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Indem wurde Murray zwischen die beiden Dragonerpferde genommen und gefangen fortgeführt.
Louis umarmte ihn noch einmal mit Tränen.
Die Umstehenden machten eine eigne zwischen Spott und Erstaunen gehaltene Miene, als Murray noch die Worte sprach:
Mein Freund, trauern Sie nicht! Sie kennen meine Lehre, meinen Glauben! Ich dulde gern, denn ich weiss, wofür ich dulde! Geh' es Ihnen wohl! Sie haben in ein Leben, in Verhältnisse geblickt, über die man nur zu rasch ein Kreuz schlägt und sagt: Da ist nichts zu ändern! Holen Sie sich das Bewusstsein aus ihnen, ein reiner, mit Ihrem Innersten einiger Mensch zu sein! Gottes Geist erleuchte Sie! Wirken Sie Gutes! Und wollen Sie meiner gedenken, so gedenken Sie, dass der Zweck unsrer Reise erreicht ist. Wir wissen, dass Paul lebt! Die letzten Antworten Ursula's waren erleuchtet. dafür dank' ich Gott und Ihnen.
So schied Murray und schritt zwischen den Pferden und den Sporen der Reiter voll Demut hin.
Mullrich und Kümmerlein, die ihre Prämie verdient hatten, folgten mit spöttischem Blicke auf Louis Armand, den nur die Beziehung zum Fürsten und Premierminister schützte.
Pfannenstiel half diesem, den bewusstlosen Blinden in eine Nebenkammer auf ein Bett bringen. Ursula sass am Ofen und schien von Allem, was sie umgab, nichts mehr zu bemerken ...
Dann folgte Pfannenstiel den Übrigen und versprach, einen reitenden Boten nach Randhartingen zu schicken, um den Doktor Reinick zu holen.
Wie Louis mit dem ächzenden Blinden und Ursula allein war, befiel ihn erst eine Furcht, die er vorher nicht kannte ...
Ursula liess es ruhig geschehen, dass er die zerstreuten Papiere, das Gesangbuch, den Kamm, den Blumenstrauss zusammenraffte und zu sich steckte. Vor den Gläsern entsetzte er sich und mochte sie nicht untersuchen ...
Ursula sass in der kammer neben dem Bruder, dem nur ein kundiger Arzt helfen konnte. Sie liess das Haupt hängen und schien selbst, hochbetagt wie sie war, ihrem Ende nahe. Sie versprach, Louis' Weisungen zu folgen, holte auch wasser, sprach auch von Umschlägen, die sie machen wollte, tat eigentlich vernünftiger als vorher und doch war es nur mechanische, fast gedankenlose Bewegung.
Da Louis Heunisch's Rückkehr nicht abwarten konnte, ging er zuletzt still, ohne dass es Ursula merkte, aus dem verhängnissvollen haus. Mit welchen Gefühlen! Die Wahnwitzige blieb mit dem Bewusstlosen, Sterbenden allein zurück.
Es war Schnee gefallen. Ein Leichentuch deckte die Erde. Wohin Louis blickte, die weissen Schimmer des Winters ...
Plessen fand er in grosser Bewegung. Die Arrestation, die Verwundung des Schmieds, die Entpuppung der beiden Gesellen in der Schmiede hatte Alles in Aufregung gebracht ...
Auf dem schloss fand Louis die Sachen des schon weiter geführten Murray mit Beschlag belegt ...
Der Justizdirektor empfing Louis in dem Eckzimmer an dem noch offen stehenden Klavier und bedauerte diese Vorfälle, die zu erleben, zu beobachten, zu untersuchen, zu erörtern, ganz gegen seine natur ging ...
Herr von Zeisel musste mit dem Aktuar Weisse ein Protokoll aufnehmen. Louis unterschrieb es und erzählte Alles, was er glaubte über Murray mitteilen zu müssen. Er verschwieg, dass Murray Zeck's und der Ursula Bruder war. Er schilderte seine Bekanntschaft mit Murray als die harmloseste, gestand zu, dass jener Alte aus Mistrauen und Lebensüberdruss ein Pistol bei sich führte und berief sich als Ursache des Streites zwischen ihm und dem blinden Schmied auf eine Familienangelegenheit, die er erst später den Gerichten glaubte mitteilen zu dürfen ...
Herr von Zeisel blieb gütig und wohlwollend, fand es auch in der Ordnung, dass Louis vorzog, schon morgen in die Residenz zurückzukehren. Er selbst wusste über Murray nichts, als dass höhern Orts zwei Polizeiagenten wären aus der Residenz geschickt worden, um einen gewissen Murray, der an diesen und jenen Dingen zu erkennen wäre, zu beobachten und im Falle zweideutigen Benehmens, besonders aber im Falle einer Beziehung zu dem Schmiede Zeck und dem Försterhause, sogleich festzunehmen und in die Residenz zu senden ...
Louis musste über diesen Zusatz sehr erstaunen und ahnte, dass sich die alten gewaltigen Mächte gegen den aus Amerika zurückgekehrten verhassten Vater des verschollenen Paul Zeck deutlich genug regten.
Er hatte eine schlaflose Nacht ...
Am frühesten Morgen weckte er die alte Brigitte und Winkler, gab ihnen Trinkgelder, die nicht seiner eignen Lage, wohl aber dem Orte, den er bewohnt hatte, angemessen waren und entfernte sich, ohne Abschied von Oleander zu nehmen, mit einer schon am Abend bestellten gelegenheit in der Stille von Hohenberg. Nur an Franziska liess er zur Besorgung einige geschriebene liebevolle Worte zurück ...
Mit banger Wehmut über unsre Erdenschicksale, über fremdes in der Irre gehendes Hoffen und sein eigenes so Viel verfehlendes Streben, zog es ihn jetzt dahin, wohin man den unglücklichen Murray geführt hatte.
Eilftes Capitel
Unterm Schnee
Die weisse Decke des Winters blieb und wuchs. Der Winter erstarrte Alles, was in der natur noch zu leben, irgend noch zu wachen versuchte. Die wenigen zurückgebliebenen Vögel flüchteten den Wohnungen der Menschen näher, doch auch diese hatten sich strenger verschlossen und schienen ärmer an Liebe, sparsamer mindestens mit ihren freundlichen Gaben, selbstbekümmerter in sich zurückgezogen. Der Schnee lag so hoch, dass man die Dörfer aus ihren Decken kaum heraus erkennen konnte. Nur wo irgend ein warmer Hauch, aus der Küche