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sich wie eine Hülferufende, da ihr der Atem stockte. In meinen Armen erholte sie sich und sprach mit der langsamen, feierlichen Rede einer Fieberkranken: Ich sehe meines Siegbert's Augen! Du standest vor ihr, als wenn sie dich mit Händen fassen konnte. Das Fieber verwirrte ihre Begriffedie innere Glut, von der sie unaufhörlich sprach, teilte sich ihrem Hirne mit. Ein Licht! Ein Licht! rief sie in einer Nacht und sah, als man ihr eine Kerze entgegenhieltNachbarinnen, Freundinnen, Ärzte unterstützten michso unverwandt sah sie in die Flamme, dass ich den Gedanken fasste, wenn sie genesen sollteich hoffte noch immermüsste sie erblinden. Aber mit der Heftigkeit, deren sie in jüngern Jahren fähig war, rief sie: Nein! und immer blickte sie in das Licht, ganz dicht mit den Augen fast in die Flamme hinein, als kühlten sich die heissen Wimpern sogar an der Flamme, als wäre Licht für ihr Auge Tau. Oft auch rief sie: Heinrich! worunter sie ihren Bruder, den Oheim Rodewald, den Verschollenen verstand. Dann sank sie zurück und zog die Decken so über sich, dass die Füsse entblösst waren. Wollte man sie bedecken, so gerieten die abwehrenden hände in ein grauenhaftes Nervenzucken ... ach, Bruder, ich habe an der Schwelle der Mysterien unsres Daseins gestanden. In deinen Armen starb der Vater, in meinen die Mutter ... So hingehen! So in Schmerzen aus der zusammenbrechenden Hülle des Körpers scheiden! ... Und der innere Vorwurf, der mich nagte, dass ich der Mutter den Witwensitz in dem Tempelhause mit Gewalt erhalten wollte! Sind wir denn nicht alle wie Mörder aneinander? Einer dem Andern die Schuld seiner Leiden, ja seines Todes? O diese nagenden Gedanken, als ich an dem Krankenlager sass und sie mir, die treue, aufopferungsfreudige Mutter, zuweilen sagte, als wollte sie sich entschuldigen: Dankmar, es währt so lange! Mein Körper ist so fest! Er bricht so schwer zusammen! Ach, Siegbert ... nun musst' ich niederknieen und die Hand der Guten küssen! Wie bat ich um Verzeihung für so vielen Kummer, ja für unsre Unkindlichkeit, die am weichen Vater mehr hing als an der starken, gesinnungsvollen Mutter! Auch von dem Archiv sprach sie, von dem Kreuze und unsern Hoffnungen! Mit dem Auge einer Seherin sagte sie von diesen: Ihr werdet den Segen ernten, aber hütet ihn! Dann sprach sie oft stundenlang nicht und versank in ein dumpfes Brüten. Ihr Geist schien dabei nicht zu schlummern. Sie blickte in's Jenseits voraus. So kam es mir vor, wenn sie regungslos nur stöhnte und nachher, als sie ausgerungen hatte, als sie mit dem letzten Reste ihrer Kraft sich zum Sterben fast zurechtlegte, da dachte' ich doch, sie schlummre nur. Sie schlummerte halb von dem Opium des Arztes, halb starb sie. Immer drei Atemzüge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes, ein stockender, der ausblieb. Ich glaubte nicht, dass Das der Hingang von dieser Erde war. Ich hatte keinen Abschied genommen, ich hatte nichts mehr gehört von ihrem letzten Willen und nun sagte der Arzt, sie entschlummre! Sollt' ich sie wecken? Sollt' ich sie aus diesem sanften Entschweben wachrufen? Ich konnte nicht. Ich faltete nur die hände und sah auf das verklärte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnissvolle Verbindung zwischen Hier und Dort. In der Nacht brach das Auge noch einmal auf. Es war nur die galvanische Zuckung des Stosses zum Herzen. Es war kein blick des Lebens und Bewusstseins mehr. Sie war hinüber .... Und nun, Bruder, wenn du diese Zeilen empfängst, ruht sie in der winterlichen Erde. Lass dich von nichts aufschrecken, was dich jetzt gebunden hält! Dieser Tod war unvermeidlich. Diese Liebe konnte uns nicht bleiben. Lass uns gefasst auf unserm Pfade weiter schreiten und denken: Ein unsichtbarer Genius mehr, der uns beschützt! Schreibe mir, komme nicht selbst! Sei gefasst! Ich reise nach drei Tagen zurück und will denken: Das Leben ist Pflicht! Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar."

Oleander hatte diesen Brief mit deutlicher und starker stimme vorgetragen und hatte sich nicht von dem Weinen Siegbert's, nicht von Ackermann's abgewandtem Schmerze, von Selma nicht unterbrechen lassen, die während des Vorlesens zurückkam und den männlichen und gefühlvollen Worten des Briefschreibers noch lauschen konnte.

Man staunte, als Siegbert erklärte, er bäte, ein andres Pferd anspannen zu lassen. Er wollte noch mit Oleander nach Plessen zurück. Man erwartete, dass Beide blieben. Oleander entschuldigte sich, dass er morgen ganz in der Frühe eine Schulrevision hätte. Siegbert's Wunsch, mit ihm allein zu sein, schien natürlich ...

Ackermann bestellte einen Andern seiner Leute, ein andres Pferd und entliess den innerlich aufgelösten, wie zerschmetterten Siegbert mit wiederholtem freundlichen Zuspruch und einer Umarmung, die Siegberten aufrichtete.

Selma gab ihm zitternd eine Hand, deren Kälte verriet, wie gewaltsam ihr Blut zum Herzen strömte. Auch Fränzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete Beiden zum Schlitten.

Als Siegbert mit Oleander allein war, liess er seinen Gefühlen freien Lauf. Im Ackermann'schen haus, bei aller Liebe und Teilnahme, würde er sich gehemmt gefühlt haben ...

Es war elf Uhr, als sie in Plessen