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noch weniger.

Sie sprechen ihr da die Bildung ab, die Sie doch selbst an ihr vollenden wollen?

Die Bildung? Ist Beobachtung und Urteil allein Bildung? Bildung ist nur gesteigerte Empfänglichkeit. Selma verbindet Bildung mit Dem, was die Bildung nur zu oft verdrängt, mit dem Instinkt der natur. Es ist ein Wesen, das ich naturwüchsig nennen möchte. Sie verstellt sich nie, wenigstens nicht mit Bewusstsein. Was sie ist, ist sie. Sie erschrickt, wo sich Andre bekämpfen. Sie liebt und hasst nicht einmal. Sie fühlt sich nur angezogen oder fühlt sich nur abgestossen.

Wenn ich auf eine so reine natur abstossend wirke, muss ich mich bekümmern.

O, Das ist nicht gesagt, Wildungen! Der Vater, den Sie immer mehr schätzen würden, wenn Sie ihn recht erkennen wollten, hält auf magnetische Beziehungen im Menschen. Es ist möglich, dass grade das Gleichartige abstossend wirkt. Wer weiss, welche Verwandtschaft grade Schuld ist, dass Sie auf Selma's Nerven einen Druck ausüben! Bin ich nicht in der gleichen Lage?

Siegbert stockte. Er gedachte des Bruders und der herzlichen Teilnahme, mit der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen. Wie gern hätte er sich Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen! Aber dafür, dass ihr Vater ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben, dafür, behauptete er, wäre man zu spröde gegen ihn, zöge sich zu sehr zurück und so hatte er keinen Mut, seine persönlichen Beziehungen zu erwähnen und durch die Erinnerung an den Bruder diesen Menschen näher zu treten, die ihm ohnehin viel zu streng zu urteilen schienen, als dass er gewagt hätte, auf Dankmar's in Hohenberg gespielte Rolle zurückzukommen.

Oleander's Liebe für Selma war ersichtlich. Siegbert sagte fast scherzend:

Und Sie, Oleander? Nach Allem, was ich zu beobachten glaube, liebt Selma ihren Lehrer.

Oleander fast erschreckend, konnte nicht antworten, denn Frau von Sänger trat zwischen sie und forderte Siegbert auf, seine gelehrten gespräche für ein ander Mal auszusetzen.

Mein guter Mann, sagte sie, treibt zur Rückfahrt. Er hat es nicht über sich gewinnen können, Ihre Rede zu hören, Herr Vikar. Er liebt die Kirchhöfe nicht, auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte. Ich bin die dritte. Er wird auch mir erlaubnis geben, noch vor ihm dort hinzugehen.

Welche Melancholie, gnädige Frau! bemerkte der Vikar.

Ach, dieser Winter! Diese kalte Luft! Diese öde Einsamkeit! Diese treulosen Freunde, die, wie Herr Wildungen, so einmal in dies elende Landleben hereinschneien und dann gleich täglich vom Abreisen sprechen!

Ja, lieber Oleander! sagte Siegbert. Mein Bild in Randhartingen ist fast vollendet. Am dreizehnten will ich in Schönau sein, wo die Kirche eingeweiht wird. Ich denke dann zurückzureisen ...

In Schönau sehen wir uns noch, bemerkte Oleander. Ich wohne dem Feste bei ...

Ist es nicht fürchterlich, mit so viel kaltem Blute vom Abreisen zu sprechen, bemerkte die junge, frische, liebenswürdige Frau, die in der Tat eine grosse Neigung für Siegbert gefasst zu haben schien und sie unter Scherzen zu verbergen suchte. Warum nur sich, dem Vergnügen, der Residenz leben? Wir verderben Ihnen freilich die künstlerischen Anschauungen! Ihre Phantasie leidet hier, Ihr Schönheitssinn verdirbt beim Anblick ...

Der schönsten Blondine, die ich kenne, bemerkte Siegbert, nur um frei zu kommen. Nein, gnädige Frau, ich leide, weil ein geliebter Bruder nicht schreibt, weil mich Verhältnisse verwickeltester Art, allgemeine und persönliche Interessen, mit Gewalt in die mir verhasste Residenz zurücktreiben ... wie gerne würde' ich ...

Herr von Sänger hatte sich erhoben und stützte sich auf seinen alten Krückstock. War es einmal so weit mit ihm gekommen, so durfte nicht zu lange gezaudert und geplaudert werden.

Vorwärts! kommandirte er mit militairischem Brummbasstone, hinter dem aber die gutmütigste Bequemlichkeit versteckt war. Vorwärts! Madame! Monsieur! Das gibt einen Winter 1812! Ich fühl' es! Mein Rheumatismus bekommt historische Erinnerungen ...

Und als man ihm seinen grossen Pelz umwarf, sagte er:

In einer solchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei, als es rückwärts ging ... Adieu, Frau von Zeisel! Schöne Hebe, was muss Ihnen so wohl sein in Ihrem heissen Blute!

Mit ähnlichen derben Spässen ging er voran. Siegbert und Frau von Sänger folgten. Der Bediente trug Mäntel und Pelze.

Siegbert war nicht in dem Grade abstract, dass er für die kleinen Koketterieen einer hübschen Frau unempfindlich geblieben wäre. Aber sein Innerstes wurde nicht davon berührt. Es gibt sogar eine Art von Courtoisie im Umgang mit gefallsüchtigen Frauen, wo man in die Lage kommen kann, um nicht zu verletzen, rücksichtsvoll zu sein. Dankmar wenigstens hatte einmal zu Siegbert gesagt: "Der Henker hole unsre Gutmütigkeit! Hätt' ich nur all' die Zärtlichkeiten wieder heraus, die sich Einer Anstands halber mit Gewalt auferlegt, um dem holdesten Geschlechte nicht wehe zu tun! Schon die verdammte Gewissenhaftigkeit bei übereilt bewilligten Stelldicheins! Diese zarte Schonung, Besuche zu wiederholen, wo uns schon der erste Mühe machte, der erste Überwindung kostete! Wir sind zu gut, zu vornehm, Bruder! Wir zahlen immer gleich mit blanker Silbermünze, wo ein paar Kupferheller vollkommen genug wären."

Wenn man Briefe mit ungeduldiger sehnsucht erwartet, geniesst man Das,