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was inzwischen das Leben noch so Angenehmes bietet, nur halb. Beziehungen zu dem arzt Reinick, die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter, der Humor des alten Hauptmanns und Rentmeisters, die nur zu sehr entgegenkommende Liebenswürdigkeit seiner nicht völlig oberflächlichen jungen Gattin, alles Das unterhielt wohl Siegbert, während er malte; aber dass ihm Briefe fehlten, machte nichts gut. Endlich schrieb ihm der nach Schönau zurückgekehrte Ortsvorstand Marx, dass er sich beeilen möchte, zu dem Kirchenfeste zu kommen, auch wäre Manches für ihn inzwischen angelangt ...

Da nahm er denn eiligst Abschied und vorläufig für den ganzen Winter. Er liess aus Gutmütigkeit Frühlingsverheissungen für Frau von Sänger zurück. Sie glaubte ihnen nicht. Er erlebte wirklich, am Abend vor seiner Abreise (Oleandern hoffte er in Schönau zu finden), dass die hübsche Frau erst scherzend von ihm Abschied nehmen wollte, dann aber im lachen weinte und zuletzt in wirklichen Tränen so zerfloss, dass er sie ängstlich an seine Brust ziehen und durch jene Zärtlichkeiten trösten musste, über die Siegbert nicht so leichtsinnig dachte wie Dankmar, der sie Anstandszärtlichkeiten nannte. Er machte sich die Herzlichkeiten, die wirklich nur allein im stand waren, den Schmerz der schönen Frau zu mildern, noch lange zum bittersten Vorwurfe und fand es fast gerechtfertigt, dass ein reines unentweihtes Wesen, wie Selma Ackermann, vor ihm einen tiefgewurzelten Widerwillen verriet. Dieser Widerwille quälte ihn. Nicht, dass er seine Eitelkeit verletzte. Seit Oleander's tiefer Bemerkung spornte ihn diese Tatsache, in sein Inneres zu blicken und er zitterte fast bei dem Gedanken, in Schönau ohne Zweifel Briefe von der Fürstin Wäsämskoi zu treffen!

Er fand deren genug und die bittersten Klagen, dass er nicht schriebe. Es verstand sich von selbst, dass diese Briefe die wahre Empfindung Adelens nur zwischen den Zeilen erraten liessen und nur plauderten, nur mitteilten. Von Olga sprach sie mit Entrüstung und gab sie und ihr Schicksal für immer auf. Erfreulicher lautete, dass Rudhard mit den Kindern zurückgekehrt war und wieder in ihrem haus die Penaten hütete, wie Otto von Dystra es genannt haben sollte. Von diesem Letzteren erzählte Adele meist Barockes und erschreckte Siegbert durch die Bemerkung, dass sie vermute, er würde Olga nachreisen und Helenen für den unverantwortlichen Eingriff in mütterliche Autorität ernstlich zur Rede stellen. Sie wohne noch vor'm Tore, erzählte sie, gegenüber der jetzt allgefeierten Pauline von Harder, die sich darin gefalle, den Staat, den Prinzen Egon und wer weiss wen Alles zu regieren. Genauere Angaben über die für Siegbert so hochwichtigen politischen fragen fehlten, doch fand er im grund in allen Zeitungen mehr, als er zu wissen wünschen konnte. Ja in unmittelbarster Nähe sah er die Agitation der neuen Wahlen, die wiederum so auszufallen schienen wie die früheren; denn noch war der Premierminister mit seinem neuen Wahlgesetz nicht hervorgetreten ...

In einem Briefe, den er dann auch glücklicherweise von seinem Bruder vorfand, war darüber ausführlicher geschrieben. So sehr ihn dieser Fund erfreute, so lag doch in dem Tone dieser kurzen Zeilen Dankmar's etwas, was er nicht verstand. Dankmar war von Angerode wieder in der Residenz, sprach von den günstigeren Aussichten des Prozesses, gab Mitteilungen über die fortschreitende entwicklung seiner Bundesideen, hatte aber auch Wendungen wie diese gebraucht: "Mit betrübtem Herzen kam ich gestern hier an und suchte für das schmerzlich Erlebte mich dadurch zu trösten, dass ich mich mit erneuter Hoffnung in den Strudel der Tatsachen warf". Und an einer andern Stelle: "Beeile deine Rückreise nicht! Sähen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder, unser Schmerz würde endlos sein! Ach, Siegbert, ich kann mir denken, was du empfandest, als du auch diesen Besitz aus unserm Lebensbuche streichen musstest". Endlich hiess es: "Die Trauerbotschaft schrieb ich dir deshalb durch Einschluss an Leidenfrost, weil ich dachte: Entweder du bist schon zurück, dann gibt er dir den Brief selbst, oder du bist noch in Randhartingen, dann legt er ihn an Herrn Ackermann bei, mit dem er in geschäftlicher Verbindung steht."

Welche Trauerbotschaft! rief Siegbert ausser sich und durchflog den Brief noch einmal. Ein Brief ist verloren gegangen oder liegt bei Ackermann!

Sein erstes Gefühl war an die Mutter.

Sie ist tot! sagte er. Ich Unglücklicher! Was kann dieser Brief so Jammervolles entalten? Starb sie, während du tändeltest? Was sollst du tun?

Er durchlas wohl zehnmal den kurzen flüchtigen Brief des Bruders, dessen Ton vollkommen auf die Möglichkeit passte, dass er ihm in dem verlornen das Erschütterndste, das Herbste mitgeteilt hatte ...

Zu seinem Trost kam wenigstens Oleander mit der Botschaft nach Schönau, dass Ackermann einen Brief für ihn wirklich empfangen hatte, den Jener in der Voraussetzung, Siegbert kehre nach Randhartingen wieder zurück, deshalb nicht mitschickte, weil Siegbert, wie man wohlwollend und gütig gesagt hatte, ihn selbst im Ullagrunde abholen sollte.

Sie sehen, wie warm Ackermann für Sie empfindet, schloss Oleander. Freilich, hätt' er ahnen können, was diese Zeilen vielleicht entalten ...

Siegbert war in einer Stimmung, die ihm unmöglich machte, irgend eine der vielen freundlichen Einladungen anzunehmen. Am liebsten wär' er gleich nach der Residenz zurückgereist und doch war diese Entfernung dreimal weiter als die nach dem Ullagrunde. Er wusste nicht, was er vorziehen sollte! Der Gedanke, dass seine Mutter gestorben, stand ihm so fest, dass seine Augen nicht mehr trocken