den Kopf; denn Siegbert verriet wohl, dass Selma Oleandern nicht liebte.
Ich vermute fast, sagte Oleander mit Traurigkeit, dass sie irgend ein ihr teuer gewordenes Bild im Herzen trägt. Irgend ein Mann muss ihr einst begegnet sein, dem sie mit träumerischer Innigkeit nachhängt.
Siegbert horchte auf ... Die Andeutungen seines Bruders hatte er nie für Ernst gehalten.
Was zweifle ich noch daran? Hat mir's denn der Vater nicht selbst bestätigt?
Wer könnte Das sein? fragte Siegbert gespannt.
Oleander fuhr fort:
Kürzlich nach dem Mahle im Plessener Amtshaus sprach der Vater in einer abendlichen Dämmerungsstunde mit mir darüber, dass ihm Selma Sorgen mache. Dem jungen, von Louis Armand in sein Haus empfohlenen Mädchen, hätte sie sich mit einer leidenschaft angeschlossen, die ihm verrate, dass ihr das Bedürfniss der Hingebung mit mächtiger Gewalt innewohne. Er geriet in eine so weiche, wehmütige Stimmung, dass ich den Mut hatte, von meiner Liebe zu sprechen. Er reichte mir die Hand und dankte für meine Aufrichtigkeit. geben Sie die Stunden bis zum Frühjahr, sagte er, dann kehren Sie doch wohl in einen andern Lebensberuf von Ihrem Vikariat zurück! Bekämpfen Sie sich bis dahin! Ich glaube nicht, dass Sie Hoffnung haben.
Siegbert schwieg.
Selma, fuhr Oleander mit leiser stimme, da ihm der Knecht aufmerksam zu werden schien, und wehmütig fort, Selma hat sich, wenn ich die Andeutungen des Vaters recht verstehe, in eine Neigung verloren, die eine unglückliche ist. Sie liebt, sagte mir Akkermann, wo sie nicht lieben darf. Entsetzlich! setzte er mit fast heftiger Betonung hinzu und erhob sich in einer Aufregung, die mich verhindert hat, seiter wieder auf diesen Gegenstand anders zurückzukommen, als in meinen einsamen Stunden, wo ich Selma Verse widme, die ich ihr nicht geben darf.
Siegbert empfand die tiefste Teilnahme und musste Oleander's Hand drücken. Er fühlte, dass diese Hand sehr gross, sehr mager, sehr knöchern war. Er kam jetzt erst darauf, ihn nach dem Eindrucke zu betrachten, den er äusserlich wohl auf ein junges Mädchen machen durfte. Er hatte ihn ganz nur nach dem geist beurteilt. Nun sah er wohl, dass dieser edle Mann in einer unscheinbaren Hülle wohnte. Wie lang und hager war Oleander! Wie starkknochig das Gesicht! Wie erinnerlich wurde ihm seine nachlässige Haftung, seine Kleidung sogar wie unordentlich war sie stets! Das lange Haar hing ihm schlicht unter der Mütze herab, die er tief über die klaren, durchsichtig glänzenden, fast zu offen am Tage liegenden Augen gezogen hatte. Den Hut hatte er vor sich auf den hohen, spitzen Knieen. Der Mantel war so abgetragen, als hätt' er ihn schon auf der Schule benutzt. Alle diese Betrachtungen, an die sich Erinnerungen an Leidenfrost knüpften, erfüllten ihn mit Rührung und dennoch wünschte er, irgend einen Einfluss auf Selma zu besitzen, um ihr zu sagen: Sieh, Mädchen, Das ist deine Aufgabe, diesen Edelstein zu schleifen, seinen Wert von der günstigsten Seite an die Sonne zu bringen! Lass ihn an dir auch für die äusseren Formen der Gesellschaft sich bilden! Führe ihn sanft und liebevoll, wenn es muss mit erlaubtem stachellosem Scherze, auf die erkenntnis Dessen, was ihm mangelt! Bilde einen Menschen aus ihm, wie die Menschen eben sein sollen und lass dir's von ihm danken, dass du, seine Gotteit, sein zweiter Schöpfer wurdest!
Er dachte nicht daran, dass Dankmar mit Selma einst sich wirklich begegnen sollte und ernstlich von ihrem Bilde befangen war ...
Das Schneegestöber hatte so zugenommen, dass der Schlitten erst gegen Abend sieben Uhr in Plessen eintraf. Es war eine grosse Aufopferung Oleander's, den neugewonnenen Freund, der inzwischen wieder in den stummen Schmerz der Erwartung eines bevorstehenden Unglücks verfallen war, noch bei solchem Wetter in den Ullagrund zu begleiten. Vor neun Uhr konnte man kaum dort, vor elf nicht zurück sein. Oleander gab indessen im Pfarrhause, wo man erstaunt war über seine frühe Rückkehr, eine Anweisung, in seinem Zimmer noch ein Bett aufzuschlagen.
Ich muss Sie bei mir haben, Wildungen, sagte er, Sie mögen nun erfahren, was der Himmel Ihnen auch bescheert ...
Siegbert gestand, wenn er den Tod seiner Mutter erführe, könnte er nicht bei Ackermann's bleiben. Die Fröhlichen würden unter seinem Jammer leiden, während Oleander sich schon früh gewöhnt hätte, auch den Schmerz der Trostlosen zu dulden.
Ich glaube nicht, Wildungen, sagte Oleander, dass Sie auf etwas so Schlimmes gefasst zu sein brauchen; allein wenn ich rate, dann lieber mit mir zurück zu fahren, so ist es deshalb, weil der Tod einer Mutter bei Selma Ackermann einen Kummer zurückruft, den der Vater noch oft bei ihr zu beschwichtigen hat.
Die Pfarrerin war erstaunt über den Entschluss, so spät noch in den Ullagrund zu fahren. Sie lud die Männer ein, hereinzukommen, sich wenigstens zu erwärmen, zu stärken durch irgend einen Nachtimbis. Doch zogen Beide auf Zureden des Knechtes vor, jetzt im zug zu bleiben und bald ging das ermüdete dampfende Ross im Schnee mit seinem Glöcklein weiter.
Bald nach acht Uhr entdeckten sie Licht in dem gefährlichen Dunkel des bahnlosen verschneiten Weges. Es kam von Ackermann's haus, wo der Vater, Selma und Fränzchen still beisammen sassen im Scheine einer kleinen Cylinderlampe. Selma häkelte eine Weihnachtsgabe für Oleander, Fränzchen strickte