Kuss, worauf sie den Kopf in den Nacken warf und mit komischer Feierlichkeit erklärte:
Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre ritterliche Begleitung! Sie haben Not und Gefahr mit mir geteilt!
Sie haben, als wir im wald einem scheu gewordenen Einspänner, auf dem zwei Handwerksbursche sich vom Fusswandern auszuruhen schienen, begegneten, die mögliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Rosse mutvoll überstanden! Sie haben an der Försterwohnung vor einer alten rot- und weisshaarigen Hexe, die alle Pferde stutzigmachte, hochherzigen Mut bewiesen. Sie haben sich würdig gezeigt, von mir, der dermaligen Fürstin von Hohenberg, heute Abend beim Tee zu meinen Cavalieren und Vasallen geschlagen zu werden. Ich hoffe, dass Keiner meiner Getreuen fehlen wird! Und damit seid Ihr für jetzt entlassen!
Die Herren applaudirten. Melanie entschlüpfte in eines der unten geöffneten Schlossfenster und verschwand. Die Gesellschaft trennte sich vorläufig mit dem Versprechen, um acht Uhr an den geöffneten Fenstern der Zimmer, die Schlurck für die Seinigen gewählt hatte, sich zum Genuss der milden Abendluft und zum Tee zu versammeln. Die Einen begaben sich in den Garten, die Andern ins Schloss, Andere wandten sich hinunter dem Orte zu.
Mit grossem Wohlgefallen hatte diese Scene von fern der Geheimerat Henning von Harder beobachtet. Se. Excellenz standen am offenen Fenster eines der ihm zur Disposition übergebenen Zimmer der verstorbenen Fürstin und kniffen eine goldene Lorgnette so scharf in die Augenhöhle, dass ihm auch keine Miene der schönen und verlockenden Melanie Schlurck entgehen konnte. Als sie sprach mit ihrem wohllautenden, vollen, aus der Brust quellenden Organe, bedeutete er seine beiden Bedienten, Ernst und Franz – die auf dem Fussteppich sassen und hämmerten und packten –, einen Augenblick in ihrem Diensteifer innezuhalten. Er verschlang Melanie's Worte und täuschte sich dabei keineswegs in der Voraussetzung, dass sie sich von ihm beobachtet glaubte. Er gehörte zu den Männern, die sich in ihrer Jugend wohl hatten sagen können: Du bist glücklich bei den Frauen, weil du eine schöne Gestalt hast und eine gewisse Kunst sie geltendzumachen. Sein Haar war einst lockig gewesen, sein Auge nicht ohne Feuer. Er konnte diese Triumphe seiner Jugend nicht vergessen. Daher kam es, dass er an Jahren zunehmend, immer wieder einen neuen Reiz an sich zu entdecken glaubte, der ihm ebenso fesselnd vorkam, wie es früher seine Jugend gewesen war. Nur schlimm, dass er diesen Reiz nicht in geistigen Dingen, sondern in äusserlichen fand! Geist verleiht dem Äussern des Mannes mit den Jahren einen veränderten Ausdruck, der wohl die Frische der ersten Jugend ersetzen kann. Die Liebe des Jünglings ist eine andere als die des Mannes und wer würde so oberflächlich und sinnlich sein, die Poesie und die fesselnde Schwärmerei allein nur dem zwanzigjährigen Blute zuzuerkennen? Im Gegenteil mischt sich in die erste süsse Liebe des Jünglings nur zu wild und bitter oft die Gährung der noch unfertigen Charakterbildung, während eines älteren Mannes Liebe eine Kette reinster Hingebung, uneigennütziger Aufopferung und jener höhern Poesie sein kann, die aus einem gebrochenen wehmütigen Bewusstsein fliesst. Mit diesen Erscheinungen hatte das noch immer lodernde Feuer des fast sechzigjährigen Henning von Harder zu Harderstein nichts gemein. Er gehörte zu den Toren, die im zwanzigsten Jahre ihre Eroberungen auf ihre wirkliche Schönheit fussen können, im dreissigsten auf das Glück dieser Schönheit und den Ruf ihrer Eroberungen, im vierzigsten Jahre aber schon nur noch auf ihre gesellschaftliche Stellung und gewisse jugendliche Reminiscenzen, vom funfzigsten an aber auf die verzweifeltste Eitelkeit, die sich an diesen oder jenen kleinen Rest früherer Vorzüge klammert, an eine weisse kleine Hand, einen zierlichen kleinen Fuss und ähnliche, in den meisten Fällen auch unleugbare Vollkommenheiten, die aber einen ganzen Menschen nicht mehr ersetzen können. Der Geheimrat hörte nichts lieber, als dass er eine schöngeformte Nase und niedliche kleine hände hätte. So manche verschmitzte Coquette, die nach seinem durch Pauline von Marschalk erworbenen Reichtum blinzelte, konnte ihn in jugendliche Flammen und wahnsinnige Träume versetzen, wenn sie seinen niedlichen kleinen Fuss lobte. Manche versicherten, dass man auch durch das Lob seiner kleinen Ohren eine wirkung auf ihn hervorbrachte. Sie waren in der Tat niedlich, diese Ohren. Kein Spiegel bestritt diese Wahrheit. Warum sollte er nicht sonst noch allerlei Fesselndes besitzen, da er doch dies Eine, die Werkzeuge des Hörens, wirklich in einer so unbestrittenen Vollkommenheit besass! Hier nun vollends auf Hohenberg, wo er, zur Entschädigung für eine lästige Reise, zu der ihn mit sonderbarer Bestimmteit seine ihn, wie noch viel andere Menschen beherrschende geistreiche Gattin gezwungen hatte, das Zusammentreffen mit einer der gepriesensten Schönheiten der Residenz genoss, hier hielt er einen angenehmen Eindruck auf Melanie Schlurck für um so leichter, als er einerseits mit nicht ganz kurzsichtigem Auge entdeckt hatte, dass dies eigene Mädchen gewohnt war, über gewöhnliche Grenzen hinauszugehen, und andererseits seine gesellschaftliche Stellung die aller übrigen Besucher des Schlosses beiweitem überragte. Er stand ja doch, dachte er, dem Landesfürsten ausserordentlich nahe, war ja durch unbedingt gehorchende knechtische Umgebung himmelwärts hier erhaben, strahlte ja durch äussere Haltung wie immer so auch hier im Vollglanze seiner mit Orden emaillirten Excellenz und fasste in der Tat um so rascher eine Flamme für Melanie, als dies kluge Mädchen bereits beim ersten Zusammentreffen seine weisse Hand, den zierlichen Fuss und sogar schon das Profil seiner Nase bewundert hatte. Sie entdeckt, hatte er sich im Stillen gesagt, sie entdeckt gewiss auch noch meine Ohren! Er wiederholte sich diese Hoffnung mit Wohlgefallen, als ihn einer seiner Bedienten darauf