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sein Schicksal verdient hatte. Einen genaueren Zusammenhang ahnte nur Ackermann wegen der von ihm aus Amerika gebrachten Summen. Was man aber von dem Engländer Murray, von Louis' Urteil und von der Schwester denken sollte, war auch ihm rätselhaft.

Wie dem auch sei, sagte Herr von Zeisel zu Ackermann, es ehrt Herrn Oleander, dass er die gleiche Teilnahme der reichen Müllerin und dem, wenn nicht armen, doch wenig geachteten Schmied bewies. Ich denke an Stromersetzte er mit einem Seitenblick auf die einsam wandelnde Pfarrerin, die nicht zuhörte, leise hinzuich denke an Stromer, dem alle diese Vorkommnisse gering und seiner nicht würdig erschienen und bei allem geist, den ihm Niemand absprechen wird, keine fesselnden Worte abgewannen.

Es fehlte ihm wohl das Herz! sagte Ackermann.

Ich möchte auch Das nicht sagen, bemerkte Herr von Zeisel. Er schreibt doch in den Blättern mit grosser Empfindung. Die Briefe an die Seinigen sind oft kurz und zerfahren, oft aber auch voll Rührung ...

Vielleicht über sich selbst, bemerkte Ackermann. Nenne man Das doch nicht Herz, wenn ein Mensch leicht in Tränen zerfliessen kann! Ich habe Frauen gekannt, die viel weinten und die doch nur ihre Nervenschwäche hätten für ihr Gemüt ausgeben sollen. Stromer ist voll Rührung über sich selbst. Er weint darüber, dass er weinen kann. Er bewundert sich, wenn er voll Wehmut einen Kirchhof oder den erwachenden Frühling betrachtet. O diese eitle Selbstbespiegelung! Ich erkenne das Herz nur bei den Menschen an, die im stand sind, aus andern Menschen herauszuempfinden und in ihnen wie in sich selbst zu leben.

Oleander, der einesteils zu zartfühlend war, um sich auf Kosten seines Vorgängers rühmen zu hören, andrerseits die Gewohnheit hatte, nach dem Ernste gern in einem scherzenden Tone sich wieder mit der naiven, ihm eigentümlichen Auffassung zu vermitteln, bemerkte:

Ich will gleich sehen, wer unter uns Herz hat! Da sehe' ich Damen in Pelzwerk und Mänteln kommen ...

Meine Frau, sagte Herr von Zeisel, Frau von Sänger und fräulein Selma Ackermann.

Ich sehe schlecht, fuhr Oleander fort, wo geht fräulein Selma?

Rechts, sagte Herr von Zeisel.

Links, fuhr Ackermann fort, geht Siegbert Wildungen.

Ihr irrt! Rechts Frau von Sängerbemerkte Oleander ...

Nein, nein, links geht Frau von Sänger! bestätigten Alle.

Da meinte denn Oleander:

Seht! Ihr Alle habt kein Herz! Wie könnt Ihr sagen: es gehe einer rechts für Euch, da er doch links für sich geht? Nach Herrn Ackermann's richtiger Teorie vom Herzen muss man Den, der uns begegnet, auch von der Seite aus kommend darstellen, die ihm selbst die linke, ihm selbst die rechte ist!

Der Widerspruch und der Scherz, den diese Bemerkung hervorrief, wurde von den Damen abgeschnitten, die über die Kälte, über das lange Ausbleiben der Herren klagten. Frau von Zeisel warf auf Siegbert so schmollende Blicke, dass er sich wiederholt für seinen erst heute, acht Tage nach dem Diner wiederholten Besuch entschuldigte. Er erklärte, dass er sich noch nicht von dieser überraschenden Veränderung hätte erholen können: so widerspräche Alles, was er zu finden hoffte, Dem, was er wirklich fände.

Frau von Sänger führte das Wort und schilderte den Fleiss und die in Anspruch genommene Musse des jungen Malers mit einer Lebendigkeit, die Niemanden verdriesslicher war als der Justizdirektorin. Sah sie sich doch auch von Oleander, der mit Selma und Franziska allein ging, verlassen!

Oben im Amtshause widmete man Allen, die das Begräbniss des unter so eigentümlichen Umständen dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte, noch einen solennen Nachmittagskaffee, dann trennte sich Heunisch, der als Leidtragender vom Justizdirektor mit freundlicher Herablassung eingeladen war, von Franziska und tröstete sich mit den Zerstreuungen, die jetzt die Jagd, der Verkauf, die Ablieferung des geringen Wildprets mit sich führen würde. Selma hatte Franziska schon so liebgewonnen und an sich herangezogen, dass sie sich gern mit ihr isolirte und sonderbarerweise von allen Anwesenden Niemanden lieber den rücken kehrte als Siegbert. Dieser fühlte diese Zurücksetzung und bemerkte auch, dass Ackermann gegen ihn befangen war. Auf einem Schlitten fuhren die Ullagrunder früher von dannen; doch wiederholte Ackermann die Einladung an Siegbert. Wenn er noch in der Gegend bliebe, würde er ihnen doch einen Besuch schenken? Der innige Händedruck, mit dem er schied, stand in Widerspruch zu seinem Benehmen. Selma aber, die in ihrem Pelzkragen, ihrem Muff und dem blauen Schleier auf dem Sammtute recht "vollkommen", wie Frau von Zeisel sagte, oder "unternehmend", wie es Frau von Sänger nannte, aussah, verharrte in ihrem Gleichmute und verwundete fast den von den Frauen etwas verwöhnten jungen Mann. Als der Schlitten fortgefahren, beklagte sich Siegbert bei Oleander.

Dieser stand an einem entlegenen Fenster und erwiderte:

Ich möchte behaupten, dass Selma selbst nicht weiss, warum sie Ihnen so sein muss, wie sie ist.

Bemerkten Sie denn auch die fast absichtliche Kälte?

Absichtliches bemerkte ich nichts, aber dass sie vor Ihnen Scheu hat, eine unbewusste, ihr selbst nicht klare, erkenn' ich wohl.

Wie ist Das möglich? Was weiss sie Schlimmes von mir? Dass sich diese beiden verheirateten Frauen mir teilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen, ist Das meine Schuld?

Ich glaube kaum, dass Selma so urteilt, so nur beobachtet. Sie beobachtet gar nicht und urteilt