wurden. Er ass nicht, er lag zusammengekrümmt und weinte.
In der neuausgebauten Kirche, die am folgenden Morgen trotz der Kälte dicht mit Menschen überfüllt war, hingen die von ihm wiederhergestellten Bilder. Der Geistliche des Ortes predigte. Nach der Predigt sollte ein grosses Festmahl sein. Von diesem schloss sich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus. In die Kirche aber ging er mit zerknirschtem Herzen. Glücklicherweise war die Predigt trocken und löste ihn nicht so auf in Wehmut, wie der Ton der Orgel und der Gesang der Gemeine. Seit des Vaters tod hatte er keine Kirche mehr besucht und nun er zum ersten male wieder unter Andächtigen mit einem rätselhaften dunklen Schicksal sass, fühlte er, nur ihr Tod, sonst konnte nichts eingetroffen, nichts Anderes geschehen sein ...
Da sein Zustand Niemanden entgehen konnte, so billigte man mit dem grössten Bedauern, dass er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der Ortsbehörde gewidmeten Frühstück sich in den Schlitten setzte, mit dem Oleander gestern gekommen war. Auch die schnelle Entfernung des jungen Vikars, der ihn durchaus begleiten wollte, tat Allen leid. Gegen Mittag, während es wieder zu schneien anfing, fuhren sie ab.
Während der durch den frischgefallenen Schnee beschwerlichen Fahrt erzählte Oleander, um Siegbert zu zerstreuen, von seiner Jugend, seinen bisherigen Lebensschicksalen. Wie er der Sohn armer Eltern im Würtem-bergischen wäre, die Beide nicht mehr lebten, wie er sich mühsam hätte emporarbeiten müssen und das Meiste schwerer und steiler gefunden hätte, als er anfangs dachte. Er wäre durch eine Hauslehrerstelle nach dem Norden gekommen. Auf der Universität hätte ihn anfangs auch jene Teologie am meisten angezogen, die die modische, von der Regierung beschützte war. Doch hätt' er sich ihr abwenden müssen, da ihm sein poetischer Sinn dabei verkümmerte. Diesen hätten schon früh Lehrer und Freunde gepflegt und befördert, aber er wäre dabei so glücklich gewesen, niemals Überschätzer und ebensowenig Unterschätzer zu finden. Am nachhaltigsten hätte auf ihn ein Freund gewirkt, der musikkundig war und seinen Versen Klänge unterlegte. Da hätt' er bald erkannt, was die Seele ergreife und befriedige. Ach, schloss er, wir sind in Todeserinnerungen! Auch Der ist hin! Sein ganzes Leben war Harmonie. Er verklang so in das grosse All', das doch wohl das irdische Nichts ist! Oft hör' ich ihn in den Lüften um mich her säuseln! Je einsamer, desto näher. Wenn ich allein bin, hör' ich den Ton seiner Geige oder er summt am Klavier eine Melodie. Und was ich dichte, das muss gleich so sein, als säng' es mir mein Wilhelm! So verkling' ich in ihm und er klingt in mir.
Siegbert konnte sich zu dem Leide, das er erwartete, nicht feierlicher vorbereiten. Seine Augen weinten; aber den Trost, der sie trocknen konnte, fühlte er schon sich nahen bei des gefährten sanften Worten.
Der Vikar erzählte dann, wie er in der Residenz und auf dem land lange als Hauslehrer hätte wirken müssen, wie er zur Heimat hätte zurück wollen, dann sich aber einer Begünstigung seines verlassenen Schicksals zu erfreuen gehabt hätte, als er mit Propst Gelbsattel bekannt wurde. Er gab ihm das zeugnis eines geistreichen, umsichtigen, anregungsfähigen, nur zu ehrgeizigen Mannes, musste aber zu seinem Kummer gestehen, dass den Ausschlag für ihn nicht die Anerkennung seines etwaigen Verdienstes, sondern der Glaube gegeben hätte, er interessire sich für eine der Töchter des Propstes. Bekannt mit dem Sohne desselben, sagte er, kam ich in sein Haus und war auf seine Schwestern prüfend aufmerksam. Ich habe in mir den stillen Vorwurf, dass man vielleicht glaubt, wenn dies Vikariat für Guido Stromer vorüber ist, würde' ich zurückkehren und mich um die älteste Tochter des Propstes bewerben. Und wie weit bin ich davon entfernt!
Siegbert kannte diese jungen Damen von der Weinlese bei Adele Wäsämskoi und verglich sie mit Selma. Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns, jede formelle Rücksicht leichter fahren zu lassen. Er konnte nicht umhin, mit kurzen Worten geringschätzig von den Gelbsattels zu sprechen und sie gegen Selma gehalten mit den Krähen zu vergleichen, die man eben auf den Feldern krächzen hörte.
Oleander winkte Siegbert, auf den Knecht Rücksicht zu nehmen, der sie fuhr. Dieser hatte sich aber seinen Mantel so dicht über die Ohren gezogen, dass Siegbert voraussetzen konnte, von ihm nicht verstanden zu werden, wenn er mit leiserer stimme fortfuhr:
Wie würde Ihr Gemüt leiden, wenn Sie in die Lage kämen, mit solchen in Glanz und Ansprüchen auferzogenen Mädchen in Verbindung zu kommen oder wohl gar ihnen verdanken zu müssen, dass Sie Beförderung erhielten! Ich kenne diese Mädchen. Sie sind wie jetzt die meisten. entfernt von jeder Idealität und nur der raffinirtesten Geselligkeit hingegeben. Teater, Putz, Bälle sind die Gegenstände ihres Gesprächs. Welch' ein Engel dagegen Selma! Wie lieblich die jungfräuliche Erscheinung! Wie klug dies Auge und wie träumerisch zuweilen jene Blicke, die sie nicht beobachtet glaubt. Wer so zu scherzen weiss wie Selma, kann auch tief ernst sein. Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich weiss nicht, gerade darin find' ich einen Reiz, einen Wert mehr. Ich fühle, dass ich den Glauben eines reinen, unschuldigen Mädchens nicht mehr verdiene und ich bin gewiss, jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen suchte, desto mehr misfiel ich ihr. Und doch –
Oleander schüttelte traurig