, aus den Schornsteinen, ja, da wir auf dem land sind, aus dem dampfenden Dünger entstieg, öffneten sich einzelne Falten des grossen weissen Gewandes und verrieten, dass unter ihm etwas Lebendiges ruhte. Bald gesellte sich zum Schnee der Frost, der ihn ballte und so kittete, dass er unter dem Fusstritt und dem Wagendrucke knisterte. Die Geleise, die in der vom Wind verwehten Schneedecke auf der Landstrasse und im wald nicht bleiben wollten, froren nun fest. So kalt es war, so kam man nun doch eher zum Vorschein, weil man feste Wege fand. Da standen denn die Bäume mit grossen weissen Harnischen gepanzert, die ihnen im Schneegestöber angeweht und dann gefroren waren. Die kleinsten Zweige hätten unter der Lupe betrachtet millionenfach wunderbare Krystallisationen geboten. Wie glänzten diese zarten Kandirungen an der blutrot aufsteigenden Sonne, deren Strahlen nur Morgens, Mittags und Abends die Kraft hatten, durch den Nebel hindurchzudringen! Da wo sonst tiefe Abgründe und Klüfte waren, hatte sie das Schneegestöber ausgefüllt und trügerische Bahnen geschaffen, die nur unter dem pfeilschnellen Fluge des Wildes nicht nachliessen. Man sah die Spuren des flüchtigen Wildes. Viele Jagdliebhaber, die für Wochen und Monate eine Licenz zum Schiessen lösten, verfolgten sie auf Umwegen. Auch die Klingeln der Schlitten belebten die erstorbene Gegend, wie der Knall der Büchsen. Wer sich jetzt gegenseitig besuchte, durfte voraussetzen, freundlicher als sonst aufgenommen zu werden.
Noch ehe die Erde zu harten Schollen gefroren war, hatte sie zu ewiger Ruhe zwei Entseelte aufgenommen. Die Müllerin und acht Tage später den blinden Jakob Zeck. Der Schuss war dem Schmied unter dem Schlüsselbein eingedrungen. Die Sorgfalt Reinick's vermochte nichts gegen den Brand.
Zwei so rasch unter solchen Umständen sich folgende Begräbnisse regten die Umwohner genugsam auf und laut genug wurden jene Todtengerichte gehalten, die jedem Sterbenden folgen, wenn auch nicht so feierlich wie einst in Ägypten, und bei den Meisten auch nur in Gedanken. Der Vikar Oleander aber hielt sie in Worten an den offenen Gruben und achtete des Schnees und der Kälte nicht. Hatten doch auch die Menschen noch gewusst, Blumen aufzutreiben, warum sollte er mit Worten geizen! Sein schönes Talent, den Augenblick und die Situation selbst reden zu lassen, bewährte sich auch hier und Viele sagten, dass er am grab des blinden Zeck fast noch rührender gesprochen als an dem der Müllerin. Hier klapperte ja die Mühle fort, es fehlte dem Gatten Niemand! Da aber stand ein Sohn, der sich, für so beschränkt er sonst galt, im Verlust seines (ihn führenden) Vaters wie ein Verzweifelnder gebehrdete und sich mit wildem Schmerze auf den Sarg warf, um ihn nicht schliessen zu lassen! Da stand Heunisch, dem der plötzlich weisser gewordene Schnurrbart rings vom Atem und der Kälte vollends gereift war! Er hatte Louis nicht mehr gesprochen und von Ursula, die zum tod geknickt schien, nur verworrene Aufklärungen erhalten. Da stand Franziska Heunisch, die mit Selma eben ein trauliches Stillleben beginnen wollte, als sie dieser Fall beinahe wieder auseinanderriss! Doch hoffte Heunisch, die Marzahn würde es noch bis zum März bringen. Auch zwang ihn die Jagd, viel Menschen zum Treiben und Transport des Wildes ohnehin immer um sich zu haben und oft kam er nun drei, vier Tage lang nicht mehr nach haus. Da stand Herr von Zeisel, der nur bedauerte, wie unklar sich dieser ganze Vorfall anlasse und wieviel es Correspondenzen kosten würde, die Gerichte der Residenz mit den Ergebnissen der hiesigen Untersuchung in Einklang zu bringen! Da stand auch noch Siegbert Wildungen, den Louis' plötzliches Verschwinden schmerzlich genug, weil mit solchen Umständen verbunden, überraschte. Alle hörten sie Oleander's Betrachtungen mit Rührung zu. Er verschwieg nicht, dass dieser tote wenig Freunde gehabt und Allen eher kalt, als warm erschienen sei. Er hätte die Liebe, die er nicht gesucht, auch nur bei Wenigen gefunden. So kam der junge Redner auf die Verstockung des Herzens, die hier eine Folge des leiblichen Gebrechens mochte gewesen sein und sprach mit grosser Offenheit darüber, dass Die, die auch geistig taub sind, die geistig nicht sehen wollen, auch an ihrem noch besseren Teile einbüssen. Auch an Louis' Mitteilung, dass dieser Blinde seinen Tod sich selbst zuzuschreiben hätte wegen eines bösen Anfalls von Jähzorn und schlimmer Tücke, fest und unerschütterlich sich haltend, verschwieg Oleander zur Warnung kein Fehl des Dahingegangenen und goss erst zuletzt das milde Licht der himmlischen Gnade, deren wir Alle bedürften, über seinen weihevollen Vortrag. Dem Sohne, sagte er dann, zu ihm sich wendend – die Umstehenden berührten den Tauben, um ihm zu sagen, der Pfarrer spräche mit ihm – kann ich nichts sagen, da ihm das Ohr für menschliche Rede verschlossen ist! Blicke hin und höre die Sprache, die du siehst! Diese Erde – er zeigte auf die Grube – und jener Himmel – er zeigte empor – sind Eines, so wir reinen Herzens sind – er legte dabei die Hand an die Brust.
Der Taube verstand ihn und weinte. Er war in den Dreissigen und jetzt hülfloser wie ein Kind.
Als man vom Kirchhof heimging, hörte Siegbert noch ausführlicher, was sich Alles im wald zugetragen hatte. Heunisch und Zeisel erzählten, auch Pfannenstiel trat näher. Allen fiel auf, dass aus dem kleinen Schranke der ganze Inhalt fehlte, den Heunisch freilich selbst nie gesehen hatte. Das gewaltsame Aufschlagen mit dem Hammer schien Allen erwiesen und Niemand bezweifelte, dass der Blinde