüber sein Erstaunen ausdrückte, war seinerseits Oleander noch viel mehr verwundert, wie Siegbert, ein Künstler, dem kunstfeindlichen, pietätlosen geist der Zeit zu huldigen vermochte!
Siegbert verschwieg nicht, dass er der mächtigen Einwirkung und überzeugenden Beredtsamkeit seines Bruders Dankmar vorzugsweise die Berichtigung seiner Urteile verdankte, dass er durch Louis Armand und Max Leidenfrost mit den Arbeitern, ja durch Egon selbst mit einer edleren Teorie über die Gesellschaft, als diese Adligen lehrten