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, der Vater las in den Zeitungen und klagte über deren Inhalt, den er mit Bitterkeit auf Egon, als den Verschulder all' dieser Verirrungen, schob.

Es ist der doktrinäre Dünkel, sagte er eben halb für sich, der ihn ergriffen hat! Es sind die Schulreminiscenzen aus Genf, mit denen schon Guizot die Franzosen so unglücklich machte! Wer sagte nur diesem jungen unreifen mann, der einen Staat zu regieren sich erdreistet, dass er es machen müsse wie alle diese Staatstoren, eine Lehre, ein System, eine Teorie aufzustellen! Dies unglückliche Europa! Wenn man es von der reinen blauen klaren Höhe Amerikas aus betrachtet, kommt es uns vor, wie ein Nebelball, dessen erstickenden Dunstkreis einige Lichter spärlich erhellen. Welch' ein Gewühl von Unsinn und Verbrechen! Ehe nicht Europa sein Staatsleben vereinfacht und den Begriff des Staates sozusagen ganz aufhebt, Alles, was ein persönliches Interesse am Staatskram hat, abschafft, kommt kein Friede über diesen im Verscheiden begriffenen Erdteil.

Indem klingelte das Glöckchen des Schlittens. Das Gefährt gehörte wieder Ackermann. Man kannte schon das Glöckchen. Man kannte die Art des Knechtes, mit der Peitsche zu knallen. Die Hunde schon verrieten, dass es Martin war, der zurückkam.

Ist Oleander in Schönau geblieben? Ist er nach Randhartingen zu Wildungen?

So vermutete man durcheinander, bis die Botschaft kam, Martin wäre es wirklich.

Oleander und Siegbert stiegen vor dem haus aus, warfen ihre Hüllen ab und traten in das warme, trauliche Zimmer.

Das sonst so behagliche Gefühl, eine Familie des Abends spät im Winter zu überraschen, wo schöne Töchter im Hauskleide bei weiblichen arbeiten sich einfach und gemütlich dem Blicke darbieten, konnte diesmal in Siegbert nicht aufkommen.

Oleander erzählte sogleich, da Siegbert schwieg, was sie herbrächte, was sie bekümmerte ...

grosser Gott, sagte Ackermann, hätt' ich Das ahnen können!

Damit öffnete er ein Schreibepult und gab Siegberten den Brief, den er durch Einlage von Leidenfrost empfangen hatte.

Ihre Mutter, Wildungen, wäre tot? Karoline? ... Ich weiss, dass sie Karoline heisst!

Siegbert bemerkte nichts um sich her. Er riss den Brief auf, begann einige Zeilen zu lesen und liess ihn sogleich fallen, weil ein Tränenstrom aus seinen Augen stürzte. Er sank auf einen Sessel und legte den Kopf auf die arme, die er über den Tisch kreuzte.

Ackermann trat an's Fenster, schlug die Gardinen zurück und sah in die Schneenacht, die keine Sterne glänzen liess.

Selma weinte. Fränzchen zog sie an sich, um sie zu trösten; doch war sie zu ergriffen. Sie schluchzte, wie Siegbert, sie verliess das Zimmer.

Oleander stand ruhig und faltete die hände.

Ackermann wandte sich dann und sagte mit bewegter stimme zu seinem Neffen, dem er sich noch nicht entüllen mochte:

Muss Sie Das zu mir führen? Sammeln Sie sich, junger Freund! Sehen Sie diese Winternatur! Die Erde ist ein einziger Grabeshügel. Entbehren, Scheiden, Verlieren ist unser los. Nehmen Sie's wie etwas Erwartetes, Gewusstes! Es musste so sein.

Siegbert gab ihm die Hand, ohne dass er zu ihm aufblicken konnte. Die einzigen Worte, die er sprach, waren:

Mein armer Bruder!

Ackermann fand diesen Gedanken an den Bruder wahr und natürlich.

Lieben Sie den Bruder so, sagte er, dass Sie seiner gedenken, wie er hat leiden müssen, dieses Todes Zeuge zu sein? Und dennoch ist es ein Trost, dass Ihre Mutter einen ihrer Söhne um sich hatte ... als sie dem Gatten folgte ...

Ackermann konnte nicht weiter sprechen. Er musste sich wieder zum Fenster wenden.

Oleander erbot sich, um sogleich den ganzen Kelch zu schlürfen, Dankmar's Brief zu lesen.

Siegbert gab dazu die stumme erlaubnis.

"Mein guter Siegbert", schrieb Dankmar, "wenn ich so lange schwieg, tat ich es aus brüderlicher Liebe! Ich sagte dir, dass die Mutter krank ist. Ich schilderte ihre Leiden geringer und mache mir jetzt Vorwürfe darüber. Fasse dein Herz zusammen, Siegbert: Unsre Mutter ist nicht mehr. Diese Nacht entschlief sie sanft nach heftigen Leiden, die mir das Herz zerrissen. Wie ich nach Angerode kam, fand ich sie schon auf ihrem letzten Lager. Sie hatte uns nicht betrüben, nicht in unserm Lebensgange stören wollen! Du kennst ihr starkes Herz, das wir oft anklagten, weil es nicht so weich zu schlagen schien wie das des Vaters. Ihr starker Sinn war nur die Kraft des hochherzigsten Charakters. Wie ich kam und sie auf dem Lager sah, wollt' ich dich rufen. Sie erhob sich und wollt' es nicht. Mein Siegbert, sagte sie, steht vor mir ... so lehnte sie sich zurück und ich wagte nicht, ihrem befehlenden Worte zu widersprechen. O Bruder, nun brachen zehn jammervolle Tage an. Jeden begrüsst' ich mit der Hoffnung, ein Lichtstrahl würde in diese Nacht des Elends und der Leiden fallen. Vergebens, kein Wort des Arztes lautete tröstend. Ich wachte an ihrem Lager. Sie verbot es, wenn sie mich erkannte und Tag von Nacht noch unterscheiden konnte. An den Ort wollte sie getragen sein, wo der Vater starb. Da lag sie, ein Bild des Jammers! Keine Nahrung, keinen Schlaf mehr, der sie erquickte. Die Brust hob sich von ihren schweren Atemzügen, oft erhob sie